Junggeselle der Germanistik

Redaktion Von Redaktion

Es war einmal ein großes wunderschönes Land. Das ward geheißen Europa. Europa hatte eine zentrale Komission, worauf es sehr stolz war. Viel wurde gestritten, doch nach etwa 10 Jahren hatteeine Idee die Chance verwirklicht zu werden. Dies ist die Geschichteeiner dieser Ideen: Einheitliche Studiengänge.

Es war einmal ein wunderschönes Land. Das ward geheißen Europa. Europa war ein ehrwürdiges Land voller ehrwürdiger Traditionen und ehrwürdiger Leute. Eine der ehrwürdigsten Traditionen dieses Landes bestand darin, sich gegenseitig auf die Fresse zu hauen. Mal weil der Eine nicht so dachte, wie er doch eigentlich sollte, mal weil ein Kaiser, König oder sonstiger aktueller Herrscher seine Minderwertigkeitskomplexe mit einem kleinen Egotrip zu kompensieren gedachte oder einfach mal wieder so aus Spaß an der Freude.

Mit der Zeit kamen die ehrwürdigen Leute in Europa aber auf den Trichter, dass ihr ehrwürdiges Hobby total bescheuert und überhaupt ziemlich überholt war. Anstatt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen sollte man sich doch lieber zusammenschließen, eine wirtschaftliche und politische Union gründen, eine eigene Währung einführen, Institutionen und Bürokratien aufbauen und somit das Leben aller viel besser und schöner gestalten.

Um dies zu bewerkstelligen, bauten sich die Völker Europas einen hohen, gaaanz hohen Elfenbeinturm, von dem aus man auf ganz Europa herabblicken konnte. Wahnsinnig schick anzuschauen, die ehrwürdigen Leute waren sehr stolz darauf, denn er hatte auch ein Heidengeld gekostet. Der wurde Brüssel genannt. In diesem Turm saßen die klügsten und allerklügsten Leute des Landes und dachten nach, wie man das Leben ihrer Untertanen besser oder zumindest anders gestalten konnte. Viel wurde gestritten, doch nach etwa 10 Jahren und 20 Änderungen hatte eine Idee die Chance verwirklicht zu werden. Dies ist die Geschichte einer dieser Ideen: Einheitliche Studiengänge.

Doch, das war der Plan. Man war zu dem Schluss gekommen, dass es für alle Hochschulabsolventen, die sich mit ihrem vielen, vielen verfügbaren Einkommen euroopa- und weltweit bewerben, doch viel schöner wäre, wenn alle denselben Abschluss in der Tasche hätten. Das hieße dann auch, dass sich die Personalchefs aller Länder, die laut einer usbekischen Studie aus dem Jahre 1889 zu einer der überlasteten Berufsgruppen überhaupt zählen, weniger Arbeit hätten. Und alle hätten gleiche Chancen und die Hochschulen hätten gleiche Belastungen und Studiengänge und alle hätten den gleichen Abschluss, überhaupt fanden die klugen Leute in Brüssel es immer gut, wenn alles gleich war. Als Vorbild dienten die amerikanischen Studiengänge Bachelor und der anschließende optionale Master, die mit einer Regelstudienzeit von 3 und 2 Jahren sehr flott und fesch daherkamen und somit ideal für das moderne Europa schienen.

Unter den Ländern Europas war auch ein ganz besonders faules, das da geheißen ward Deutschland. Deutschland war der Hofnarr und Trunkenbold Europas. Es lag gerne in der Gosse, trank eine Flasche billigen Selbstmitleids und fragte sich, ob es heute König von Europa sein könnte, wenn seine tragische Geschichte nur ein wenig anders verlaufen wäre. Natürlich musste sich auch Deutschland der Weisheit des Brüsselschen Rates beugen und schon nach einem oder zwei kräftigen Tritten in die Eier erhob es sich schnaufend aus der Gosse, befingerte sein abgewetztes Jackett und zog schlurfend Richtung Euro-Supermarkt, um sich noch ein Six-Pack Selbstmitleid und einen Zauberlehrlingshut zu kaufen. Dann ging es los.

Die Umsetzung in Deutschland lief wie geplant: nicht nach Plan. Denn in Sachen Bildung hatten in Deutschland 16 versteinerte Fossilien das Sagen, die mal die Pläne aus Brüssel so richtig scheiße fanden. Die Fossilien gängelten ihre Hochschulen zwar recht gerne, aber immerhin wollten sie alle selbst entscheiden, wie die Hochschulen nun gegängelt werden sollten, und natürlich wollten sie ihre Hochschulen auch selber herumschubsen, denn sonst macht es ja auch keinen Spaß. Aber das war natürlich kein Problem, denn in Deutschland herrschte trotz allem eine Diskussionkultur (man keift sich ein paar Monate gegenseitig an und wer als erster "Nazi!" schreit, hat verloren).

