Innere Ruhe

Redaktion Von Redaktion

Und jetzt sitze ich hier am Computer und schreibe auf, was mir da so eben alles passiert ist. Das soll also ein Moment innerer Ruhe gewesen sein? Na, ich weiß nicht. Aber vielleicht sollte ich mal vorne anfangen.

Und jetzt sitze ich hier am Computer und schreibe auf, was mir da so eben alles passiert ist. Das soll also ein Moment innerer Ruhe gewesen sein? Na, ich weiß nicht. Aber vielleicht sollte ich mal vorne anfangen.

Mein Hund wartet schwanzwedelnd darauf, dass ich ihn anleine, die Haustür aufmache und mit ihm nach draußen gehe. Richtig schönes Wetter ausnahmsweise. Die Sonne scheint, es ist warm, nur ein bisschen zu windig für meinen Geschmack. Es gibt Tage, da ist der tägliche Spaziergang mit dem Hund nur lästige Pflichterfüllung, aber heute freue ich mich darauf, eine Zeit lang an der frischen Luft zu verbringen. Ich biege links in den Fußweg, dann rechts an der Straße entlang. Einige Meter weiter vorne sehe ich eine kleine Menschentraube am Bordstein stehen. Ich komme näher und sehe eine alte Frau am Boden, zwei Männer helfen ihr dabei sich aufzusetzen. "Kann ich etwas helfen?" frage ich. Eine Frau schaut hoch: "Nein, der Krankenwagen ist schon gerufen." Als ich noch Zivi im Krankenhaus war, war diese Frau einige Male mit ihrem Sohn bei uns - wegen einer Schlüsselbeinfraktur, wenn ich mich recht erinnere. Nach einem kurzen OK und einem Lächeln gehe ich dann also weiter. Es sind tatsächlich schon genug helfende Hände vor Ort. Einige Minuten später erreichen mein Hund und ich das Ziel: eine große Wiese, die an ein zurzeit nicht bearbeitetes Feld grenzt. Also genug Platz für meinen schwarzen Wirbelwind, um sich so richtig auszutoben. Ich löse die Leine, der Hund prescht los. Schnuppert hier, markiert da, läuft vor, schaut sich um, kommt zurück, schnuppert wieder, dreht eine Runde um mich, läuft wieder weiter.

Währenddessen gehe ich gemütlich über die Wiese, atme tief durch. Ein Moment innerer Ruhe, das tut gut. Endlich mal Zeit nachzudenken. Bald geht das Semester wieder los. Dann beginnt der alltägliche Trott wieder. Außerdem beschäftigen mich im Moment noch viele andere Dinge. Familie, Freunde, Studium. Ist dieser Augenblick nicht viel zu schade? Ist Ruhe nicht gerade, wenn man einmal nicht nachdenken muss? Ich atme noch einmal tief durch und gehe weiter. Ich versuche einmal, an nichts zu denken. Setze einen Fuß vor den anderen. Mehr nicht. Der Wind hier ist ganz schön frisch, ich hätte mir etwas Wärmeres anziehen sollen. Wie leise es doch hier ist. Ringsherum niemand da außer mir und dem Hund. Autsch, da piekst mich etwas am Fuß. Ich schiebe das Hosenbein hoch - die Hose hat früher mal meiner Mama gehört - und entdecke eine Klette an meinem Socken. Als ich sie abnehmen will, zerfällt sie in mindestens zwanzig Einzelteile. Ich sammle die Stücke auf, immer wieder piekst es. Natur hat eben auch ihre Tücken.

Als ich aufsehe, ist der Hund verschwunden. Ich schaue mich um. Ich rufe ihn. Nichts passiert. Ich rufe noch einmal, lauter und energischer. Er wird doch nicht dem Hasen gefolgt sein, der vorhin seine Haken auf dem Feld geschlagen hat? Ich muss niesen. Die Pollenallergie macht sich auch noch bemerkbar. Dann ertönt aus der Ferne ein Sirenengeräusch. Noch einmal rufen. Hinter den Sträuchern an der Seite des Feldes tut sich etwas, ich höre ein Planschen. Ich rufe ein viertes Mal, mittlerweile etwas wütend und sehr laut. Und kurz darauf kommt mein Hund auf mich zu gerannt, nass von oben bis unten. Und der halbe Kopf ist von einer grünen schleimigen Substanz überzogen. In zwei Metern Abstand schüttelt er sich, die Tropfen fliegen durch die Gegend. Noch einmal muss ich niesen. "Hierher!" Der Hund kommt, geht um mich herum und setzt sich an meine linke Seite. Na, wenigstens das funktioniert. Ich lege ihm die Leine wieder um, es ist an der Zeit, zurück nach hause zu gehen. Soll ich ihn so gehen lassen, mit diesem grünen Etwas quer über dem Gesicht? Natürlich habe ich keine Taschentücher dabei. Und es ist auch weit und breit kein größeres Blatt zu sehen, mit dem ich dieses Glibberzeugs abwischen könnte. Seufzen. Selbst ist der Mann - was tut man nicht alles für seinen ach-so-treuen Gefährten. Ich wische ihm mit der Hand über den Kopf. Vermutlich irgendeine Algenschicht, die er sich zugezogen hat, als er in irgendeinem Tümpel tauchen war. Wasser ist das Größte für meinen Hund.

So, der Hund ist sauber, meine Hand hingegen schleimig und grün. Ich wische sie am feuchten Wiesenboden ab. Der Hund tropft immer noch. Rückzug. Schon aus einiger Entfernung erkenne ich den Krankenwagen. Die haben ja ganz schön lange gebraucht. Die alte Frau liegt mittlerweile auf einer Trage und wird gerade ins Wageninnere geschoben. Den Notarzt kenne ich, auch noch aus meiner Zeit im Krankenhaus. Einer der Internisten. Wie der immer durch die Gänge stolziert ist, mit wehendem Mantel. Der fand sich immer ganz besonders unwiderstehlich, glaube ich. Egal, das soll nicht meine Sorge sein. Natürlich haben sich einige Schaulustige versammelt. Mein Hund und ich gehen daran vorbei. Hier, wo der Wind kaum noch weht, ist es wieder fast zu warm für das, was ich anhabe. Der Hund tropft nicht mehr, nur das Fell ist noch feucht. Die Überreste des Tümpelschleimes kleben in der Zwischenzeit als trockenes Etwas an meiner Hand. Meine Schuhe waren auch schon mal sauberer. Und ich freue mich darauf, mir gleich die Nase putzen zu können. Verdammte Allergie. Ich lasse den Hund in den Garten, da kann er noch ein wenig trocknen. Nachdem ich mir die Hände gewaschen habe, gehe ich hoch in mein Zimmer. Eigentlich könnte ich über diesen Tag mal was schreiben. Es ist nichts Bemerkenswertes passiert, aber vielleicht gerade deshalb. Ich trinke ein Glas Orangensaft. Und jetzt sitze ich hier am Computer und schreibe auf, was mir da so eben alles passiert ist. Das soll also ein Moment innerer Ruhe gewesen sein? Na, ich weiß nicht. Aber vielleicht sollte ich mal vorne anfangen.

Mein Hund wartet schwanzwedelnd darauf, dass ich ihn anleine, die Haustür aufmache und mit ihm nach draußen gehe. Richtig schönes Wetter ausnahmsweise. Die Sonne scheint, es ist warm, nur ein bisschen zu windig für meinen Geschmack.

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