In einem unbekannten Land

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
In einem unbekannten Land
Christopher/nazlisart / 123RF Stockfoto

Vor drei Jahren hat Christopher als dbna’ler des Monats über seine Träume für die Zukunft geredet. Doch es kam ganz anders: Er wandert nach Portugal aus, ohne jemals vorher dort gewesen zu sein.

Jeder kennt TV-Shows, in denen Leute ihrer Heimat den Rücken kehren und sich ein neues Leben in einem fremden Land aufbauen. "Ich habe mich selbst immer gefragt, wieso sie gehen, obwohl sie sich gar nicht auskennen", gibt Christopher zu. "Doch ich bin alleine und schade wenn überhaupt nur mir selbst." Der 22-Jährige verlässt Deutschland, um in Portugal zu arbeiten. Er lässt sein altes Leben hinter sich, seine Familie, die Freunde, den Job. "Ich bin noch jung. Wenn nicht jetzt, wann dann?"



Dass er ausgerechnet in den äußersten Südwesten Europas zieht, war gar nicht geplant. "Portugal war eigentlich nie mein Ziel, ich habe nie daran gedacht", sagt er. Über eine Anzeige im Internet kam er auf den Job. Dann ging alles ganz schnell: Er hatte ein Bewerbungsgespräch am Telefon und einen Online-Einstellungstest. Knapp einen Monat, bevor sein Flieger nach Lissabon ging, hat er die Zusage bekommen.

Am letzten Tag gefeuert

Dabei war alles ganz anders geplant. Auf die Frage nach seinem Lebenstraum antwortete Christopher im Juli 2011 im dbna-Interview: "Es ist definitiv ein kleiner Lebenstraum, mit dem Schauspielen meine Brötchen zu verdienen." Seitdem hat sich vieles verändert. Nach seinem Abi hat der Flensburger zuerst Internationale Fachkommunikation studiert. "Studieren war nichts für mich", also hat er nach knapp zwei Semestern hingeschmissen, um Friseur zu werden. Nach seiner Zwischenprüfung hat er den Salon gewechselt, "weil ich das Gefühl hatte, dass ich dort nicht gut ausgebildet wurde", sagt er. Die neue Chefin hat ihn am letzten Tag der Probezeit gefeuert.



Daraufhin ist er nach Köln gezogen, um Schauspieler zu werden. "Nach dem Casting hat mir die Schauspielschule auch einen Platz angeboten", sagt der 22-Jährige. Das Problem: Die Schule, Wohnung, Freizeit: Es wäre ihm zu teuer geworden. "Ich habe den Plan nicht an den Nagel gehängt, aber ich wollte mich nicht bewusst in den finanziellen Ruin stürzen." Also hat er sich einen Job in der Kundenbetreuung einer Telekommunikationsfirma gesucht.

Christopher

Keine Angst, aber Respekt

"Diese Arbeit gefiel mir aber überhaupt nicht", sagt Christopher. Deshalb hat er sich umgesehen und ist auf die Anzeige im Internet gestoßen. Ein Versandhändler suchte Kundenbetreuer für deutschsprachige Kunden in Lissabon. Dass er noch nie in Portugal war und kein Wort Portugiesisch spricht, beunruhigt ihn nicht. "Ich habe keine Angst, aber Respekt vor dem neuen Lebensabschnitt", sagt er. Außerdem stellt ihm sein Arbeitgeber der fünfte seit seinem Abi   eine Wohnung, bezahlt einen Sprachkurs und hilft ihm am Anfang mit Behördengängen.

"Ich wollte einfach die Chance nutzen und neue Erfahrungen sammeln", erklärt Christopher, "ich war noch nie der Typ, der eine Ausbildung macht und dann sein ganzes Leben lang in dem Beruf bleibt." Deshalb weiß er auch noch nicht, wie lange er in Portugal bleiben möchte. Zwar bewirbt er sich von dort aus auf Stellen in Deutschland, "aber wenn es mir so gut gefällt, dann bleibe ich."

22 Jahre alt und ohne Ausbildung "manche belächeln mich"

Seine Familie unterstützt ihn bei seinem Plan, auch wenn es nicht leicht für sie war. "Als ich meiner Mutter von der Zusage aus Lissabon erzählt habe, hat sie gesagt, dass sie auf eine Absage gehofft hat." Sie fand den Umzug nach Köln schon schlimm genug. "Ich lebe ja mein Leben und will mein Glück suchen, da kann ich nicht immer Rücksicht nehmen." Trotzdem ist er sich sicher, dass er das gute Verhältnis, das sie mittlerweile haben, aufrechterhalten kann. "Ich bin wirklich froh, dass meine Eltern mich so unterstützen. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist", sagt er.



Auch von seinen Freunden kamen positive Rückmeldungen. Aber: "Manche finden mich naiv und belächeln mich, weil ich mit 22 ohne Ausbildung auswandere", sagt er. Das kann er nicht nachvollziehen. "Jeder Mensch entscheidet doch für sich selbst. Aber gut, wenn sie sich eine schlechte Meinung bilden wollen, dann bitte." Es ist eine mutige Entscheidung, sich so gegen gesellschaftliche Konventionen zu stellen und sein Ding durchzuziehen.

Christopher

"Schwarzbrot gibt es dort zum Glück"


Am meisten freut Christopher sich auf das gute Wetter in Portugal. "Außerdem bin ich dann, wie in Flensburg, wieder am Meer." Außerdem gefällt ihm die Herausforderung und der Selbsttest. "Es ist wie mein Umzug nach Köln, nur noch krasser: Ich kenne niemanden und muss erst einmal alleine klarkommen." Doch natürlich wird er auch so einiges an Deutschland vermissen. "Schwarzbrot gibt es zum Glück aber", sagt er und lacht dabei. Das hätte er nämlich wirklich vermisst. Vielmehr wird ihm das Gewohnte fehlen. "Es sind wahrscheinlich die Kleinigkeiten. Auf der Arbeit einfach so quatschen oder über Politik reden, da kenne ich mich ja noch gar nicht aus."



Denn obwohl er sich einen Reiseführer und einen Sprachkurs zum Selbstlernen gekauft hat, will er sich nicht zu viel über seine neue Heimat informieren. "Sonst würde ich mich nur völlig verrückt machen", findet er. "Ich freue mich einfach auf das Abenteuer und die Erfahrung." Wenn es nicht klappt, kommt er eben wieder zurück für den Notfall hat er Geld auf die Seite gelegt.

"Wir hören zu viel auf andere"

Egal wie zuversichtlich Christopher über den neuen Lebensabschnitt denkt, macht er sich viele Gedanken darüber. "Wenn ich abends im Bett liege, frage ich mich schon, wie das so wird und ob alles klappt", sagt er. Am meisten Angst hat er jedoch vor dem Hinflug. "Ich bin noch nie alleine geflogen, ich kenne mich am Flughafen gar nicht aus."



Wenn das sein geringstes Problem ist, kann gar nichts mehr schiefgehen, sagt er mit einem breiten Lächeln. Es gefällt ihm, gegen den Strom zu schwimmen. "Ich habe jetzt die Möglichkeit, etwas Tolles zu erleben, also mache ich es", sagt er ganz von der Sache überzeugt. "Wenn jemand Lust hat, so etwas zu machen, dann sollte er es tun", findet er. "Wir hören zu viel auf die anderen. Wir sollten unser Leben für uns leben."

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