Gesellschaftsnormen vs. Abweichung

Redaktion Von Redaktion
Gesellschaftsnormen vs. Abweichung
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Im Mittelpunkt der Hirschfeld-Tage, welche die Bundesstiftung zusammen mit dem Lesben und Schwulenverband Berlin-Brandenburg durchführt, finden 2012 30 Veranstaltungen unter der Losung "L(i)ebe die Vielfalt" statt. Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln werden dabei gesellschaftliche Normen und Abweichungen sowie der Wert der Vielfalt (Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle, sexuelle Identität) beleuchtet.

Seit dem 7. Mai 2012 finden zum ersten Mal die Hirschfeld-Tage statt. In Kooperation mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) führt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld diese Veranstaltungsreihe durch. Bis zum 23. Juni werden dreißig verschiedene Veranstaltungen durchgeführt. Dabei stehen unter anderem sexuelle Vielfalt, Geschlechtsidentität und die Verfolgung von Homosexuellen im Fokus.

"Unsere 2011 gegründete Stiftung wird durch interdisziplinäre Forschung und Bildung der Diskriminierung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen entgegenwirken", erklärt Jörg Litwinschuh, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung, und fährt fort: "Zugleich möchten wir das Erbe von Magnus Hirschfeld wachhalten und die Verfolgung von Homosexuellen, die nach dem Paragraphen § 175 des Strafgesetzbuches verurteilt wurden, erforschen und dokumentieren. Durch die Hirschfeld-Tage möchten wir diese Themen einem breiten Publikum näherbringen."

Denkmalerrichtung im Blick

Besondere Beachtung dürfte die Vorstellung des LSVD-Projekt für ein Denkmal, das an die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung erinnern soll, finden. "Im Rahmen der Hirschfeld-Tage wollen wir unserem Ziel der Errichtung dieses Denkmals Nachdruck verleihen. Dieses Denkmal soll an die im 19. Jahrhundert entstandene und im Nationalsozialismus zerschlagene Bewegung erinnern. Es soll gegenüber dem Bundeskanzleramt am Magnus-Hirschfeld-Ufer errichtet werden", so Jörg Steinert, Geschäftsführer des LSVD Berlin-Brandenburg. Die Spenden, die während der Veranstaltungen gesammelt werden und unter anderem durch Erlösverzicht der Künstler zustande kommen, sollen der Errichtung dienen.

Doch die Veranstaltungen der Hirschfeld-Tage sollen nicht in der Vergangenheit verwurzelt bleiben. Die historische Erfahrung soll vielmehr als Grundlage für aktuelle Fragestellungen dienen und die Tage sollen so Debatten anstoßen, Antworten auf Fragen geben wie nach der Bedeutung von Personen wie Magnus Hirschfeld, nach den Lehren aus der Verfolgungsgeschichte und nach der Verantwortung für heutige und zukünftige Generationen sowie vielen mehr.

Gedenken an erste schwullesbische Emanzipationsbewegung

Die Bundesstiftung wird die Veranstaltungs-Reihe zukünftig alle zwei Jahre in andere Regionen Deutschlands tragen. Namensgeber der Stiftung ist der jüdische Arzt und Sexualreformer Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935). Er war einer der Gründungsväter der ersten deutschen Emanzipationsbewegung der Homosexuellen. Im Rahmen seiner Arbeit begründete er das Berliner Institut für Sexualwissenschaft, welches Weltruhm erlangte. 1933 wurde es von den Nationalsozialisten geplündert. Damit wurden nicht nur die Buchbestände, die auf dem Bebelplatz verbrannt wurden, vernichtet, sondern auch eine Einrichtung, welche sich bereits zur damaligen Zeit für die Integration von Homo- und Transsexuellen einsetzte und gegen jedwede Form der Antihomosexualität, egal von staatlicher oder gesellschaftlicher Seite, Front machte. Diese erste Emanzipationsbewegung gilt weltweit bis zum heutigen Tage als Vorbild.

