Iris Radisch und die Homophobie

Redaktion Von Redaktion

Die Literaturkritikerin Iris Radisch rezensiert das Buch "Hymne der demokratischen Jugend" - wer genau hinsieht und hin hört, dem fällt ihre absolut unterschwellige Homophobie auf.

Iris Radisch (50) ist eine Literaturkritikerin und -journalistin, die vor allem durch die Teilnahme am Literarischen Quartett Marcel Reich-Ranickis bekannt wurde. Sie schreibt zudem seit langem für die Wochenzeitung "DIE ZEIT". Auch hat sie eine eigene Sendung im Schweizer Fernsehen SF1 und ist ebenso bei der 3sat-Sendung "Kulturzeit" mit ihren Rezensionen präsent.

Dort hat sie auch am vergangenen Dienstag, den 03.11.2009, das neuste Buch von Serhij Zhadans vorgestellt, das den Titel "Hymne der demokratischen Jugend" trägt (zum Ansehen dieser Buchvorstellung, die Anlass dieses Artikels ist, klicke auf den Link am Ende dieses Artikels). In diesem Buch lässt er sechs Geschichten in seiner ukrainischen Heimat spielen, wo grob gesagt die westliche Kultur auf den  postsowjetischen Lebensstil trifft. Dass die Kritikerin Zhadan quasi die Bestnote für sein Werk verleiht und ihn schon in der Einleitung über den Klee lobt, sei nur am Rande erwähnt.

Verkommenheit: Korruption, Prostitution, Organhandel, Schwulenbar

Radisch beschreibt die Rahmenhandlung dann so: "Was man da hat, das ist wirklich das verkommene und zerfallene postsowjetische System mit Korruption, Prostitution, Organhandel, Schwulenbar alles was man sich vorstellen kann an Verkommenheit."

Diese Liste darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Dementsprechend sah sich ein Teil des Publikums genötigt, bei 3sat zu protestieren, worauf der Sender eine Erklärung abgab. So bekundet man für Radisch: "Schwulenbars, egal ob im Postkommunismus oder im Kapitalismus, hält Iris Radisch für kein Anzeichen von Verkommenheit. Dennoch möchte sie sich bei allen, die sich durch dieses Missverständnis verletzt fühlen, entschuldigen."

Radischs Entschuldigung ist unglaubwürdig!

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! Denn es geht ja noch weiter in Radischs Text. So beschreibt sie auch eine der Geschichten des Buchs, als sie "tiefer eintauchen" soll: "Es sind immer wieder Existenzgründungen. Es sind als junge Männer, die versuchen in dieser Wüste sich irgendwie an einem kleinen Strohhalm des Kapitalismus und des aufsteigenden Kapitalismus festzuhalten zum Beispiel einen Club für schwule Männer zu gründen, weil das noch eine sogenannte Marktlücke ist, und dann so tun, als sei das irgendwie eine ganz tolle Sache, eine Sache für neue exzentrische Lebensformen."

Dabei ist die Beschreibung des Inhaltes durchaus korrekt dargestellt. Tatsächlich schreibt Zhadan über zwei heterosexuelle Männer, die in der ukrainischen Stadt, in der die Geschichte sich abspielt, den allerersten Schwulenclub gründen. Hier sei die Motivation des Autorseinmal außen vor, denn alleine Radischs Ton fällt hier auf.

Wie heißt es nämlich so schön? "DerTon macht die Musik!" Und hierbei macht nicht nur dieser stutzig, da er geradezu süffisant und moralisch ins Ohr dringt, wenn die Kritikerin vom "Clubfür schwule Männer", der "sogenannten Marktlücke" und der"ganz tollen Sache [...] für neue exzentrische Lebensformen"spricht. Dazu kommt ihre Mimik: Radisch schüttelt leicht denKopf, verzieht das Gesicht und prustet dann noch leicht.


Proteste bei der "ZEIT" nötig

So darf man sich getrost fragen: Eine ZEIT-Journalistin auf homophoben Irrwegen? Die Beteuerungen des Senders dürfen getrost bezweifelt werden. Der Eindruck ist ein deutlich anderer, weshalb Empörung hier durchaus angebracht ist. Denn gerade die leisen Töne sind entscheidend und gesellschaftlich prägend vor allem wenn es um Homophobie geht. Und daher ist die Kritik an Radisch durchaus zulässig und sollte geäußert werden. Man darf sich auch getrost motiviert sehen, beim Chefredakteur der "ZEIT", Giovanni di Lorenzo (chefredaktion@zeit.de), Stellung zu beziehen.



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