"lästern; 1) [ugs.] schlecht über etwas oder jemanden sprechen," heißt es ganz trocken im Wörterbuch. Warum Menschen lästern und weshalb es teilweise auch viele Vorteile hat, erfährst du in dieser Reportage.

"lästern; 1) [ugs.] schlecht über etwas oder jemanden sprechen," heißt es ganz trocken im Wörterbuch. Jeder kennt diese Szene: Man drängelt sich mit der Clique durch die überfüllte Innenstadt und plötzlich stöckelt dir eine sehr auffällig gestylte Frau in engem Leopardenfell-Top und knallroten Schuhen entgegen. Alle Blicke werden wie magnetisch auf sie gezogen, und sobald sie außer Hörweite ist wird angefangen zu lästern. Ein Urteil ist schnell gefällt: "Schlampe", "bescheuert" und "nicht ganz dicht". Für die verspottete Person kann dieses Urteil allerdings sehr schnell zur Hölle auf Erden mutieren. Warum Menschen lästern, und weshalb es teilweise auch viele Vorteile hat, erfährst du in dieser Reportage.

Hand aufs Herz auch du hast schon gelästert. Vielleicht eher unbeabsichtigt, vielleicht aber auch gezielt um andere Leute schlecht zu machen. Und ganz bestimmt bist du auch schon einmal Opfer von Lästerattacken geworden. Besonders Jugendliche können in ihrem Urteil über Nicht-Anwesende gnadenlos sein.

Dabei ist die Lästerei, die zuerst vernichtend und hinterhältig scheint, meist überhaupt nicht böse gemeint. Das behauptet zumindest der Familien- und Jugendpsychologe Helmut Wetzel von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Er sieht die Funktion des Lästerns eher darin, eine Bestätigung seiner eigenen Identität zu finden und den Zusammenhalt in der Gruppe zu stärken. Der Jungendpsychologe Laszlo Pota aus Hamburg geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass lästern ganz normal ist und zum Erwachsenwerden dazugehört. Ist lästern also ein "Nebeneffekt" der Pubertät? Ja, denn für junge Menschen ist es wichtig sich mit anderen zu vergleichen, und so Distanzen oder Gemeinsamkeiten zu finden. In der Pubertät prasseln viele neue Erfahrungen auf dich ein. Viele Jugendliche bemerken in der Pubertät ihre homosexuelle Neigung und müssen lernen damit fertig zu werden. Ihr wisst selber, wie schwer das sein kann. Dazu kommen große Erwartungen von außen, schulischer Leistungsdruck der oft durch die Eltern noch unerträglicher gemacht wird, und eine innere Unsicherheit. Lästern übernimmt hier vergleichsweise die Funktion eines Ventils. Man lässt Dampf ab ohne direkte Aggressionen freizusetzen. "Jugendliche tratschen uns lästern besonders gern über andere, wenn es um Bereiche geht, die sie selbst verunsichern", sagt Psychologe Wetzel. Er selbst ist Vater zweier Töchter im Teenager- und damit Lästeralter.

Mädchen lästern mit Vorliebe über die Figur und Schönheitsmängel gleichaltriger, während sich bei Jungen alles um die Männlichkeit drehe. "Der ist schwul" ist unter pubertierenden Jungen das wohl beliebteste aller vernichtenden Urteile in Sachen Männlichkeit. Dabei geht es aber nicht wirklich darum, ob jemand homosexuell ist. In der Pubertät versucht man, sein Selbstbewusstsein auf Vordermann zu bringen und vor allem eine Selbstbestätigung zu erhalten. Jungs suchen die Bestätigung ihrer eigenen Männlichkeit, indem sie andere als schwul (in diesem Sinne also "unmännlich") bezeichnen. Dass dies schwachsinnig ist, verdrängen sie auf der Suche nach Bestätigung einfach. Professor Thomas Bliesener von der Kieler Universität beschreibt das Lästern als typisch weibliches Verhalten. Während Mädchen oder junge Frauen es eher bevorzugen jemanden durch lästern indirekt anzugreifen, attackieren Jungs und erwachsene Männer ihre Gegner lieber direkt mit Worten aber leider auch oft mit körperlicher Gewalt.

Eines ist allerdings klar: entscheidend ist immer die Absicht, die dahinter steckt. Wenn die Lästerei nicht gezielt gegen dich gerichtet ist, kannst du sie ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden als harmlos abstempeln. Jugendberater Pota empfiehlt als Spielregel für einen fairen Umgang miteinander, öfter mal ein offenes Wort zu wagen. Generell sollte man meiner Meinung nach öfter mal miteinander als übereinander reden. Und vor allem mehr Toleranz für andere aufbringen- auch wenn sie total übertrieben rote Stöckelschuhe mit einem Leopardenfell-Top tragen.

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Weitere Quellen: n-tv.de