Gesucht: Die Frau fürs schwule Glück

Redaktion Von Redaktion
Gesucht: Die Frau fürs schwule Glück
flickr.com/The Wu's Photo Land

Damit seine Eltern ihr Gesicht wahren können, muss der schwule Haiwen eine Ehefrau finden. Denn Homosexualität ist im ländlichen China ein Tabuthema. Doch der 23-Jährige hat sich damit abgefunden.

Zwei Stunden Zugfahrt von Peking entfernt liegt Beidaihe, ein ehemaliges Fischerdorf. Im Winter ist es hier menschenleer, kaum Autos auf der Straße, es weht ein frischer Wind und riecht nach Meer. Es ist wie in einer Seifenoper: Vater, Mutter und Sohn sitzen in einer Reihe auf dem Sofa. Doch hier endet bereits die Idylle, denn Haiwen hat ein Geheimnis, das seine Eltern nie erfahren dürfen. Er ist schwul.

In seinem kompletten sozialen Umfeld wissen nur wenige von seiner Homosexualität. Denn für seine Eltern existiert dieser Gedanke nicht. Allein mit dem Wort für homosexuell, "tongzhi" 同志, das dieselbe Bedeutung wie "politischer Genosse" hat, verbinden seine Eltern die Kommunistische Partei und keine sexuelle Orientierung. Die Vorstellung, keine Enkelkinder zu bekommen, ist für Chinesen schwer zu ertragen.

Nach dem Studium: Haiwen zieht zurück zu den Eltern

Denn im ländlichen China ist es für die Menschen wichtig, das Gesicht zu wahren. Beispielsweise damit, dass die Kinder auf gute Universitäten geschickt werden, um Ihnen später bessere Jobchancen und damit Wohlstand zu ermöglichen. Die öffentliche Wahrnehmung der Familie ist der wichtigste Aspekt der Gesichtswahrung, denn durch eine intakte und große Familie wird wiederum Wohlstand und Ansehen zur Schau gestellt. Da dürfen Enkelkinder selbstverständlich nicht fehlen.

flickr.com/li yong
Kitsch darf nicht fehlen: Typische Souvenirs auf dem Markt.

Kitsch darf nicht fehlen: Typische Souvenirs auf dem Markt.

Haiwen ist 23 Jahre alt und hat in den letzten drei Jahren in der südchinesischen Stadt Ningbo Business Management studiert. Nach seinem Bachelorabschluss ist er erstmal zurück zu seinen Eltern nach Beidaihe gezogen. Sie beraten gemeinsam, wo und wie es für ihn weitergeht. Warum er seine Unabhängigkeit aufgibt und wieder zu seinen Eltern zieht? "Meine Eltern spielen nach wie vor eine wichtige Rolle in meinem Leben. Selbst wenn sie nicht wissen, was ich bin und es auch nicht erfahren werden, sind sie ein Teil meines Lebens" sagt Haiwen.

Vor allem auf dem Land sind Traditionen nach wie vor bedeutend

Während dem Mittagessen mit seinen Eltern fragen sie, wie man in Deutschland mit dem Thema Heirat und Kinder umgeht. Sie wollen wissen, in welchem Alter Deutsche durchschnittlich heiraten. Haiwens Eltern sind sehr neugierig und aufgeschlossen und so erfahren sie auch, dass deutsche Eltern sich in der Regel wenig in Liebesangelegenheiten der Kinder einmischen. Freudig erzählen sie, dass man in China nun auch ein zweites Kind beantragen kann.

Selbst wer lange Zeit in China lebt, stößt immer wieder auf Überraschungen und entdeckt Neues. Haiwen befindet sich in einer Zwangslage, denn im Gegensatz zur Stadt wird auf dem Land mehr Wert auf Traditionen und Familie gelegt.

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In den Metropolen wie Shanghai gibt es eine schwule Szene inklusive Pride. Auf dem Land nicht.

In den Metropolen wie Shanghai gibt es eine schwule Szene inklusive Pride. Auf dem Land nicht.

Plicht der Eltern Pflicht der Kinder

In China gibt es offiziell keine Religion. Traditionell folgen die Chinesen den Regeln des Konfuzianismus, der moralischen Lehren und gesellschaftlicher Vervollkommnung folgt. Konfuzius Lehren beruhen auf fünf Tugenden, aus denen sich wiederum drei Prinzipien ableiten lassen: "Loyalität", "Wahrung von Anstand und Sitte" und das für die Erziehung wichtigste Prinzip, die sogenannte "kindliche Pietät" (xiao 孝).

