Himmelsstürmer

Redaktion Von Redaktion

In halsbrecherischen Stunts fliegen sie von Hausdach zu Hausdach, mühelos meistern sie meterhohe Mauern, springen dann mit Saltos und Schrauben wieder in die Tiefe. Doch wer sind die jungen Götter der Häuserschluchten wirklich?



Förmlich überflutet werden Videoportale wie YouTube in letzter Zeit von Videos wie diesem. Junge Menschen in Turnschuhen, die in halsbrecherischen Stunts von Hausdach zu Hausdach fliegen, mühelos meterhohe Mauern ersteigen und dann mit Saltos und Schrauben wieder in die Tiefe springen, wo sie sich elegant abrollen, nur um gleich zum nächsten Hindernis zu laufen. Doch was hat es auf sich mit diesen Meistern der städtischen Umgebung, die sich so einfach über physikalische Gesetze hinwegzusetzen scheinen?

Yamakasi, Freerunning, Parkour

Zuerst einmal habe man im "echten Leben" wesentlich weniger mit solchen Straßenschluchten zu tun, als man anhand von YouTube glauben könnte, betont Andreas Kalteis. Der Vorarlberger hat sich ganz den "Künsten der Fortbewegung" verschrieben, die so unterschiedliche Namen wie "Yamakasi", "Freerunning" oder eben "Parkour" tragen.

Alle drei Bewegungen gehen von den Erfahrungen des Franzosen David Belle aus, dessen Vater Raymond im Vietnamkrieg eine Technik entwickeln musste, sich möglichst schnell und effizient durch unwegsames Gelände zu bewegen.

Ende der 90er-Jahre gründete Bell dann die Yamakasi-Bewegung. Das Wort kommt aus der Sprache Lingala, die in den beiden Kongos gesprochen wird, und bedeutet in etwa "starker Körper, starker Geist, starker Mensch". Aus Yamakasi entwickelten sich dann Parkour und Freerunning. Während es bei Parkour darum geht, wirklich nur den effizientesten Weg zu gehen, um etwa auf der Flucht oder bei der Jagd im Vorteil zu sein, spielen Freerunner eher mit dem Hindernis, gehen kreativ damit um, vollführen Kunststücke.

Andreas Kalteis hat sich von der strengen Trennung der Spielarten der "Künste der Fortbewegung", wie er sie nennt, abgewandt. Die Parkour-Szene, meint er, sei zerstritten, viele seien dogmatisch der Vorstellung verfallen, dass nur Parkour das Original sei und alles andere nur eine böse Stieftochter. Für ihn jedoch bedeute die Philosophie von Parkour vor allem eines: Offenheit, das Nicht-Ausschließen anderer.

Blaue Flecken

Und wie wird man selbst zum "Mit-Läufer"? "Das Wichtigste", erklärt Andreas, "ist Sicherheit." Besonders riskante Stunts seien meist das Produkt von Fernsehproduktionen, oft mittels Computertechnik kreiert. "Parkour ist nur so gefährlich, wie man ihn sich selbst macht." In allen größeren Städten gibt es Trainer und Trainerinnen, die sich gerne und kostenlos um Neulinge kümmern, oft auch in großen Workshops.

Andreas musste damals, als er anfing, selbst alle Bewegungen erlernen, "auf die harte Tour", wie er meint. Schwere Verletzungen hätte es zwar keine gegeben, aber doch immer wieder blaue Flecken, wenn er einmal ausgerutscht und weit weniger elegant zu Boden gefallen sei, als das heute in seinen Videos zu sehen ist.

Neuanfänger haben da einen großen Vorteil. Sie können gemeinsam und unter der Anleitung von sicherheitsbewussten Trainern an den Grundbewegungen arbeiten, bevor sie tatsächlich durch die freie Wildbahn hechten. Ein bis zwei Jahre dauert allein dieses Training der Grundbewegungen, Andreas ist seit acht Jahren dabei, steht aber, so meint er, noch immer sehr am Anfang. Es gibt immer Neues, was man noch erlernen kann. Funsport ist Parkour sicher keiner. Spaß machen tuts trotzdem.

No risk, no fun?

Andreas lebt von den Künsten der Fortbewegung, seine Firma vermittelt Künstlerinnen und Künstler für Werbespots und Filme. Hier ist es besonders wichtig, zu wissen, wie weit man gehen kann. Drei Fragen sollte jeder für sich selbst beantworten können: Was kann ich machen, was soll ich machen, und vor allem was soll ich nicht machen?

Bestimmt erklärt Andreas: "Ich würde niemals etwas machen, was genau an meiner Grenze liegt." Wenn er einmal tatsächlich in einem brennenden Gebäude eingesperrt sein sollte, könne er auch mal 110 Prozent geben, aber ein solches Risiko nur für Dreharbeiten einzugehen, wäre schlichtweg dumm. "No risk, no fun" zählt hier nicht, wer will schon gerne durch einem Knochenbruch mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt werden? Und die Bewegungen bergen zweifelsohne ein großes Gefahrenpotenzial zumindest, wenn man die Sache allzu unbesonnen angeht.

Einmal, erinnert Andreas sich, sei er in der Nacht in Wien unterwegs gewesen. Eine Gruppe ganz offensichtlich gewaltbereiter Jugendlicher habe ihn aufgehalten, einer sogar ein Messer gehabt. Aber Andreas konnte einfach davonlaufen, eine Mauer zwischen sich und seine Verfolger bringen. "Man fühlt sich sicherer, weiß, dass man seinen Mann stehen kann."

Indoor-Sport?

Schließlich will Andreas noch betonen, dass es bei Parkour, bei Freerunning, bei Yamakasi niemals darum gehe, jede Woche ein neues Video zu veröffentlichen. Manche, meint er, verbringen mehr Zeit damit, in Foren ihre eigenen Erfolge anzupreisen und die anderer zu kritisieren, als damit, sich wirklich aufzumachen und die Welt zu erleben. Denn obwohl das Internet eine großartige Plattform ist, um sich mit anderen zu vernetzen: Eine gute Fingermuskulatur alleine ist zu wenig.


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Weitere Quellen: erikbont.com