Homosexualität in der Nachkriegszeit

Redaktion Von Redaktion

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete für viele Randgruppen, dasssich ein Hoffnungsschimmer am Horizont bildete. So auch fürdie schwule Szene. Aus Ruinen musste sie auferstehen, und das war nicht einfach...

Wir schreiben den 8. Mai 1945: Das deutsche Reich ist am Boden, große Teile des Landes sind zerbombt, der ehemalige NSDAP-Apparat ist entmachtet und Adolf Hitler hatte sich im Führerbunker kurz zuvor das Leben genommen. Und endlich wurde zusammen mit den Siegermächten in Berlin Karlshorst auch die Kapitulationserklärung Deutschlands unterzeichnet der zweite Weltkrieg war zu Ende. Was für die ganze Welt eine große Erlösung war, bedeutete für viele Randgruppen gleichzeitig wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont, und so konnte auch die schwule Welt endlich wieder beruhigt aufatmen und erneut damit beginnen, sowohl für Rechte und Toleranz einzustehen, als auch die in den 20er Jahren noch so stark florierende schwule Szene wieder aufzubauen.

Auferstanden aus Ruinen: Neubildung der schwulen Welt

So gut wie sämtliche homosexuellen Strukturen wurden von Naziregime zerstört. Schwule Zeitschriften gab es keine mehr, einige wenige Organisationen lediglich im Geheimen, an eine richtige Szene mit schwulen Kneipen und Lokalen war ohnehin nicht zu denken. Und zu allem Überfluss erhielten die Schwulen auch kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs einen erneuten Rückschlag: Der von den Nationalsozialisten noch weiter verschärfte § 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte und besonders schwule Prostitution sowie Sex mit Unter-21-Jährigen bestrafte, blieb in vollem Umfang in der Bundesrepublik erhalten lediglich in der DDR griff man auf die etwas mildere Paragraphenform des ehemaligen deutschen Kaiserreiches zurück, nach der lediglich "beischlafähnliche sexuelle Handlungen unter Männern" untersagt waren.

 In den 50er Jahren bildeten sich endlich auch wieder zaghaft die ersten schwulen Organisationen und Vereine, und auch die ein oder andere Schwulenzeitschrift fand wieder ihren Weg in die Öffentlichkeit. Die ganze Entwicklung verlief aber mehr als zögerlich, was sich unter anderem damit erklären lässt, dass das deutsche Volk wegen der Folgen des zweiten Weltkrieges mit anderen Problemen zu kämpfen hatte. In den 50er Jahren wurden auch jede Menge schwule Kneipen wieder eröffnet und so entstand bis zum Ende des Jahrzehnts wieder eine rege Szene, die aber weiterhin nur mit einem Fuß im Abgrund existieren konnte. So gab es in Köln beispielsweise eine Lokalität namens "Himmel und Hölle" die erste Schwulendisco der Stadt. Diese war bewusst kitschig aufgemacht: Während im unteren Stockwerk, der "Hölle", schwarzes Leder und Schiefer vorherrschte, schmückten im oberen Geschoss Gipsfiguren mit Harfen und Geigen den "Himmel" und über der Tanzfläche schwebte ein riesiger Drache aus Draht und Filz. Die Disco war weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und beliebt, was bestimmt auch daran lag, dass der hauseigene DJ als einer der ersten größtenteils englische Platten auflegte für die damalige Zeit etwas völlig Neues. Einer Auflage des Ordnungsamtes, nach welcher auf zehn männliche Besucher eine weibliche Besucherin in den Räumen zu sein hatte, war es dann zu verdanken, dass die Disco nach nicht einmal einem Jahr leider wieder schließen musste.

