"Eines Morgens, als ich das Klassenzimmer betrat, stand ein Link von einer schwulen Website an der Tafel. Dort zu finden: Bilder vom letzten Christopher Street Day, auf denen auch ich zu sehen bin."

"Oje! Das heimliche Getuschel, das ich in den letzten Wochen hinter mir ab und zu vernehmen konnte, hätte mich eigentlich schon stutzig machen sollen. Eines Morgens, als ich das Klassenzimmer betrat, stand ein Link von einer schwulen Website an der Tafel. Dort zu finden: Bilder vom letzten Christopher Street Day, auf denen auch ich zu sehen bin."

Dieser innere Monolog eines Lehrers aus der schwäbischen Provinz ist ein Beispiel eines ungewollten Outings in einer Schule. Durch das Risiko, bei Schülern, Kollegen und Eltern an Ansehen zu verlieren, trauen sich nur wenige schwule Lehrer in der Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität zu stehen. Zu sehr haben sie noch eine Vorbildfunktion inne. Gerade Eltern möchten heute noch einen Erzieher an der Seite ihrer Schützlinge sehen, der ihrer Gesellschaftsnorm entspricht.

Laut Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wagen aber dennoch immer mehr Lehrkräfte auch freiwillig den Schritt an die Öffentlichkeit. Letztendlich muss ein Lehrer wie jeder andere Arbeitnehmer entscheiden, ob eine Offenbarung in seiner Karriere mehr nützt oder schadet: Werden mich meine Kollegen mobben? Wie reagieren die einzelnen Schüler und Klassen? Zu bedenken ist auch: An einer konfessionell geprägten Schule sind die Hemmungen sicherlich größer als an einer staatlichen Schule.

Falsche Anschuldigungen ziehen manchmal prekäre Folgen mit sich: Ein südbadischer Vater warf einem Lehrer pauschal sexistische, pädophile und homosexuelle Handlungen vor. Er berief sich dabei auf Aussagen seines (pubertierenden) Sohnes, andere Eltern machten vor Gericht gleich lautende Aussagen - und beriefen sich in Wahrheit lediglich auf Gerüchte. Infolgedessen musste der Lehrer durch eine seelische Erkrankung im selben Jahr vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden. Der 18. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe machte am 18. Dezember 2005 ein rechtskräftiges Urteil gegen den Lehrer rückgängig.
 
Längst geben die Lehrpläne vor, Homosexualität im Rahmen des Sexualkundeunterrichts zu behandeln. Ein schwuler Lehrer könnte hier als ein Repräsentant einer sexuellen Minderheit auftreten, und sei es auch nur, um einem Schüler bei dessen Offenbarung vor der Klasse zu helfen. Zudem sorgen Aufklärungprojekte für Schulen, etwa ABqueer in Berlin, die gezielt Schulen besuchen und im Rahmen des Unterrichts über Sexualität aufklären, für mehr Toleranz. Lehrer können diese meist freiwilligen Helfer in ihren Unterricht einladen.

Schwule Lehrer trauen sich immer öfter, an Veranstaltungen wie dem Christopher Street Days teilzunehmen. Unter der Adresse "schwulelehrer.de" informiert die seit über 25 Jahren bestehende Arbeitsgruppe der GEW über ihre Aktivitäten.

Profiteure von einem offenen Umgang mit Sexualität sind letztendlich homo- und bisexuelle Jugendliche in den Schulen, die oft noch Schikanen von Mitschülern ausgesetzt sind.

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Weitere Quellen: www.gew.deBilder: photocase.com