Leistungsdruck

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Leistungsdruck
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Stress ist uns allen bekannt. Schon die Kleinsten der Gesellschaft werden daran gewöhnt, mit permanentem Leistungsdruck zu leben. Die Auswirkungen können, müssen aber nicht, verheerend sein.

Im digitalen Zeitalter sind die Anforderungen und die Erwartungen an die Kleinsten der Gesellschaft am größten. "Wer nichts Besonderes vorweisen kann, fühlt sich schnell als Versager", so Stefan Drewes vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Das ist in Zeiten, in denen (Klein-)Kinder über Nacht via Youtube Weltruhm erlangen, durchaus verständlich.

Stress in der Theorie

Wenn wir Stress haben, dann sind wir physisch oder psychisch durch einen Stressor beansprucht. Dabei ist Stress jedoch eine subjektive Empfindung, die von jedem anders erlebt wird.

Die Stressreaktionen fallen ebenfalls von Mensch zu Mensch unterschiedlich aus. Verschiedene Stresstheorien versuchen den Zusammenhang von Stressor und Stressreaktion zu erklären. So besagt zum Beispiel die Theorie der Ressourcenerhaltung (nach Stevan Hobfoll), dass der Mensch grundsätzlich über gewisse Ressourcen verfügt, die er schützen und ausbauen möchte. Stress sei dabei die Gefährdung, der Wegfall oder der ausbleibende Zugewinn von Ressourcen.

Stress ist nicht gleich Stress

Jeder Reiz, der uns widerfährt, ist ein Stressfaktor. Doch nicht jeder Stressor ist gleich stark und auch nicht per se negativ. Man unterscheidet zwischen Eustress und Disstress. Dabei ist schon am Namen erkenntlich das ersterer positiv, letzterer negativ ist.

Disstress entsteht in  unangenehmen und als bedrohlich empfundenen Situationen. Mit dem Einsetzen eines Reizes ist vorerst eine Leistungssteigerung zu verzeichnen, da der Sympathikus ein nicht willentlich beeinflussbarer Teil des Nervensystems, der die Organtätigkeit reguliert - zahlreiche Hormone rasch ausschüttet. So werden z.B. große Mengen des Stresshormons Adrenalin freigesetzt, wodurch die Herzfrequenz und der Blutdruck ansteigen. Außerdem werden dem Körper sofort Energiereserven bereitgestellt und die Aktivität des Magen-Darm-Trakts eingeschränkt, sodass sich das Leistungspotential erhöht.
  
Diese Leistungsphase wird schließlich von der unvermeidbaren Erschöpfungsphase abgelöst. Umso länger die Stressphase dauert, desto ausgeprägter ist die Erschöpfungsphase. Nach kurzen Anspannungsphasen lassen Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit nach. Jedoch kann bei chronischem Stress die Erschöpfung mit schweren Folgeschäden (z.B. Burnout-Syndrom), Kreislaufzusammenbruch oder in Extremfällen auch mit dem Tod enden.

Eustress hingegen wird unserem Organismus nicht gefährlich, sondern kann ihn sogar positiv beeinflussen. Er entsteht durch Leistungen, für die man motiviert ist und durch die man Glücksmomente erlebt.  Das Erregungspotential während der Stressphase ist dann geringer als beim Disstress, sodass die Leistungsphase länger und nachhaltiger ist. Erschöpfungsphasen sind folglich kürzer und weniger ausgeprägt, sodass man sie oftmals kaum wahrnimmt.  

Ursachen und Folgen

Die gravierendsten Stressfaktoren sind Todesfälle im sozialen Umfeld und Scheidungen bzw. Trennungen von langjährigen Partnern. Große Konflikte, Armut, Zeitmangel, Schichtarbeit, Mobbing oder soziale Isolation sind ebenfalls gewichtige Stressfaktoren. Aber auch kurzfristige Langeweile oder Reizüberflutung stehen auf der Liste von Stressoren.

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Noch vielfältiger ist die Reihe an Stressreaktionen, die auftreten können. Ein typisches Anzeichen für (zu viel) Stress ist u.a. zunehmende Teilnahmslosigkeit, die sich durch Apathie, Appetitlosigkeit, sozialen Rückzug oder Angstzustände zeigen kann. Störungen des Schlafes, des Energiehaushalts sowie des Magen-Darm-Trakts sind ebenfalls häufig zu beobachten.

Höchste Erwartungen schon an Grundschüler

Die Stressproblematik beginnt für viele schon in den letzten zwei Jahren der Grundschulzeit. Der Trend in Richtung Abitur zeichnet sich deutlich ab. Schon 2010 bestanden 48,4 Prozent der Schulabgänger das Abitur (Tendenz steigend). Laut Drewes würden Eltern gerade im dritten und vierten Schuljahr, durch ihre Erwartungen bzw. Hoffnungen an ihre Kinder, enormen Leistungsdruck aufbauen.

Der Schulleiter einer Berliner Grundschule weiß zu berichten, dass manche Kinder in Tränen ausbrächen, wenn sie eine "Drei" schreiben würden. Außerdem würden manche Kinder erzählen, dass ihnen für diese Leistung daheim Ärger blüht. Doch gerade diese oftmals gutgemeinten Erwartungen der Eltern enden in einem Teufelskreis, aus dem ihre Kinder nur schwer wieder ausbrechen können.

Der Stress zeigt sich bei Kindern oftmals durch verschiedenste psychosomatische Symptome, wie Kopf- oder Bauchschmerzen, die das Fernbleiben vom Unterricht ermöglichen. "Im Extremfall führt dieses Verhalten zu Schulverweigerung oder Aggressivität die Schule wird dann zum Hassobjekt", so Drewes.

Das Entkommen aus der Stressfalle

Es gibt kein Patentrezept, um der Stressfalle zu entkommen. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff rät jedoch, Distanz zum Alltag zu schaffen: "Man muss sich auf einen Waldspaziergang von vier bis fünf Stunden einlassen Handy, Hund und Laufschuhe müssen zu Hause bleiben. Nach etwa drei Stunden passiert etwas Unglaubliches: Der Druck ist von einer auf die andere Minute weg. Der Tunnelblick verschwindet und man bekommt die nötige Distanz zu den Alltagsproblemen."

Außerdem befürchtet Winterhoff, dass man Kindern, die permanent überfordert werden, keine Chance lässt, ihre emotionale Intelligenz vollständig zu entwickeln. Defizite mit der Wahrnehmung, der Nutzung, dem Verstehen und der Beeinflussung von Emotionen seien mögliche Folgen. Darüber hinaus wären Kinder mit mangelnder emotionaler Bildung in ihrem späteren Leben nicht fähig, feste Abläufe sowie Strukturen im Alltag zu erkennen.

Daher spricht sich der Jugend- und Kinderpsychiater auch für mehr Gelassenheit von Eltern, die Überarbeitung der Lehrpläne sowie für das Umstrukturieren gängiger Unterrichtsformen aus.

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