Homosexualität in der Weimarer Republik

Redaktion Von Redaktion

Die schwule Welt blühte in der WeimarerRepublik zum ersten Mal so richtig auf. Schwulsein stieß immer weniger auf Ablehnung und langsam schienein offen schwules Leben in greifbare Nähe zu rücken – bis die Nazis kamen.

Wer sich heute ein wenig in Zeitschriftenläden umsieht, der findetneben Playboy & Co. auch meistens eine ganze Reihe anSchwulenheften. Und in jeder halbwegs großen Stadt gibt es mehrereMöglichkeiten, schwul wegzugehen. Läuft man in Köln durch dieInnenstadt, wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einschwules Pärchen Hand in Hand umhergehen sehen ohne dass es übermäßigviele schiefe Blicke hagelt.

Das war aber natürlich nicht immer so. Die schwule Welt wie sie heuteist hat eine lange Entwicklung hinter sich und blühte in der WeimarerRepublik zwischen 1918 und 1933 zum ersten Mal so richtig auf. Schwulsein stieß immer weniger auf Ablehnung und langsam aber sicher schienein offen schwules Leben in greifbare Nähe zu rücken wären da nichtdie Nazis gekommen.

 Um ein Haar Geschichte: der Paragraph 175

Im deutschen Kaiserreich 1871 eingeführt, besagte der Paragraph, dass"beischlafähnliche Handlungen" unter Männern verboten sind. Wer estrotzdem tat und dabei erwischt wurde, der wanderte entweder in denKnast oder kam mit etwas Glück mit einer milderen Strafe davon. SchwuleOrganisationen kämpften dafür und erhielten immer mehr Unterstützung inder Gesellschaft: Der Paragraph sollte fallen oder zumindest entschärftwerden. Leider kam es 1924 dann zu einem eklatanten Skandal, der derSchwulenbewegung einen herben Schlag versetzte: Fritz Haarmann, derverdeckt als Polizeispitzel in Schwulenkreisen verkehrte, lockte 27Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren in seine Wohnung und richtete siegrausam hin. Die Schwulen gerieten durch den Vorfall wieder in eindüsteres Licht. Es sollte weitere fünf Jahre dauern, bis 1929 dannendlich vom Strafrechtsausschuss des Reichstages beschlossen wurde,dass der § 175 abgeschafft werden soll. Dazu kam es aber leider nie,denn die Politik war unter anderem wegen interner Probleme und derWeltwirtschaftskrise mit anderen Dingen beschäftigt für eineAbstimmung im Reichstag fand man keine Zeit und später wohl auch keineMuße mehr. Als 1933 dann schließlich Adolf Hitler an die Macht kam, wardas Thema mit einem Schlag ohnehin vom Tisch.

In Bild und Schrift: Homosexualität in den Medien

Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten schwulenZeitschriften das Licht der Welt erblickten, kamen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts immer mehr davon in die Regale. DieZeitschriften wurden freier und standen nicht mehr so stark wie zuvorunter Beobachtung. Zwischen Bildern und Texten fand sich immer mehrWerbung für Ärzte, Kleidungsgeschäfte oder Frisöre, die sich direkt anSchwule oder Transvestiten richteten und so an Bekanntheit gewannen.Sehr wichtig waren damals die Kontaktanzeigen, über die sich leichtKontakte zu anderen Schwulen knüpfen ließen. Problem dabei: Der sogenannte "Kuppeleiparagraph" stellte Sexkontaktgesuche unter Strafe.Und zu leicht wurde einem genau das unterstellt obwohl es eigentlichganz anders gemeint war. Man musste seine Formulierungen daher sehrvorsichtig wählen.

Neben der Zeitschriften schaffte es die schwule Bewegung sogar aufZelluloid: 1919 erschien mit "Anders als die Anderen" der erste schwuleAufklärungsfilm. Er handelte von einem schwulen Mann, der von seinemSexpartner erpresst wird und letzten Endes wegen der gesellschaftlichenIntoleranz Selbstmord begeht. 1920 wurde die öffentliche Vorführung desFilms verboten.

