"In mir drin war ich tief traurig"

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
"In mir drin war ich tief traurig"
Gaby Gerster

Yvonne Buschbaum war als Stabhochspringerin erfolgreich. Sie holte den Deutsche Meistertitel und zweimal Bronze bei den Europameisterschaften. Dann kündigte sie im Jahr 2007 überraschend  in der Sendung "Johannes B. Kerner" ihre Geschlechtsangleichung an.

Yvonne Buschbaum war als Stabhochspringerin erfolgreich. Sie holte den Deutsche Meistertitel und zweimal Bronze bei den Europameisterschaften. Dann kündigte sie im Jahr 2007 überraschend  in der Sendung "Johannes B. Kerner" ihre Geschlechtsangleichung an. Denn Yvonne Buschbaum fühlte sich als Mann im Körper einer Frau gefangen. Mittlerweile ist das anders. Aus Yvonne ist Balian geworden.

Mit seinem Buch "Blaue Augen bleiben blau" tourt er durch Deutschland und ist zum Vorbild der Transbewegung geworden. Das merkt man auch bei seiner Lesung in Leverkusen-Opladen. Im ersten Stock einer Gartenkneipe sitzen etwa 80 Zuhörer. Die meisten von ihnen sind trans, selbst Journalisten eines spanischen Transmagazins sind da. Sie lauschen der Geschichte von Balian Buschbaum. Er sitzt in seinem weißen, weit aufgeknöpften Hemd auf einem Stuhl. Von seinem Brustbereich schimmert brauner Teint in den Raum. Im Gesicht trägt er einen Drei-Tage-Bart,  an den Händen glänzt ein edelstahlfarbener Ring. Buschbaum hat nicht nur was erzählen, er sieht auch gut aus.

Gaby Gerster
Balian Buschbaum fühlte sich nie als Frau. Als Kind ging er schon intuitiv auf die Männertoilette.

Balian Buschbaum fühlte sich nie als Frau. Als Kind ging er schon intuitiv auf die Männertoilette.

Währenddessen plaudern vor der Kneipe auf einer Bank ein paar Männer in den 40ern. Sie fragen die Kellnerin, wer das da oben sei, der die Menschen so anzieht. Die Kellnerin antwortet pflichtbewusst, versucht ein bisschen zu erklären, aber es fehlen ihr die Worte. Nachvollziehen kann sie das nicht, wie es ist, wenn man im falschen Körper steckt. Sie geht ab und die Männer führen das Gespräch weiter:

Einer sagt: "Warm sind die doch auch."
Der andere: "Die können warm sein, aber sie wollen auch andersrum sein."
Der erste erwidert: "Soll ich da mal hochgehen und mit dem Arsch wackeln?"

Es sind Szenen wie diese, die zeigen: Über Transidentität wissen viele Menschen wenig. Vorurteile und Klischees werden bedient; zwischen Sexualität (schwul, lesbisch, bi ) und Geschlecht (trans, queer )  wird nicht unterschieden. Balian Buschmbaum hilft, ein bisschen aufzuklären. Im Interview spricht er über seine glückliche Kindheit, wie ihm der Sport als Ventil diente und warum er sich bei Kerner öffentlich als transident outete.

Herr Buschbaum, Sie sind ein sehr attraktiver Mann wenn ich das mal so sagen darf. Bekommen Sie häufiger solche Komplimente?
Danke für das Kompliment. In der Tat kommt das öfter vor,  ich finde es aber wichtig, dass man immer den ganzen Menschen betrachtet. Das Aussehen ist nur eine Hülle. Was aber wirklich in einem steckt; was ein Mensch für Ideen, Gedanken und Visionen hat, das bekommt man erst mit, wenn man unter die Oberfläche schaut.

Sie hatten auch lange Zeit eine Oberfläche, die nicht zu ihnen gepasst hat. Haben Sie früher sehr darunter gelitten, im falschen Körper zu sein?
Nein, ich war ein sehr glückliches Kind. Das liegt auch daran, dass ich mich nie als Frau wahrgenommen habe. Natürlich wurde ich rein äußerlich als Mädchen geboren. Aber so gefühlt und benommen habe ich mich nie. Als Kind habe ich schon immer das gemacht, was Jungs auszeichnet. Ich bin intuitiv auf die Männertoilette gegangen und habe eher mit Bällen als mit Puppen gespielt. Die Standardsatz war dann immer: An dem Mädchen ist eine Junge verloren gegangen. Das wurde von allen so akzeptiert.

Gaby Gerster
Das Hormon Testosteron sorgte bei Balian für mehr Körperbehaarung und deutliche mehr Musekeln.

