"Ich bin ein todkranker Mensch!"

Redaktion Von Redaktion

Roland Koth ist seit 21 Jahren mit dem HI-Virus infiziert und hat einen Adoptivsohn. Mit unserem Autor Sascha Blättermann sprach er über seine Erkrankung, seine Verantwortung als Vater und die geplante Hochzeit mit seinem ebenfalls positiven Partner.

Vor einigen Wochen berichtete dbna über die aussichtslose Lage von schwulen Paaren, die ein Kind adoptieren wollen. Daraufhin meldete sich Roland bei uns und wollte uns seine Geschichte erzählen. Denn Roland hat es vor 19 Jahren geschafft, ein Kind zu adoptieren, obwohl er homosexuell ist und obwohl er und sein damaliger Partner HIV-poisitiv waren. Und so sitzt Roland im Berliner Eiscafé "Lina Krokant" und löffelt Schoko-Chili-Eis. Er trägt ein braun-weiß gestreiftes Hemd, ist sehr dünn und sagt sofort, dass meine Jacke bei "Sasch" gekauft wurde.

dbna: Lieber Roland, ich habe "Sasch" das erste Mal in Berlin gesehen.

Roland: Sie haben tolle Sachen. Für mich stellt sich immer das Problem, dass Kinderjacken mir noch zu groß sind. Aber in der Kinderabteilung bekommst du sowas nicht und jetzt, wo ich 48 werde, bin ich zu alt dafür, mich auf jung zu trimmen. Heute habe ich übrigens einen Körper, von dem so mancher Zwanzig- oder Dreißigjährige von träumt. Früher dagegen, mit 15, da war ich ein Schlachtschiff mit 103 Kilogramm mehr.

Und dann hast Du irgendwann rigoros abgenommen?

Meine Oma hat mich gemästet mit Süßigkeiten. Überleg mal, wie ich in der neunten Klasse mit einem Altherrenbauch und Bundfaltenhose aussah gegenüber den Jungs mit dem knackigen Hintern! Ich habe drastisch abgenommen. Nach zweieinhalb Jahren hatte ich mit Klamotten noch 40 Kilo gewogen und war magersüchtig. Ich hatte 28 Kilo Untergewicht!

Hast Du dich behandeln lassen?

Nein, überhaupt nicht! Ich habe einfach wieder etwas gegessen. Früher habe ich meinem Magen gesagt, was ich ihm gebe, und heute sagt mir mein Magen, was er nicht möchte. Inzwischen bin ich bei 57 Kilo und bin 1,70m groß.

Das geht ja noch.

Wenn ich gesund wäre, dann wäre das kein Problem, aber da ich ein todkranker Mensch bin, ist das nicht gut.

Du bist HIV-positiv.

Ja. Ich nehme jetzt an einer Medikamentenstudie teil für ein Mittel, das es auf dem Markt noch nicht gibt, das ist das ein großes Risiko, das ich eingehe. Bei mir schlägt leider keine Therapie mehr an, denn mein Körper ist gegen neunzig Prozent aller Mittel inzwischen resistent.

Wie sieht denn die Therapie bei Dir aus?

Ich habe nur noch zwei Optionen. Die eine Option ist, ein paar Tabletten zu nehmen und mir ein weiteres Mittel so ähnlich wie Insulin in den Unterbauch spritzen zu lassen, aber davon bekomme ich einen Blähbauch und dafür bin ich zu eitel. Deswegen nehme ich fünf Tabletten am Tag, darunter ist auch das neue Mittel. Der forschende Pharmakonzern versichert mich. Im Falle meines Todes bekomme ich eine Million Euro, mit denen ich dann nichts mehr anfangen kann.

Aber Dein Partner.

Ja, aber erst, wenn wir verheiratet sind und das gehen wir dieses Jahr noch an. Wir werden in Belgien heiraten und nicht in Deutschland. Denn hier geht man zwar eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein, aber es ist keine Erbschaftsfolge geregelt.

Die Erbschaftsfolgeregel wird in Deutschland gerade diskutiert.

Aber bis das hier in Deutschland etwas wird Die CDU/CSU und FDP haben jahrelang die eingetragene Partnerschaft boykottiert, bis sie einen Rüffel aus Brüssel bekommen haben.

Aber ist es nicht egal, wo man heiratet? Die deutschen Gesetze gelten doch trotzdem?

Wenn Dinge in ganz Europa gültig sind und nicht in Deutschland, dann ziehe ich von einer Instanz zur nächsten, damit ich mein Recht auch in Deutschland bekomme. Wir sind ein EU-Land und die Klärung der Erbschaftsfolge ist mir wichtig. Aber in Deutschland tut man sich verdammt schwer, bestimmte Dinge umzusetzen.

Du heiratest also aus Protest in Belgien.

Ich war einmal bei einer standesamtlichen Trauung dabei. Die Beamten haben das wirklich schön gemacht. Aber wenn sich jemand von seiner Freundin scheiden würde, wäre das eine Scheidung wie jede andere. Wenn ich mich jedoch zum Beispiel von meinem Freund scheiden lassen würde, dann wäre das richtig teuer. Das verstehe ich nicht.

Dann steht dieses Jahr mit der Hochzeit noch ein Highlight an!

Ja. Ich habe zwei Flüge nach Dublin gewonnen, da nehmen wir uns dann eine Ferienwohnung und das sind dann unsere Flitterwochen.

Erzähle mir von deinem Verlobten.

Er ist auch positiv und pflegt seine schwerkranke Mutter selbst. Ich weiß, wie das ist, wenn man selbst krank ist und dann noch einen kranken Menschen pflegt. Ich habe das bei meinem ersten Freund auch sechs Monate gemacht und ihn danach in ein Sterbehospiz gegeben. Ich konnte damals nichts essen und trinken, aber das musste ich wegen meiner Tabletten. Und dann musste ich mir irgendwann eingestehen, dass ich das nicht mehr kann und ich wollte dann, dass er in einem Hospiz in Würde stirbt. Wenn ich daran denke, wie er aussah, mit seinen dünnen Armen! Und dann sehe ich gummiüberzogene Zucchini auf den Machs-Mit-Plakaten! Meinen Freund hätten sie abbilden sollen!

Im ersten Teil: Roland über seine Krankheit, seinen Partner und die anstehende Heirat

Im zweiten Teil: Wie das HIV-Virus Roland schwächt und welche Nebenwirkungen seine Therapie hat

Im dritten Teil: Wie Roland zu seinem Sohn kam vor 19 Jahren, was sein Umfeld dazu denkt und wie er sich die Zukunft vorstellt

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com, fotolia.de