Hier reist du als Schwuler gefährlich

Redaktion Von Redaktion
Hier reist du als Schwuler gefährlich
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Europäische Tourismusunternehmen haben homosexuelle Reisende als reisebegeisterte, zahlungskräftige Zielgruppe entdeckt, aber gilt diese Akzeptanz auch für die entsprechenden Reiseländer? Nicht überall können Schwule ihren Urlaub genießen, ohne wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder verfolgt zu werden. Wohin kannst du angstfrei reisen und in welchen Reiseländern riskierst du Kopf und Kragen?

Gay friendly - nicht überall selbstverständlich

Mehr als zwölf Aussteller präsentierten sich Anfang März auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB Berlin mit ausgewählten Reisepaketen für Schwule und Lesben, darunter Angebote in Europa, Nordamerika und Australien. Viele Länder Europas geben sich gay friendly und scheinen kein Problem mit Paaren zu haben, die sich in Bars oder am Strand offen zu ihrer Homosexualität bekennen. Etwas, das leider nicht überall geht: Der aktuelle Spartacus International Gay Travel Index, erschienen im Bruno-Gmünder-Verlag, nimmt 15 Kategorien und 138 Staaten in den Blick und zeigt, welche Reiseländer du mit Vorsicht genießen solltest.

Überall dort, wo Homosexualität nicht akzeptiert ist oder sogar den Straftatbestand sittenwidrigen Verhaltens erfüllt, setzt ihr euch als Paar unkalkulierbaren Risiken aus. Bereits zum zweiten Mal vergleicht der schwule Reiseführer Faktoren wie Gesetzeslage, Einreisebeschränkungen für HIV-Positive, religiöse Einflüsse oder die homophobe Einstellung der Reiseland-Bevölkerung.

Iran hält den Negativrekord, direkt gefolgt von den Arabischen Emiraten, denn hier steht auf gelebte Homosexualität genauso wie in Afghanistan, dem Sudan, Mauretanien, dem Jemen, Saudi-Arabien und Ägypten die Todesstrafe, während Jamaika mit einer hohen Mordrate an Schwulen abschreckt. Überall, wo die Legalisierung homosexueller Partnerschaften noch aussteht, musst du als Schwuler mit Diskriminierung und Verfolgung bis zu lebensbedrohlichen Angriffen rechnen.

Auch in Europa, wo Russland als schwulenfeindlichstes Reiseland gilt, das sogar Gay-Pride-Paraden als homosexuelle Propaganda bestraft. Doch auch in traditionsreichen Tourismusregionen wie den Bahamas, Jordanien, Jamaika oder Madagaskar wird es für euch brandgefährlich.

Genauer hinsehen: Regionale Besonderheiten

Zusätzliche Unterschiede ergeben sich durch die rechtliche Handhabe nach Landesregion: So legalisierte Indonesien Homosexualität zwar, aber du solltest dich bei einer Reise in die radikalislamisch geprägte Provinz Aceh nicht darauf verlassen. Auch Djakarta schützt die dort als spirituell disorientiert geltenden Schwulen und Lesben nicht. Nicht nur hier klaffen tatsächliche Rechtslage und Alltagsverhalten der Bevölkerung auseinander, so dass der Gay Travel Index für etwa 100 Reiseländer, darunter Griechenland, Portugal, Malta und die USA (anders als das liberale Kanada) schwulenfeindliche Tendenzen verzeichnet.

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Entsprechend schneiden bei Deutschen angesagte Reiseländer wie Thailand, die Türkei (auf Platz 104) oder die USA (auf Platz 38) nicht wirklich passabel ab und im beliebten Scheichtum Dubai drohen mehrjährige Haftstrafen. Betrachtet man die US-Bundesstaaten allerdings näher, zeigen sich große Unterschiede.

Während Massachusetts und New York mit liberaler Offenheit punkten und sich separat weltweit für Rang 2 qualifizieren würden, stehen Südstaaten wie Alabama, North Carolina, Mississippi oder Louisiana Kuba, Polen oder dem Libanon in punkto Schwulenfeindlichkeit in nichts nach, weil sie das Verbot schwuler Ehen in ihrer Verfassung führen - Präsident Obamas öffentlicher Unterstützung der Homoehe zum Trotz. Dennoch besteht Hoffnung, wie in Minnesota, Maine, Maryland oder Washington, wo sich Bürger gegen Gesetzentwürfe zum Verbot der Homoehe wandten. Texas besuchen? Dieser Staat schaffte sein Sodomy-Law zwar offiziell ab, strich es aber bewusst noch nicht aus den Gesetzestexten.

Deutschland abgeschlagen, Frankreich im Aufwind

Wie schneidet Deutschland ab? Erst 1994 strich Deutschland § 175 SGB, der Homosexualität kriminalisiert und diskutiert die Rechte gleichgeschlechtlicher Paar nur halbherzig. Der Gay Travel Index kritisiert die Bayerische Praxis, HIV-Positive an der Einreise zu hindern. Deutschland fiel innerhalb von zwölf Monaten von Platz 11 auf Platz 12 zurück, um sich hinter Uruguay und Spanien und vor Österreich und der Schweiz (Platz 14) einzureihen und zählt damit nicht zu den Ländern, die Schwule mit offenen Armen begrüßen (wenngleich es Homosexuellen Asyl gewährt).

Kometenhaft auf Rang 2 aufgestiegen: Frankreich, das die Öffnung der Ehe plant. Ebenfalls Rang 2 teilen sich die Reiseländer Niederlande, Belgien und Großbritannien, während Schweden sich weiter auf Platz 1 behauptet - überall hier sind gleichgeschlechtliche Ehen und Adoptionen längst legale Realität, in weiteren 30 Staaten kannst du auf Anti-Diskriminierungsgesetze vertrauen.

Diskrepanzen: Landesgesetz trifft gelebte Alltagskultur

Laut Auswärtigem Amt steht Homosexualität in mehr als 80 Staaten der Welt unter Strafe, in sieben davon droht die Todesstrafe, wie in Afghanistan, Sudan, Mauretanien oder dem Jemen, die der Gay Travel Index bislang nicht beleuchtet. Immer besteht zwischen Rechtslage und echter Akzeptanz in der Bevölkerung eine große Diskrepanz.

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Du bist nicht überrascht, dass sich der Vatikan auf Platz 127 einreiht? Verständlich, aber sehr wahrscheinlich kannst du händchenhaltend durch den Petersdom spazieren, ohne dass etwas passiert. Und anders als im Iran würde Saudi Arabien keinen Europäer oder US-Amerikaner öffentlich hinrichten, sondern ausweisen, während du im angeblich liberaleren Simbabwe mit Lynchjustiz rechnen kannst.

Lust auf Mexiko, sprich Cancún? Zugegeben, Cancún wird bei homosexuellen Touristen immer beliebter, seit Mexiko die Homoehe legalisierte, doch hier steuert die Kirche gegen, die ein Mekka für Schwule und Lesben befürchtet. Ähnlich ambivalent Peru, das Angehörige von Polizei und Militär nicht nur von der Legalisierung ausnimmt, sondern mit Gefängnis bis zu 20 Jahren bestraft.

Die ITB feiert das muslimische Indonesien 2013 als Partnerland, das der Gay Travel Index nur auf Platz 104 führt, denn dort ist die Scharia Gesetz. Raum für Veränderung bleibt also genug: Der Gay Travel Index verspricht, fortlaufend neue Bewertungsfaktoren einzuführen sowie aktuelle positive wie negative Trends mehrmals in Jahr neu zu berücksichtigen.

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