Im Auge des Gesetzes: Existenz am Rande der Legalität

Das so genannte "Cruisen", also die Suche nach unverbindlichem Sex, ist seit jeher ein fester Bestandteil der schwulen Welt. Da es damals noch weitestgehend üblich war, bis zur Heirat entweder im Elternhaus oder aber in einem Einzelzimmer einer fremden Familie zu wohnen, war Sex in dieser Zeit teilweise etwas schwierig. Man traf sich also weiterhin in öffentlichen Pissoirs, an Bahnhöfen, in Bädern oder Parks, wobei das Jugend- und Ordnungsamt mit strengem Auge über die Geschehnisse wachte. So wurden damals beispielsweise Listen mit "jugendgefährdenden Orten" geführt. Dabei besuchten Beamte des Jugend- und Ordnungsamtes allerlei Lokalitäten und führten akribisch Buch über die Geschehnisse dort. Da man weiterhin davon ausging, dass sich Homosexualität unter anderem aufgrund von Verführung Minderjähriger ausbreitete, wurden schwule Kneipen und Lokale besonders kritisch beäugt. Auch das enge Tanzen zweier Männer war verboten, da man das Aneinanderreiben der Knie als "Vorstufe zum Geschlechtsverkehr" ansah. Eine Ausnahme gab es lediglich an Karneval in Köln und Umgebung: War einer der beiden Männer als Frau verkleidet, ließen die Beamten mit sich reden. Wer als Besitzer einer Kneipe nicht darauf achtete, dass es in seinem Laden "sittlich" zuging und keine Jugendlichen unter 21 Jahren anwesend waren, der riskierte schnell den Verlust seiner Konzession. Das Personal vieler Lokale achtete daher darauf, dass weder getanzt noch geküsst, umarmt oder Händchen gehalten wurde. Andere waren hingegen mutiger und wollten sich den Spaß nicht nehmen lassen. Mit einer verschlossenen Türe samt Klingel ließ man nur vertrauenswürdige Leute herein und wies andere mit "geschlossene Gesellschaft" wieder ab. Stand das Ordnungs- oder Jugendamt vor der Tür, gab es oft einen geheimen Knopf, über den der Türsteher die anwesenden Gäste warnen konnte.

Der prüden und realitätsfernen Gesellschaft der damaligen Zeit war es übrigens auch zu verdanken, dass etwa fleischfarbene Badehosen in Schwimmbädern wegen "Gefahr der Verwechslung" verboten und "zum Schutze der Jugend" Schamwände in den Umkleidekabinen installiert wurden. Letztere waren für viele Schwule allerdings mehr Segen als Strafe, denn die undurchsichtigen Kämmerchen eigneten sich hervorragend für sexuelle Abenteuer.

1957 dann gab es einen starken Rüffel für alle Schwulen: Das Bundesverfassungsgericht bestätigte den § 175 als verfassungskonform und in Einklang mit dem Sittengesetz. Kurz darauf gab es eine erneute Welle der Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik, die für viele schwule Zeitschriften und Organisationen das Ende oder zumindest immense Probleme bedeuteten sollte.

Großes Aufatmen: Liberalisierung in den 60ern

In den 60er Jahren entbrannten in Politik, Wissenschaft und Medien etliche Diskussionen zur Entkriminalisierung der Homosexualität. Die Gesellschaft wurde aufgeschlossener, toleranter und lockerer, was sich schließlich in der 68er Revolution explosionsartig entlud. Die deutsche Revolution, die die Gesellschaft gehörig aufmischte und für ein viel entspannteres, offeneres Klima hier sorgte, hatte natürlich auch auf die schwule Welt große Auswirkungen sowohl in gesellschaftlicher als auch in rechtlicher Sicht. So wurde 1969 unter der großen CDU/SPD-Koalition endlich der § 175 entschärft: Sex zwischen schwulen Männern war fortan straffrei. Weiter hart geahndet wurden sexuelle Kontakte zu Jugendlichen. Während die Schutzgrenze bei Heterosexuellen hier auf 18 Jahre festgesetzt war, blieb sie unter Schwulen bei 21 Jahren. In der DDR wurde das Gesetz  bereits ein Jahr zuvor reformiert das Schutzalter lag hier wie bei Heterosexuellen bei 18 Jahren. Die direkten und indirekten Auswirkungen der Gesetzesänderung waren enorm. In der Bundesrepublik herrschte unter Schwulen eine riesige Welle der Euphorie und des Mutes die schwule Welt durfte sich endlich weitestgehend frei entfalten.

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Weitere Quellen: Centrum Schwule Geschichte