"Ich will jungen Schwulen die Angst nehmen"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
"Ich will jungen Schwulen die Angst nehmen"
manniac

Letzte Woche hat der YouTuber manniac zum ersten Mal in einem Video über sein Coming-out erzählt. Im dbna-Interview erzählt er, wieso jetzt die richtige Zeit dafür war, welche Reaktionen er bekam und ob er sich heute mit dem Wort schwul identifizieren kann.

Wieso hast du ausgerechnet jetzt deine Coming-out-Geschichte erzählt?

Es gab in den letzten ein, zwei Jahren viele Coming-outs von bekannten englischsprachigen YouTubern, wie Troye Sivan, Connor Franta, Shane Dawson, Joey Graceffa, Ingrid Nilsen, und nun auch in Deutschland von Melina Sophie.
Ich wollte selbst schon lange ein Erklärvideo über Homosexualität machen, in dem es darum geht, was Schwul/Lesbischsein genau ist, was es nicht ist, mit welchen gesellschaftlichen Problemen wir kämpfen müssen und so weiter.

Ich habe das aber lange Zeit vor mir hergeschoben, denn wenn ich ein Themenvideo mache, dann will ich, dass es richtig gut wird, und das braucht Zeit. Videos sind harte Arbeit. Ich sitze meistens mehrere Wochen daran, und verdiene leider nicht genug Geld damit, um davon leben zu können. Also muss ich manchmal Auftragsarbeiten vorziehen. Aber jetzt habe ich es endlich geschafft, es fertig zu stellen.

Hattest du vor diesem öffentlichen Coming-out Angst?

Ich hatte null Angst vor meinem Coming-out im Internet. Was daran liegt, dass ich online von Anfang an geoutet war. Meine größte Angst jetzt beim Video war, dass es von zu wenigen Leute gesehen wird, für die es nützlich sein könnte. Ich versuche damit ja etwas zu erreichen: Einerseits will ich Heteros erklären, warum Coming-outs so ein Riesending sind. Viele glauben, sowas wäre nicht nötig. Manche fühlen sich von Coming-outs sogar belästigt! Dabei gehen die meisten Menschen ohne Coming-out davon aus, dass jeder hetero sei und stülpen jedem, der es nicht wissen will auf, wen oder was sie geil finden.

Ich wollte auch erklären, woher der Schwulenhass kommt, denn viele Heteros haben noch nie wirklich darüber nachgedacht, dass das eine Ursache hat, die man abstellen kann.

Gleichzeitig will ich jungen Schwulen und Lesben die Angst vor dem eigenen Coming-out nehmen, oder zumindest Tipps geben, welche Möglichkeiten sie haben, falls ein Coming-out nicht möglich ist.

Ich hatte ausserdem die Sorge, dass viele meiner Zuschauer denken, "Höh, ich weiss doch schon, dass Manniac schwul ist. Das ist keine News, die ich teilen muss".
Tatsächlich geht es aber nicht um MEIN Coming-out, sondern um Coming-outs im Allgemeinen. Teilen und darüber sprechen wäre daher super!

Welche Reaktionen hast du bekommen?

99,9 Prozent positive Reaktionen. Leute haben mich angerufen und sich bedankt oder mir gesagt, dass sie das Video richtig toll und hilfreich finden. Ein paar fanden auch die Clips aus meiner Kindheit super.

manniac
"Ich wollte auch erklären, woher der Schwulenhass kommt. Er hat eine Ursache, die man abstellen kann."

"Ich wollte auch erklären, woher der Schwulenhass kommt. Er hat eine Ursache, die man abstellen kann."

Im Video sagst du, dass du dich damals mit dem Wort "schwul" nicht identifizieren konntest. Kannst du es heute?

Na klar (lacht). Aber es war am Anfang tatsächlich nicht einfach. "Schwul" habe ich als sehr negatives Wort kennengelernt, und es wird mich immer daran erinnern, dass es Menschen gibt, die es als Beleidigung verwenden. Aber das ist kein Grund für mich, es nicht zu verwenden oder mich damit nicht zu identifizieren. Gäbe es jetzt ein neues Wort für Schwule, würde es nicht lange dauern, bis auch dieses als Beleidigung verwendet wird. Ich habe keine Lust, ständig neue Worte für die gleiche Sache zu lernen.

Wann bist du der "Kleinstadtmentalität" entflohen und was hat sich seitdem - besonders in Bezug auf deine Homosexualität - geändert?

Ich bin direkt nach der Schule nach Karlsruhe gezogen - das war deutlich größer als mein Geburtsort und hatte eine solide schwule Szene mit richtig tollen Leuten. Ich war von Tag 1 dort unterwegs, hab Freunde kennengelernt und Romanzen genossen. In meinem kleinen Dorf wäre das so nicht möglich gewesen. Aber: Ich habe auch dort schon in den zwei Jahren seit meinem Coming-out bis zu meinem Wegzug Schwule kennengelernt. Es war also durchaus auch möglich, in einem Kaff schwul zu leben. Ich würde das aber nie wieder wollen.

Welche Rolle spielt deine sexuelle Orientierung im Alltag?

Im Alltag spielt Schwulsein für mich eine ähnliche Rolle, wie es für einen Hetero eine Rolle spielt, dass er oder sie hetero ist.

Ich bin es einfach und mache mir keine großen Gedanken darum - zumindest wenn es nicht explizit Thema eines Gesprächs ist. Ich habe heterosexuelle und schwule Freunde, gucke Filme und Serien, von denen einige schwule Geschichten erzählen, ich konsumiere schwulen porn, geh auf Reisen nach Australien oder die USA, gucke auf der Straße Kerlen hinterher, mache Animationsvideos auf YouTube und so weiter (lacht). Als ich mein Coming-out hatte, dachte ich, ich würde jeden Tag bis zum Ende meines Lebens darüber nachdenken. Aber das wird schnell langweilig, weil es einfach normal ist. Eine wichtige Rolle spielt es für mich nur dann, wenn ich Ungerechtigkeiten wahrnehme und mich dazu äußern will, wie zum Beispiel bei der erstarkten Homophobie in Russland.

Wird sich an den Themen deiner Videos etwas ändern?

Ich bezweifle es. Die Spannbreite der Themen, die mich interessieren, ist groß. Aber Homosexualität ist natürlich immer ein Aspekt, den ich mir bei Themen genauerer ansehen werde als es Heteros tun würden. Darum glaube ich schon, dass meine Videos für Schwule und Lesben interessant sein werden.

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