Hallo Leben!

Patrick Fina Von Patrick Fina

Patrick hat Schluss gemacht. Schluss mit zu viel Internet. Seitdem sieht erFarben viel intensiver und die Luft riecht nach Vanille-Eis. Auchsonst ist das Leben ganz anders, ein bisschen produktiver und intensiver.

Lieber Christoph,

ich weiß noch, dass es geregnet hat an diesem Abend. Schon der Tag war ganz seltsam grau gewesen und am Abend fielen dann die ersten Regentropfen auf Köln, auch in meinen Hinterhof. Ich saß auf meinem Balkon und rauchte eine Zigarette, das weiß ich auch noch. Wichtige Momente vergisst man nicht, sie bleiben ein Leben lang im Kopf gespeichert. Wie ein Video, das man einfach aus einem Regal im Kopf oder so nimmt, einlegt und immer wieder anschaut. Die Stimmung klemmte ein wenig und ich tat das, was man vermutlich immer tut, wenn man bei Regen auf dem Balkon sitzt und eine Zigarette raucht.

Ich dachte nach, über mich und mein Leben. Kam zu dem Entschluss, dass ich mehr Zeit bräuchte, um all die Dinge zu erledigen, die ich noch so gerne erledigen würde in diesem Leben. Zeit ist seltsam, man hat nie genug davon. Und gerade dann, wenn man wirklich dringend etwas fertig bringen muss, fängt man an zu trödeln. Da stimmt doch was nicht, dachte ich und zog an meiner Zigaretten.

Eigentlich hätte ich vor meinem Computer sitzen und eine Hausarbeit schreiben sollen. Landwirtschaft im Mittelalter. Klar, dass man da Ablenkung sucht. Den ganzen Nachmittag habe ich zwar schon an meinem Computer gesessen, aber geschrieben habe ich nicht. Zumindest keine Hausarbeit. Stattdessen verbrachte ich ganze drei Stunden damit, stupide das Internet durchzuklicken. Total ziellos einfach klicken und gucken, wie ein Bilderbuch. Gemerkt habe ich das erst, als ich eben auf meinem Balkon saß und darüber nachdachte.

Ich versuchte, mich an den Tag davor zu erinnern. Und an den Tag vor dem Tag davor - und je tiefer ich in die Vergangenheit vordrang, desto bewusster wurde mir, dass ich schon viel zu viel Zeit mit Rumklicken verbracht habe. Das Leben ist zu kurz, um es im Internet zu verschwenden.

Beispielsweise auf dieser einen, speziellen, großen schwulen Datingseite, deren Name ich hier nicht nennen darf. Der Name hat acht Buchstaben, fängt mit "g" an und hat irgendwo ein "y". Diese eine Seite, auf der fast jeder ist, du auch, aber die ich nicht namentlich nennen darf, weil sich das nicht gehört, wie man mir sagte. Auf jeden Fall: Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits mehr als zwei Jahre lang dort angemeldet. In diesen zwei Jahren habe ich einen Haufen Idioten kennen gelernt und vielleicht drei, vier wirklich nette Menschen. Eine ziemlich miese Bilanz. Was hätte wohl alles passieren können in dieser Zeit, wenn ich sie nicht auf dieser einen Seite, du weißt, welche ich meine, verschwendet hätte? Vielleicht wäre ich heute verheiratet mit einem reichen Mann, müsste nicht auf meinem Balkon in einem Kölner Hinterhof sitzen, sondern an einem Swimming-Pool an der Costa Brava. Dort würde ich garantiert dann gute Cocktails schlürfen und meinem Mann den Nacken kraulen. Und in jeder Minute, in der ich ihm den Nacken kraulte, hätten wir Tausende Euros verdient. Zinsen, du weißt schon.

Das ging mir durch den Kopf. Und während so die Gedanken durch mein Hirn zuckten, merkte ich, wie ich automatisch aufstand und an meinen Rechner ging. Ich rief diese ganz bestimmte Seite auf, die ich hier nicht namentlich erwähnen darf, ganz wie von selbst, klickte mich vor bis in die Benutzerverwaltung und löschte mein Profil. Wie ein Schlafwandler löschte ich mein Profil-  und erst als ich damit fertig war, wachte ich auf aus dieser "Trance" und mir wurde bewusst, was ich da gerade getan hatte.

Seit eben diesem Moment bin ich ein ganz neuer Mensch. Meine Hausarbeit über Landwirtschaft im Mittelalter war ruckzuck fertig geschrieben. Die Welt riecht plötzlich ganz anders und ich sehe Farben viel intensiver. Wenn ich Menschen kennen lernen möchte, gehe ich heute nicht mehr ins Internet, sondern in die Stadt. Vieles ist anders, das Internet plötzlich nur noch halb so oft von mir besucht. Ich habe angefangen, wieder E-Mails zu schreiben. Wie ungewohnt, wenn man lange Texte mit anderen Menschen austauscht - nicht immer nur so lieblos dahingerotzte Halbsätze, wie man sie bei bei Du-weißt-schon so häufig zu lesen bekam.

Ja, ich bin ein besserer Mensch geworden. Und Schuld war der Regen. Ich glaube übrigens, es war ein stärkerer Regen, als ihr ihn bei eurem Besuch bei Oscar Wilde in Paris hattet. In Paris war ich noch nie, bei Oscar Wildes Grab auch nicht. Aber ich habe ja jetzt wieder viel Zeit!

Und jetzt, lieber Christoph, mach die Kiste aus und genieße dein Leben!
Patrick

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com