Dieses Prinzip regelt, dass die Kinder ihren Eltern "gehorsam" sind, sie später versorgen und die Familienehre weiterführen. Die Eltern hingegen widmen das Leben ihrem oftmals einzigen Kind und finanzieren das Studium, die erste Wohnung und das erste Auto. Das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Kind ist durch die konfuzianischen Traditionen klar geregelt. Je nach Familie werden die Traditionen intensiver oder schwächer ausgelebt.

"Homosexualität spielte zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle"

Nach dem Essen ein Spaziergang am Strand von Beidaihe. Im Sommer ist der Ort voller chinesischer und russischer Touristen. Sogar die Führungselite der Kommunistischen Partei hat hier einen Privatstrand und kommt im Sommer immer für einige Wochen nach Beidaihe, um dem Pekinger Sommersmog zu entfliehen. Haiwen erzählt von damals, als er gemerkt hat, dass er sich bereits im jungen Alter "zu großen und starken Männern hingezogen fühlte", doch erst mit 17 Jahren konnte er sich dann eingestehen, dass er wohl "ein Genosse" ist.

vimeo/screenshot - Model- Symbolfoto
Nicht wenige schwule Chinesen heiraten eine Frau. Der Druck der Familie ist einfach zu groß.

Nicht wenige schwule Chinesen heiraten eine Frau. Der Druck der Familie ist einfach zu groß.

"Homosexualität spielte zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle in meinem Leben, aber meine ersten Gedanken waren, wie ich es vor meiner Familie geheim halten kann". Die Versuche, ihn zu ermutigen und zu sich zu stehen, verhallen. Er sagt, dass Sexualität für ihn keine übergeordnete Rolle spiele. Auch wenn er nur sehr wenige Erfahrungen mit anderen Jungs habe, sei er sich dennoch sicher.

Populäre Lösung: Eine Lesbe heiraten

So wie es Haiwen ergeht, ergeht es auch Millionen anderer Chinesen. Viele werden aufgrund ihrer familiären Umstände in eine Ehe mit einer Frau gezwungen. Doch dieses Arrangement ist für beide Seiten unfair, denn keiner wird so geliebt, wie er es verdient hat. Die Folge: Viele Männer flüchten zu männlichen Prostituierten, um sich ihre Sehnsüchte zu erfüllen.

In der Szene entwickelt sich jedoch eine Taktik, dem Zwang der ungewollten Ehe zumindest halbwegs zu entkommen. Nicht wenige Schwule suchen sich eine "lala"拉拉, eine lesbische Frau, und heiraten. Beide Seiten schließen eine Art Deal. Meist sind sie bereits befreundet und wohnen zusammen, um für einen elterlichen Überraschungsbesuch gewappnet zu sein.

pixabay - Model/Symbolfoto
Junge Männer wie Haiwen haben sich damit abgefunden, ihre sexuelle Orientierung nicht ausleben zu können.

Junge Männer wie Haiwen haben sich damit abgefunden, ihre sexuelle Orientierung nicht ausleben zu können.

Langsamer Wandel in der Gesellschaft

Haiwen ist nicht der einzige, der seine Sexualität verstecken muss. , Denn statistisch gesehen sind fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell. In China wären das mindestens 70 Millionen Menschen: Das entspricht der Einwohnerzahl Frankreichs. Doch die chinesische Gesellschaft wandelt sich sehr langsam. In Peking und Shanghai werden schwule Clubs seit einiger Zeit schon von der Polizei toleriert, es gibt die Dating-App "blued", ähnlich wie Grindr, nur für den chinesischen Markt.

Doch von Gesetzen bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz ist es ein weiter Weg. Einzelnen Vorstößen zur Öffnung der Ehe, wie von der bekannten Soziologin und LGBTIQ*-Aktivistin Li Yinhe gefordert, wird ein Riegel vorgeschoben. Auch eine TV-Serie, die von vier homosexuellen Schülern handelt, hat die staatliche Zensurbehörde kurz vor Ende der ersten (und vermutlich letzten Staffel) vom Netz genommen.

Der Weg ins Ungewisse

Haiwens Zukunft ist schon so gut wie geplant, viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Er wird sich demnächst auf die Suche nach einer Frau fürs Leben machen müssen und sein "wahres Ich" weiterhin verstecken. Haiwen sagt, dass er wahrscheinlich in der Nähe seiner Eltern wohnen möchte, "damit das Kind später oft die Großeltern besuchen kann." Auf die Frage, ob er sich vorstellen kann, eine Scheinehe mit einer Lesbe zu führen, sagt er: "Das ist nichts für mich. Meine Frau verdient es, geliebt zu werden."

Der Spaziergang am Strand regt zum Denken an: Ist es eine bewundernswerte Tugend oder ein verschwendetes Leben? Wie groß ist die Macht von gesellschaftlichen Konventionen? Oder geht er nur den Weg des geringsten Widerstands? Haiwen sagt, er hätte keine andere Wahl, doch ist das wirklich so?

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