In dieser sachlichen und kollegialen Runde wurde die Umsetzung ausgearbeitet - schließlich sollte alles einheitlich und gesittet von statten gehen - und dann war es soweit: Den Hochschulen wurden die 16 Zeitpläne zur Umsetzung vorgestellt. Die Hochschulen hatten schon viel erlebt. Viele konnten auf eine jahrhundertelange Tradition zurückschauen, in denen sie die klügsten Köpfe der Welt hervorgebracht hatten. Man konnte an ihnen Molekularmedizin studieren, Forstwissenschaften, Skandinavistik oder Ethnologie. Aber in ganz Deutschland fand sich kein einziger Lehrstuhl für "Bachelor- und Masterwissen für Einsteiger". Dies brachte nun viele der Hochschulen in arge Verlegenheit, denn kaum einer der ehrwürdigen Professoren blickte durch diese Reform durch. Doch die deutschen Unis wären nicht deutsche Unis, wenn sie einfach klein bei gegeben hätten. Sie lächelten ihre Länderfürsten artig an (so in etwa wie man einen brabbelnden Typen anlächelt, der einem in der U-Bahn gelbe Hühner verkaufen will) und machten sich an die Arbeit, die Vorgaben aus Brüssel und die Zeitpläne aus den Hauptstädten umzusetzen.

Zeit ging ins Land. Einige Zeit, aber nicht so viel Zeit, dass man die schicksalhaften Pläne der Herrschenden hätte verdrängen können. Wie auch immer, nach und nach, Schritt um Schritt dechiffrierten die klügsten Köpfe den Code der noch viel klügeren Köpfe aus Brüssel und führten zaghaft die ersten Studienordnungen ein, die auf dem brandneuen System beruhten. Die sahen in etwas so aus:

  1. Wer in Deutschland den Bachelor of Arts machen will, muss sechs Semester an einer deutschen Hochschule studieren.
  2. Das Studium besteht aus Modulen, die absolviert werden müssen.Durch das Absolvieren von Modulen erwirbt der Studierende Credit-Points.
  3. Jedem Credit-Point wird eine Note zugeordnet, auch wenn sie, und das ist wichtig, nicht identisch mit den Creditpoints sind. Die ersetzen die bisherigen "Scheine". Insgesamt muss der Studierende 180 Credits erwerben. Beim 2-Fach-Bachelor wären das 66 pro Fach + 36 im Professionalisierungsbereich und noch mal 12 für die Bachelorarbeit.
  4. Ein Creditpoint entspricht etwa 30 Arbeitsstunden. Möchte man aufgeteilt über die sechs Semester 30 Credits pro Semester schaffen, hat man also 900 Arbeitstunden im Semster. Das ergibt eine 40 Stunden Woche plus ein paar Wochen Urlaub.
  5. Am Ende werden die 180 Noten, die den 180 Credits zugeordnet sind, zusammengerechnet und heraus kommt eine Note, die auf ein Blatt Papier geschrieben und dem Studierenden in die Hand gedrückt wird sooo einfach!

Ein Blatt, auf dem diese Rechnung abgedruckt war, flatterte zufällig mal einem für Bacherlorstudiengänge beauftragten Professor aus der Hand, als er gerade in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wurde. Das Blatt Papier flatterte ein wenig durch die stolze und ehrwürdige Uni-Stadt, bis es mitten auf der Straße liegen blieb. Dort wurde es wenig später von einem urdeutschen Milchmädchen gefunden, das den Zettel lässig aufhob, kurz überflog, irritiert die Stirn runzelte und dann den Zettel entnervt zerknüllte und wieder in die Gosse warf. "So ein Blödsinn!" murmelte es, als es die Straße weiter entlang schlenderte, um ihre Milch auszuliefern. "Kann doch jeder sehen, dass durch die verkürzten Vorlesungszeiten an den Unis viel größere Arbeitsbelastungen für die Studenten dabei rauskommen." Leider war sie auf ihrer Tour alleine und so verhallte ihr Satz ungehört in den Gassen. Und so wurden die Pläne aus Brüssel letztlich doch umgesetzt. Und die Zukunft wird zeigen, wie klug die klugen Leute in Brüssel dann doch tatsächlich sind. Wir sind gespannt.


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