Gemeinschaft: schwule Organisationen und das YMCA der 20er

 Die Emanzipationsbewegung in der Weimarer Republik schritt unteranderem wegen einer ganzen Reihe an Schwulenorganisationen so schnellvoran. Die so genannten "Freundschaftsvereine" boten Möglichkeiten fürgesellige Treffen, versprachen soziale Unterstützung und dienten alspolitische Apparate. Sie achteten akribisch darauf, durch ein seriösesAuftreten in einem guten Licht dazustehen man wollte diegesellschaftlichen Fortschritte um keinen Preis gefährden. 1920schlossen sich dann etliche Vereine zum "Bund für Menschenrecht"zusammen, der mit laut eigener Angaben 48.000 Mitgliedern die weltweitgrößte Schwulenorganisation darstellte. Auf Druck derNationalsozialisten lösten sich die Vereine dann 1933 vollständig auf.

Das "Lila Lied" war damals sozusagen das YMCA der 20er: AlsSchwulenhymne schlechthin stärkte es das Zusammengehörigkeitsgefühluntereinander, wurde in schwulen Lokalen rauf und runter gespielt undwar sogar auf Schallplatte erhältlich.

Schimmernde Homowelt: die schwulen Lokale

 Genau wie die Schwulenzeitschriften schossen in der Weimarer Republikimmer mehr Schwulenlokale aus dem Boden, die für Shows, Feste, fürpolitische Treffs und zum Kontakte knüpfen genutzt wurden. Neben derüblichen Cruising-Treffpunkte an Bahnhöfen, auf öffentlichen Toilettenoder in Badehäusern boten sie endlich eine angenehmere Möglichkeit,andere schwule Männer kennen zu lernen.
So existierte in Köln von 1925 bis 1933 zum Beispiel eines der damalswohl populärsten Lokale: das Dornröschen. Neben guter Stimmung gab esdort Strichjungen sowie Bühnenprogramm mit Transvestiten und Musikern.Und es gab die spektakulären Tischtelefone: Jeder Tisch hatte eineNummer und ein Telefon in der Mitte stehen. Wollte man diskret mit demMann vom Tisch gegenüber in Kontakt kommen, konnte man ihn einfachanrufen. Nach der Machtergreifung Hitlers wurde das Lokal 1933 dann vonden Nazis aufgelöst und in ein SA-Lokal umgewandelt.

Zwischen Show und Gefängnis: Transvestiten

Die Transvestiten gehörten zur schwulen Welt der 20er Jahre wie einegute Flasche Rotwein zu Alfred Biolek. Sie zählten oft zum festenProgramm der Schwulenlokale, obwohl sie in schwulen Zeitschriften oftrichtiggehend geächtet wurden schließlich wollte man sich als"normal" präsentieren und auf gar keinen Fall "weibisch" wirken. Eingroßes Problem der Transvestiten war die Tatsache, dass man damals einepolizeiliche Erlaubnis brauchte, abseits der Bühne Frauenkleidung zutragen. So manch einer wanderte wegen Erregung öffentlichen Ärgernissesdaher hinter Gitter. Die Shows waren oft die einzige Möglichkeit fürTransvestiten, ihre Neigung voll und ganz auszuleben und sich auchentsprechend zu präsentieren.

Was bedeutete nun schwul sein in der Weimarer Republik? Kämpfen umEmanzipation, Hoffnung auf eine baldige gesellschaftliche Akzeptanz undein entspannteres Leben als zuvor auf jeden Fall. Trotzdem war es nochnicht möglich, wirklich offen schwul zu leben, ohne weitreichendeNachteile in Kauf nehmen zu müssen. Galt man öffentlich als schwul,musste man immer noch mit jeder Menge negativer Konsequenzen rechnen.Trotzdem hätten es die Schwulen der damaligen Zeit beinahe geschafft,die Homosexualität aus der Ecke der Kriminalität zu rücken. DenNationalsozialisten sei dank aber eben leider nur beinahe ...

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Weitere Quellen: Centrum Schwule Geschichte