Lasst uns etwas Oberflächliches tun!

Redaktion Von Redaktion

Der Christopher Street Day ist schlecht. Es gibt nicht wenige Kritiker, die genau das behaupten. Der CSD schadet den Schwulen. Aber ist dem wirklich so? Sollte man das Thema nicht differnzierter betrachten?

Ein Freitagabend Mitte Juli: Die Tasche ist gepackt morgen gehts ab nach Köln: CSD-Wochenende. Natürlich wird gefeiert und Spaß gehabt, aber es wird auch gearbeitet: Fotographieren und Standbesetzung für dbna. Ich bin ein kleines Rädchen im Riesengetriebe der gewaltigen Klischeeschlacht "Christopher Street Day". Also in genau jener Institution, die jenseits der schwulen Welt als repräsentatives Bild derselben gesehen wird und die von denjenigen Schwulen, die eben damit nicht identifiziert werden wollen, oft als gewaltige Oberflächlichkeit verteufelt wird.

Wie soll man sein?

Sollten wir nicht anders sein? Weniger schrill und oberflächlich? Sollten wir nicht vielmehr versuchen, durch Zurückhaltung die Toleranz uns gegenüber zu fördern? Ganz bestimmt. Aber für mich schließen sich diese Dinge nicht aus. Natürlich: In den Medien verkommt der CSD zu einer gewaltigen Klischee-Show. Aber denjenigen, die den CSD verteufeln, sei geraten, sich mal einen CSD "von innen" anzuschauen. Natürlich da laufen sie rum, die schillernden Figuren, die wir aus dem Fernsehen kennen. Aber man merkt es schnell: Sie sind eine Minderheit. Die große Mehrheit der Schwulen, denen man dort begegnet, sind eben nicht so. Da entpuppt sich der CSD nämlich schnell als kaum anders als jeder Karnevalsumzug und jedes Volksfest. Mit dem Unterschied, dass der größte Teil der Menschen, die einem dort begegnen, eben homosexuell sind. Und  das ist wohl am Wichtigsten auch als Solche Flagge zeigen. Und mit ihnen ihre Organisationen, wie zum Beispiel Lambda, der LSVD oder dbna. Auf dem CSD sind die Schwulen und Lesben sichtbar und als Solche zu erkennen die schrägsten Vögel unter ihnen genauso wie diejenigen Mauerblümchen, die sich davon nicht abschrecken lassen.

Wer ist Schuld?
 
Für das negative Bild, das der CSD in der Öffentlichkeit abgibt, sind die Schwulen nur begrenzt verantwortlich. Ein Großteil der Verantwortung liegt hier bei den Medien, die sich für ihre Berichte das bunteste und schrillste Treiben herauspicken, welches sie finden können. Schließlich erregt der Skandal mehr Aufsehen als die Normalität. Und hinter all dem darf man nicht vergessen: Der CSD ist ein gewaltiges Fest und bei Festen verhält man sich anders als im Alltag. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass man in Köln das ganze Jahr über mit Narrenkappen durch die Stadt läuft? Oder in Rio de Janeiro im Samba-Kostüm? Wohl kaum.

Was der CSD auch ist

Das hinter der sogenannten "gewaltigen Oberflächlichkeit" sehr viel ehrenamtliches Engagement steht, und dass hier natürlich gemischt mit jeder Menge Spaß und Amusement durchaus ernst gemeinte Initiativen vertreten sind, wird dabei oft vergessen. Da wird über HIV aufgeklärt und es werden Hilfs- und Begegnungsprojekte beworben und vorgestellt, die in der schwulen Welt eine sehr wichtige Rolle spielen. Es spielt sich hoch konzentriert das schwule Leben ab, es entstehen Kooperationen, Freundschaften und Beziehungen. Und letztlich wird genau dieses "schwule Leben" auf dem CSD auch für die breite heterosexuelle Öffentlichkeit sichtbar gemacht - sofern sie das Spektakel nicht gerade im kurzen Privatfernsehbericht betrachtet. Gruppen wie "Schwule in der Feuerwehr" oder Solidaritätsbekundungen mit ausgegrenzten Schwulen anderer Länder zeigen, dass es Schwulen eben nicht nur um Grabbeln und schnellen Sex geht. Schwulsein verbindet. Auch das wird auf dem CSD sichtbar.
Wenn man es von dieser Seite aus betrachtet: Ist da der CSD immer noch die gewaltige Oberflächlichkeit, als die er verschrien ist? Oder schütten die Kritiker nicht ein Stück weit das Kind mit dem Bade aus, wenn sie solche Veranstaltungen in Bausch und Bogen verdammen? 2007 wird es in Köln wieder einen CSD geben. Allen erwähnten Kritikern sei dringend empfohlen, sich ihn mal ausnahmsweise aus der Nähe anzuschauen.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com