Ins Gewissen gebissen

Redaktion Von Redaktion

Dort vorne links sitzt eine alte Frau, neben sich eine Plastiktüte von LIDL. Mein Blick fällt auf den Kaffeebecher in ihrer rechten Hand. Sie schüttelt ihn unentwegt, in ihm klimpert Kleingeld. Klingt nach verdammt wenig Kleingeld.

Die Sonne lacht, der Himmel ist blau. Ich trage ein schwarzes Poloshirt und blaue Jeans. Das Leben ist toll. Habe eben Geld vom Automaten geholt, ein wenig bei den DVDs gestöbert, aber nichts Passendes gefunden. Dann rüber zum Zeitschriftenladen am Bahnhof, aber auch hier finde ich nichts, was mich anspricht. Also schlendere ich ein wenig durch Augsburgs Fußgängerzone, die schwarze Umhängetasche auf dem Rücken. Neue Schuhe könnte ich mal gebrauchen. Dort vorne links sitzt eine alte Frau, neben sich eine Plastiktüte von LIDL. Erst denke ich, die ruht sich bloß hitzebedingt aus, doch dann fällt mein Blick auf den Kaffeebecher in ihrer rechten Hand. Sie schüttelt ihn unentwegt, in ihm klimpert Kleingeld. Klingt nach verdammt wenig Kleingeld. Irgendwie sieht sie nett aus.

Ich gehe vorbei. Und plötzlich brüllt mich mein soziales Gewissen an: "Hey, du Penner (und damit meint es mich), du gehst einfach so vorbei?" Ich bleibe kurz stehen. Schaue noch einmal zurück. Sie klimpert noch immer, aber niemand scheint sie zu beachten. In meinem Portemonnaie befinden sich genau 3 Cents. Und Geldscheine. Ich kann ihr ja wohl schlecht meine Cents in den Becher werfen. Und einen 5-Euro-Schein irgendwie auch nicht. Was sie wohl in ihrer Tüte hat? Ist das alles, was sie besitzt? Und wenn ja, wieso? Welche traurige Geschichte hat diese Frau zu erzählen? Egal, ich gehe weiter. Behalte meine Cents.

Kaum zwanzig Meter weiter sitzt auf dem Boden eine junge Frau, etwa mein Alter, würde ich sagen. Neben ihr ein hübscher Schäferhund. Sie hat eine Mütze neben sich liegen. Sogar ein Schein liegt dort. Der Hund ist echt niedlich. Warum haben eigentlich Obdachlose so oft einen Hund? Schon klar, der Hund als der beste Freund des Menschen und so, ich habe ja schließlich auch einen - aber so ein Hund kostet ja auch Geld. Die Finanzlage in meinem Portemonnaie hat sich in den letzten 27 Sekunden nicht groß geändert. Noch immer finde ich es - ja - peinlich, einem Bettelnden meine 3 Cents zu geben. Und ich bin nicht gewillt, gleich 5 Euro zu bezahlen. Gott, und ich habe die SPD gewählt. Ich bin ein schlechter Mensch. Außerdem, wenn, dann würde ich das Geld lieber der Frau von vorhin geben. Ich weiß auch nicht, wieso. Egal, ich gehe weiter.

Gehe vorbei am Sonnenstudio, an der Konditorei, bleibe an der roten Ampel stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt meistens ein alter Mann, der auch um Geld bettelt. Heute ist da niemand. Zuviel Konkurrenz? Wenigstens muss ich dann nicht wieder das Gebrüll meines schlechtes Gewissens ertragen, wenn ich einfach so vorbei gehe. Dieser alte Mann hat immer ein Schild vor sich stehen, auf dem steht: "Bin in Not, ohne Arbeit und Geld!" Und immer, wenn ich ihn sehe, kommt der Werbefachmann in mir hoch. Ich muss schmunzeln, dann wird es grün, ich gehe weiter. "Nein, also wirklich, so geht das nicht. Mit diesem Slogan locken Sie keine einzige Maus hinter dem Ofen hervor. Und Mäuse schon gar nicht. Da muss ein bisschen mehr Pep rein. Wie wäre es denn mit Bin in Not, ohne Arbeit und Brot? Dann können Sie das Schild behalten, bessern es nur etwas aus. Und so ein Reim, der macht doch immer was her. Auch Pumuckl wusste schon: ... und was sich reimt, ist gut. Weiterhin viel Erfolg."

Himmlisches Wetter, wirklich. Beinahe schon ein bisschen zu warm. Ich gehe vorbei an McDonalds, biege links ein. In einer halben Stunde will ich die Straßenbahn nehmen. Mein Weg führt mich in eine Parfümerie. "Alles mit 25% Rabatt", erklärt mir die Verkäuferin. "Ich überlege es mir", antworte ich. Und kurz darauf sitze ich in der viel zu heißen Straßenbahn, um mich herum werden Zeitungen gelesen. Und ich habe ein neues Thema für meine so genannte Kolumne. Ich schaue zufrieden aus dem Fenster.

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