Hitzlspergers Boomerang

Patrick Fina Von Patrick Fina
Hitzlspergers Boomerang
YouTube/Thomas Hitzlsperger

Thomas Hitzlsperger hat sich in einem Interview geoutet – gut so! Trotzdem droht da gerade etwas gewaltig aus dem Ruder zu laufen, das die Debatte um Jahre nach hinten werfen könnte.

Er hat es getan. Thomas Hitzlsperger, ehemaliger Profifußballer und Ex-Nationalspieler, hat sich geoutet, in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Damit löste der 31-Jährige ein regelrechtes Erdbeben in der deutschen Öffentlichkeit aus. Viele Politiker gratulierten ihm zu diesem "mutigen Schritt", ehemalige Kollegen klopften ihm verbal anerkennend auf die Schultern und in den Redaktionen im ganzen Land frohlockten die Journalisten. Endlich wissen sie sicher von einem schwulen Fußballprofi, bislang hatte es immer nur Gerüchte gegeben und etwas zu ahnen, es aber nicht zu wissen und es somit auch nicht schreiben zu dürfen, das macht Journalisten nervös.
 
Das Coming-out von Thomas Hitzlsperger ist ein wichtiger Schritt keine Frage. Für ihn ganz persönlich, weil er mit 31 Jahren endlich zu sich selbst stehen kann. Und für die deutsche Gesellschaft, weil sie, wenn sie klug genug ist, endlich versteht, dass es blöd ist, wenn ein Mensch erst mit 31 Jahren zu sich selbst stehen kann, weil sein Umfeld es ihm unmöglich macht.

Trotzdem droht da etwas schiefzulaufen. Denn in dem Interview entsteht der Eindruck, als wäre der Fußball die letzte Bastion der Intoleranz in diesem Land. Als hätten Schwule grundsätzlich ein Problem damit, sich selbst als schwul zu bezeichnen. Und als würde man ohnehin erst mit zunehmendem Alter die Neigung zum gleichen Geschlecht entwickeln.

So stellt Thomas Hitzlsperger zum Beispiel fest, dass das Wort "schwul" als Schimpfwort im Fußball weit verbreitet ist - "so absurd das im Jahre 2014 auch wirken mag". Vielleicht liegt es daran, dass Hitzlsperger vermutlich seine komplette Jugend auf dem Fußballplatz verbracht hat oder dass er schon zu lange nicht mehr eine Schule von Innen gesehen hat. Aber, so absurd das im Jahre 2014 tatsächlich klingen mag: "Schwul" ist längst nicht nur im Fußball, sondern auch auf dem Schulhof noch ein Schimpfwort. In den Innenstädten, sogar an den Universitäten. Überall! Davon ist nichts zu lesen in den vielen Berichten, die heute in den Zeitungen stehen oder in Radio und Fernsehen gesendet werden. Gezeigt wird wieder nur ein kleiner Ausschnitt des Ganzen und der ist leider nicht sehr repräsentativ.

Kurioserweise liefert Hitzlsperger dafür gleich den Beweis. Er erzählt, dass er dumme Sprüche nicht auf die Goldwaage legt. "Wenn jemand meine sexuelle Orientierung kennt, kann er trotzdem bedenkenlos über ein Verhalten sagen: Ist doch schwul... Na, du weißt schon, wie ich das meine. Die korrigieren dann ihr eigenes Vorurteil noch im selben Satz". So etwas findet er nicht so schlimm, sagt Hitzlsperger, "sondern eher witzig".

Nun ist Humor eine sehr subjektive Sache, über die man sich nicht streiten braucht. Aber sind es nicht genau solche (mindestens) unüberlegten, wenn nicht gar dummen Sprüche, die ein Klima erzeugen, in dem schwule und lesbische Menschen es schwer haben? Wie kann jemand, der selbst viele Jahre darunter gelitten hat, nicht zu sich stehen zu können, so etwas witzig finden? Das zu fragen haben die Journalisten der Zeit leider versäumt. Übrigens auch, als Hitzlsperger feststellt, dass Homosexualität für ihn einhergeht mit dem Älterwerden. Eine gewagte These zumal viele schwule und lesbische Jugendliche, die sich noch gar nicht alt fühlen, nun etwas verdutzt dreinschauen dürften.

Vielleicht erwarten wir zu viel. Thomas Hitzlsperger fängt gerade erst an, mit seiner Sexualität offen umzugehen. Irgendwann wird sicherlich auch der Tag kommen, an dem sich selbst nicht mehr als "homosexuell" bezeichnet, sondern als "schwul" ohne diese Wort "denunziatorisch" zu finden. Geben wir ihm die Zeit, die er dafür braucht. Und hoffen wir, dass die Journalisten sich nicht allein am "Fall Hitzlsperger" festbeißen, sondern begreifen, dass es noch viele andere Schwule und Lesben im Land gibt, die genau so viele Probleme in der Gesellschaft haben und die nicht in der Position sind, es auf die Titelseiten zu schaffen.

Es wäre nämlich fatal, wenn das, was von dem Interview in der Öffentlichkeit hängen bliebe, ist, dass Schwule sich nicht gerne als schwul bezeichnen, dass außerhalb von Stadien alles in Ordnung ist und man erst mit dem Alter seine Neigung zu Männern entdeckt.

Über diese Punkte sind wir, zum Glück, längst weit hinaus.

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Weitere Quellen: YouTube/Thomas Hitzlsperger