Das Hormon Testosteron sorgte bei Balian für mehr Körperbehaarung und deutliche mehr Musekeln.

Im Kindesalter sind die Geschlechtsunterschiede ohnehin noch gering. Erst mit der Pubertät treten sie stärker hervor. Wie hat sich das bei Ihnen damals bemerkbar gemacht?
In mir drin war ich tief traurig. Ich befand mich in einer Art Depression:  Irgendetwas passierte mit mir und ich wusste nicht was. Diese Pubertät war nicht meine. Sie passte nicht zu mir. Deshalb habe ich mich abgeschottet. Ich wollte mit mir selbst ins Reine kommen. Aber ich wusste gar nicht, was es zu klären gab.

Sie haben sich dann mit voller Kraft dem Sport gewidmet. Inwiefern hat ihnen das geholfen?
Der Sport war für mich ein Ausgleich, ja sogar eine Flucht. Wenn andere in meinem Alter Party machten, lag ich zuhause und habe mich vom Training erholt. Wenn ich total erschöpft und müde war, dann war das ein tolles Gefühl. Denn in diesen Momenten konnte ich nicht mehr denken. Ich habe mir keine Zeit zum Verschnaufen gegeben. Ich musste meinen Kopf ausschalten und meine Gedanken loszuwerden. Der Sport war das Ventil dafür.

Das ging einige Jahre so. Erst mit 27 Jahren haben Sie Ihre Transidentität realisiert.  Gab es einen Aha-Moment?
Ja, die Mutter meiner damaligen Freundin hat mich darauf gebracht. Sie war eine kluge Frau und hat recht schnell die Situation durchschaut: Die Art wie ich mich gegeben habe, wie ich gelaufen bin, wie ich aussah das war nicht wirklich weiblich. Sie fragte dann meine Freundin, warum ich mich nicht operieren lassen. Meine Freundin erzählte mir das natürlich. Und da ging mir dann ein Licht auf.

Gaby Gerster

Und dann?
Ich habe noch in derselben Nacht zum Thema recherchiert, habe Ärzte gesucht und mir die Ergebnisse von Geschlechtsangleichungen angeschaut. Die Ergebnisse sahen teilweise schrecklich aus. Aber ich habe dann irgendwann einen Arzt gefunden. Er hatte den besten Ruf auf diesem Gebiet. Ich sah mir seine Ergebnisse an, lernte ihn kennen und wusste: Das ist er.

Die Entscheidung zur Geschlechtsangleichung haben Sie öffentlich bei Johannes B. Kerner in der Sendung besprochen. Warum haben Sie es nicht Ihre Privatsache sein lassen?
Ich wollte einen klaren Schlussstrich ziehen. Es sollten im Nachhinein keine Missverständnisse aufkommen, nach dem Motto: War er nicht mal eine Frau? Dem wollte ich vorbeugen. Und natürlich ging es mir auch darum, auf das Thema aufmerksam zu machen. Ich verstehe nicht so ganz, warum man über solche Tabuthemen nicht spricht. Es ist doch nur natürlich, was die Natur kreiert. Ich fühlte mich da auch in einer gewissen Verpflichtung Aufklärung zu betreiben.

Aber so sehr sie die Öffentlichkeit gesucht haben, auf dem OP-Tisch sind sie dennoch allein gewesen. Was ist Ihnen in den letzten Minuten, ehe sie ihren Penis bekommen haben,  durch den Kopf gegangen?
Ich habe vorher viel nachgedacht, was diese OP bedeutet. Ich habe mich gefragt, ob ich nicht künstlich in etwas eingreife, was mir die Natur gegeben hat. Aber meine Antwort darauf war und ist eindeutig - anatomisch ein Mann zu sein war mein Traum. In den letzten Minuten vor der OP dachte ich deshalb nur:  Was ist, wenn ich nicht wieder aufwache und diesen Traum nicht leben kann?

Am Ende ist alles gutgegangen. In Ihrem Buch "blaue Augen bleiben blau" kann man die ganze Entwicklung detailliert nachlesen. Die Geschichte macht sicherlich vielen anderen Transidenten Mut. Was raten Sie Jugendlichen, die merken, dass sie im falschen Körper stecken?
Es gibt viele Herausforderungen, vor denen Menschen stehen. Jeder hat sein eigenes Problem, dass er lösen muss im falschen Körper zu stecken, ist nur eines. Aber wie für alle Probleme, gibt es auch für dieses eine Lösung. Man muss ihm nur offen begegnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Falk Steinborn für www.dbna.de und das Magazin out! des Jugendnetzwerkes Lambda e.V.

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