"Ich bin eine Minderheit in der Minderheit"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
"Ich bin eine Minderheit in der Minderheit"
Thomas Sievert

Wir haben mit Tony Eberhardt, dem neuen Mr. Gay Germany, gesprochen: Wieso er überhaupt beim Wettbewerb teilgenommen hat, was er in der schwulen Szene gelernt hat und wie manche Jungs auf seine Behinderung reagiert haben.

Tony, herzlichen Glückwunsch zum Titel "Mr Gay. Germany". Was ist dir bei der Preisverleihung durch den Kopf gegangen, als du gewonnen hast?

Es war sehr emotional. Ich wusste gar nicht, ob ich mich freuen oder abhauen oder schreien soll (lacht). Ich war schockiert im positiven Sinne. Ich dachte nur "Wow, was für ein geiler Moment".

Was bedeutet dir der Titel?

Der Titel liegt mir sehr am Herzen. Es ist immerhin ein Botschafter für die gesamte Community. Ich will allen, die aufgrund ihres Andersseins gemobbt werden, helfen, dass ihre Stimme lauter wird. Zusammen kann man mehr erreichen. Denn es gibt noch viel zu tun: Ehe für alle, Aufklärung und gewollte Vielfalt in der Schule

Wieso hast du überhaupt mitgemacht?

Vor etwa zwei Jahren habe ich mir überlegt, dass ich mich als Homosexueller unbedingt engagieren möchte. Ich war nämlich schon im Landesschülerbeirat, wo ich gute und positive Erfahrungen gemacht habe. Da habe ich mir zum Beispiel auch Parteien angeschaut. Und ich bin auf die Wahl zum Mr. Mecklenburg-Vorpommern gestoßen. Dann habe ich mich da beworben und wurde Dritter. Das war aber nur ein Ansporn für mich, es dieses Jahr beim Mr. Gay Germany zu versuchen.

Wie hast du den Wettbewerb insgesamt erlebt?

Am Anfang war ich ein bisschen zurückhaltend. Ich war ganz neu und musste mich erst einmal zurechtfinden. Wir haben uns aber langsam näher kennengelernt: Woher die anderen Kandidaten kommen, wofür sie sich einsetzen und so weiter. Es war immer eher freundschaftlich als eine Konkurrenz. Wir haben uns super gut verstanden. Aber natürlich hat auch jeder sein Bestes gegeben. Die anderen sind mir echt ans Herz gewachsen und ich will unbedingt mit ihnen in Kontakt bleiben. Und ihnen auch helfen, ihre Kampagnen zu realisieren.

Wie geht es denn mit deiner Kampagne jetzt weiter?

Meine Kampagne "New Tomorrow" setzt sich gegen Homophobie ein. Jetzt wo ich gewonnen habe, wird sie ins Detail geplant und dann realisiert. Wir wollen zum Beispiel T-Shirts drucken lassen, da gibt es schon viele Anfragen.

Du bist zu 95 Prozent hörgeschädigt und wurdest deshalb in der Schule gemobbt. Was musstest du dir anhören?

Ich habe öfter Sätze wie "sprich mal deutlicher" oder "nuschel nicht so" gehört, aber auch "was bist du denn für eine Schwuchtel", einfach nur weil ich ein gepflegtes Erscheinen habe. Dabei war ich da selbst gedanklich noch gar nicht so weit zu wissen, dass ich schwul bin.

Das Mobbing hat mein Leben damals schon erschwert, aber ich habe im Handballverein dann Rückhalt gespürt. Da ging es ums Team und das Mobbing wurde für mich zur Nebensache.

Hast du wegen deiner Behinderung Ablehnung in der Szene erfahren?

In der schwulen Szene bin ich seit vier Jahren unterwegs, als ich nach der Mittleren Reife nach Berlin gezogen bin. Da habe ich erfahren, wie das so abläuft und es war gut für mich, um mich weiterzuentwickeln. Ich bin schwul und stehe dazu, das konnte ich da ausleben. Aber ich habe auch negative Erfahrungen gemacht. Ich als Hörgeschädigter hatte da eine Art Sonderstatus. Eine Minderheit in der Minderheit.

Wenn ich Jungs kennengelernt habe, haben sie mich oft zurückgewiesen. "Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll" oder "dass du so nuschelst passt mir nicht", haben sie etwa gesagt. Die wollten den perfekten Menschen haben, aber das bin ich nicht und will ich nicht sein. Da war null Empathie.

Wie gehst du heute damit um?

Die negativen Erfahrungen haben dafür gesorgt, dass ich selbstbewusster werde. Ich habe mich weiterentwickelt. Mobbing ist sehr schlecht, ich weiß, wie sich das anfühlt. Wenn die Leute von früher sich jetzt entschuldigen, nehme ich das aber an. Und ich freue mich, wenn sie sich jetzt im Klaren sind, dass es nicht richtig war. Aber auch mit Kritik an mir komme ich klar. Ich stehe zu meinen Fehlern und Schwächen.

Wie waren die Reaktionen auf deinen Titelgewinn?

Als erstes habe ich meine Oma angerufen und es ihr erzählt. Sie hat geheult vor Glück und war super stolz. Am nächsten Tagen waren auch meine Eltern begeistert. Am Montag danach hat sich meine ganze Schule gefreut. Sogar der Direktor hat mir gratuliert. Ich hoffe, dass das so bleibt. 

Kommentare
Kommentare werden geladen
dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Thomas Sievert