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Plakat "Hirschfeld-Tage"

Plakat "Hirschfeld-Tage"

dbna stellt einige interessante Termine bis zum 23. Juni 2012 vor

Am 04.06.2012 ab 18 Uhr wird im Abgeordnetenhaus von Berlin, Niederkirchnerstraße 5, 10117 Berlin eine Diskussion zu "Verfolgung und Diskriminierung von Lesben und Schwulen in beiden deutschen Staaten" von der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag veranstaltet.
Im Zentrum der Diskussion steht die strafrechtliche Verfolgung schwuler Männer in beiden deutschen (Nachkriegs-)Staaten. 50.000 Männer wurden in der Bundesrepublik bis 1969 nach §175 Strafgesetzbuch in der nationalsozialistischen Fassung verurteilt. Diesen stehen in der DDR 3.000 Verurteilte gegenüber, jedoch nach der Fassung der Weimarer Republik des §175. 1957 empfahl die DDR-Volkskammer, dass der Paragraph nicht mehr angewendet werden sollte. Nachdem sich die DDR ein eigenes Strafgesetzbuch gab, wurde Homosexualität im §151 geregelt, der schließlich 1989 noch vor der Wende gestrichen wurde. 1969 wurde in Westdeutschland der Paragraph deutlich entschärft, doch die endgültige Entfernung fand erst 1994 statt.

Am 05.06.2012 um 19 Uhr wird im DGB-Haus am Wittenbergplatz, Keithstraße 1-3, 10787 Berlin der Film "Der Einstein des Sex" gezeigt. Veranstalter ist Rosa von Praunheim, einer der Begründer der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik.

Am 07.06.2012 von 14 bis 17 Uhr findet im Konrad-Adenauer-Haus, Klingelhöfer Straße 8, 10785 Berlin ein Gespräch mit dem Titel "Politik als People Business wie passen queer und konservativ, schwarz und bunt zusammen?", welches von der LSU (Lesben und Schwule in der Union Deutschlands) organisiert wird. Gesprächspartner werden Ole von Beust (Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg a.D.), Peter Altmaier MdB (Bundesminister für Umwelt), Dr. Regina Görner (Mitglied im CDU-Bundesvorstand und LSU-Mitglied) sein.
Die Veranstalter bitten um Voranmeldung per E-Mail: ronny.pohle@lsu-online.de

Am 07.06.2012 um 19 Uhr hält an der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für deutsche Literatur, Hörsaal 1.101, Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin Prof. Dr. Andreas Kraß von der Goethe-Universität Frankfurt am Main einen Vortrag über "Von der Freundesliebe zur Homosexualität. Literaturwissenschaft und Sexualwissenschaft in der Weimarer Republik". Veranstalter sind die Initiative Queer Nations e.V.  und das Institut für deutsche Literatur.

Am 10.06.2012 um 16 Uhr findet in der Emmaus-Kirche, Lausitzer Platz 8a, 10997 Berlin-Kreuzberg die Benefiz-Veranstaltung  "Magnus-Hirschfeld-Denkmal-Benefiz-Konzert" statt, welches von "concentus alius", dem schwullesbischen Orchester, organisiert wird.

Am 12.06.2012 um 19 Uhr debattiert man im Deutschen Bundestag, Paul-Löbe-Haus, Sitzungssaal E 200, 11011 Berlin über "Aufklärung und Toleranzarbeit an Schulen zu Homosexualität". Im Zentrum steht Aufklärung auf den Schulhöfen, wo "schwule Sau" als Beleidigung virulent ist. Als Referenten sind zur Diskussion  über "Best Practices" bestehender Schulaufklärungsprojekte zu Homosexualität, über den Stand in den einzelnen Bundesländern sowie über die Perspektiven einer bundes-weit flächendeckenden Toleranzarbeit Benjamin Kinkel, Koordinator des Schulaufklärungsprojektes "SCHLAU NRW" und der Bundesvernetzung "Vielfalt macht Schule", und Jörg Litwinschuh, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
Träger der Veranstaltung ist die FDP-Bundestagsfraktion. Anmeldungen sollen bist 6. Juni 2012 bei veranstaltungsbuero@fdp-bundestag.de erfolgen.

Am 14.06.2012 um 19 Uhr wird im Sonntags-Club e. V., Greifenhagener Straße 28, 10437 Berlin - Prenzlauer Berg über das Thema "Homosexuellenhass und Antisemitismus" gesprochen. Veranstalter ist der Berliner CSD e. V. und die Initiative Queer Nations e. V.
Dabei soll es um die Unterschiede und Ähnlichkeiten, Identitäten, Exile, Diaspora, Selbst- und Fremdzuschreibung und Perspektiven des Lebens in einer unheimlichen Welt gehen. Moderiert wird das Gespräch von dem Politikwissenschaftler Bodo Niendel, während Dr. Ulrich Baumann, stellvertretender Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Elke Gryglewski, wiss. Mitarbeiterin im Haus der Wannsee-Konferenz, sowie Jan Feddersen, Vorsitzinder der Initiative Queer Nations, referieren werden.

Mehr zum Programm gibt es unter http://www.hirschfeld-tage.de/programm.php.

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