Matthias ist umgezogen und freut sich des Lebens. Aber so einfach istdas eigentlich gar nicht. Denn ist man jetzt ein Hamburger, nur weilman in Hamburg wohnt? Was ist Hamburg überhaupt? Und kann man auchtrotzdem glücklich werden?

Lieber Christoph!

Wasfür Musik ich denn gerne höre, fragtest du zu Ende deines letztenBriefes und das möchte ich gleich hier am Anfang beantworten. Oder esversuchen... Denn eigentlich habe ich ganz klare Vorstellungen davon,was gute Musik ist und was nicht, aber das verbalisieren? Ich maggerne: intelligente, deutsche Texte, weibliche Stimmen (egal ob voneiner Frau oder einem Mann), mindestens ein bisschen Beat, keineGitarren die sich anhören wie Vergewaltigung und keinen Rap. Deshalbmeine Favoriten: 2raumwohnung, Paula, Stereo Total, Mia., VirginiaJetzt!, Bright Eyes, Klaus Nomi. Und momentan ganz besonders: Blumfeldund Rocko Schamoni. Also das, was man "die Hamburger Schule" nennt.Schon seltsam - da höre ich Jahre lang fast ausschließlich Musik ausBerlin, und jetzt, wo ich nach Hamburg gezogen bin, werde ich zumLokalpatrioten. Zumindest, was Musik anbelangt. Wie sollte ich Patrioteiner Stadt sein, die ich ja eigentlich kaum kenne?

Ich wohne jetzt seit etwa fünf Wochen hier in der Stadt an der Elbe.Den Unterschied zwischen Elbe und Alster kenne ich schon mal (Fallsdu's nicht weißt: Elbe ist Fluss mit Hafen und Alster ist See mitVillen). Und ich weiß, dass man im Schanzenviertel die tollstenKissenbezüge, die wortgewandtesten T-Shirts und die teuersten Bio-Keksekriegt. Dass der Ausdruck "Mö" hier keine Abkürzung für was obszönes,sondern für die größte Einkaufsstraße ist, wo das nächste Reformhausliegt, wie das mit der Nord- und Südroute der S-Bahn geht, und wann manam besten in Altona umsteigt. Ich finde am Hauptbahnhof den richtigenAusgang, und war sogar schon mal am Hafen. Aber bin ich deshalb einHamburger?

Ja, Christoph, es läge nahe, jetzt Witze über Fast-Food-Ketten zureißen. Aber das lasse ich. Ich bin jetzt, ganz offiziell, einHamburger, weil ich beim Einwohnermeldeamt war, eine halbe Stundeangestanden bin, sechs Euro bezahlt, zwei Formulare ausgefüllt, undeine Meldebestätigung bekommen habe. Was sich verdammt nach Schule,Absenzenregelung und unentschuldigtem Fehlen im Unterricht anhört, wieich finde. Nun gut, und dann steht also auf dem Pass, den ich beantragthabe, eine chice Adresse im Hamburger Stadtgebiet.

Aber was ist denn ein Hamburger überhaupt? Ist das einer, der nichtmehr über U-Bahn-Stationsnamen wie "Poppenbüttel", "Schlump","Lattenkamp", "Rödlingsmarkt", "Klein Flottbeck (Botanischer Garten)","Mundsburg" oder "Rauhes Haus" lacht? Muss man dafür regelmäßigfrischen Fisch essen? In einem Haus aus Backstein wohnen? Oder Schillmögen? Und war ich bisher Münchner? Weil ich als Vegetarier keinWeißwürste esse, das Oktoberfest hasse und zur ästhetischen Bereinigunggerne das Rathaus, sämtliche Lederhosen der Stadt sowie den bayerischenDialekt sofort entfernen würde? Ab wann fühlt man sich denn in einerStadt überhaupt heimisch - hat das überhaupt etwas mit der Stadt selbstzu tun?

Flexibel und mobil müsse unsere Generation sein, steht immer in derZeitung. Viele Leute, die ich kenne, sind zum Studieren in eine fremdenStadt, haben irgendwann die Uni gewechselt oder machen jetzt einPraktikum in einer dritten oder vierten Stadt. Wie soll man sich danoch als irgendwas fühlen? Oder sind wir, diese junge, flexibleGeneration - ich wage es kaum zu schreiben - am Ende - bloß Deutsche?

"Um Gottes Willen", höre ich dich gerade schreien, "bloß keine neuePatriotismusdebatte, bloß kein neuer Versuch der Rechtfertigung einernationalen Identität!" Und ich würde da lauthals mitschreien, wenn ichnicht wüsste, dass es mir darum gar nicht geht. Gibt es denn überhauptein Hamburg, oder ein München? War "mein" München denn das selbe wiedas von allen anderen Münchnerinnen und Münchnern auch? Es soll jaLeute geben, die in Münchens Ghetto, dem Hasenbergl, wohnen und nochnie die Innenstadt gesehen haben. Zu mindestens nicht außerhalb derMattscheibe ihres TV-Geräts. Also kann ich vielleicht so sagen: Ich binjetzt (unter anderem) Hamburger, Christoph! Mein Hamburg besteht zwarin erster Linie aus einem Zimmer, ein paar Wegen und Läden, einem Kino,zwei Theatern und noch ein paar anderen Orten; ist somit also rechtklein - aber hat eine größere Wachstumsrate als alle anderen Städte derWelt!

Na ja, hört sich eigentlich nicht wirklich überzeugend an, oder? ImGrunde sogar ziemlich bescheuert. Lieber Blumfeld zitieren und singen:
"Also nichts wie raus aus Hamburg und dann ab nach Berlin/
da, wo die Leute aus Heimweh hinzieh'n..."


Und ich geh jetzt ins Bett.

die Hamburger Sterne betrachtend:


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