Liebe ist Arbeit

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Liebe ist Arbeit
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Alle suchen immer was Besseres, ist sich Oliver Spinedi sicher. Einen Partner, der attraktiver ist, sportlicher oder überzeugender im Bett. Aber auf den perfekten Mann kommt es nicht an - sondern auf das eigene Hinzutun. Denn Liebe ist nun einmal Arbeit.

3.13 Uhr, Tobis Geburtstagsparty mitten in der Nacht oder vielmehr viel zu früh am Sonntagmorgen. Ich sitze irritiert auf einer alten ranzigen Couch, das viel zu vielte Glas mit was Leckerem zu trinken in der Hand. Musik dudelt leise vor sich hin und ich beobachte ein knutschendes Pärchen gegenüber.

Gerade hat mich mein Freund René darüber aufgeklärt, dass er vor einer Stunde Schluss mit Andreas, seinem jetzt Ex-Freund, gemacht hat. Eigentlich nichts Außergewöhnliches könnte man meinen, schließlich geht hier und da immer mal eine Beziehung kaputt. In diesem Fall aber wundere ich mich schon, schließlich schien René in der vergangenen Woche noch sehr glücklich und bisher hat er sich noch nie über irgendetwas beklagt. Ich frage ihn also, warum er sich getrennt hat und erhalte eine knappe und kühle, aber deutliche Antwort: "Ich dachte, ich finde was Besseres."

"Du hast sie doch echt nicht mehr alle!" Meine Reaktion ist schnell, überraschend und heftig, viel zu heftig und René schaut mich entgeistert an. So einen Satz gebe ich sonst äußerst selten von mir. Aber ich kann nicht anders, ich bin einfach wütend, wütend über die Tatsache, dass ich diesen bescheuerten Satz schon zum dritten Mal in dieser Woche gehört habe. Wütend darüber, dass alle immer Angst haben, etwas zu verpassen. Wütend darüber, dass viele Schwule sich "was Ernsteres" wünschen, aber sofort Panik bekommen, wenn es mal etwas ernster wird. Und wütend darüber, dass sich genau dieselben dann bei mir darüber ausheulen, wenn sie sich einsam gefühlt haben nach dem letzten One-Night-Stand.

One-Night-Stands sind für eine Nacht... kapiert?

Es geht mir bestimmt nicht darum, den Moralapostel zu spielen. Wer gerne und viel Sex hat und das mit wechselnden Partnern, wer One-Night-Stands mag, soll so viele haben, wie er will, das würde und werde ich nie verurteilen. Ich will aber auch kein Gejammer mehr hören, wenn der Schwarm der letzten Nacht dann doch keinen Wert auf ein Wiedersehen oder ein gemeinsames Aufwachen oder sogar Frühstück gelegt hat, sondern lieber die "Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Nummer" durchzieht. Das gehört eben dazu, "One Night" also für eine Nacht kapiert?

Mir gehen die letzten Schwulenpartys in Hamburg durch den Kopf, auf denen ich war. So viele schwule Männer auf einem Haufen, alle auf der Suche nach irgendwas. Aber keiner oder zumindest nur ganz wenige sind bereit, sich die Blöße zu geben, zu zeigen oder gar zu sagen, was sie wollen. Aber vielleicht warten sie einfach nur auf den Moment, in dem "was Besseres" vorbeiläuft.

"Was besseres also," murmele ich vor mich hin. Was Besseres? Was soll denn das bitte heißen? Entweder passt jemand zu mir oder eben nicht. Heißt besser, besser aussehen? Oder jünger zu sein? Oder erfolgreich im Job oder besser im Bett? Oder für die Verträumten unter euch, der Prinz, der euch in der Kutsche mit weißen Schimmeln auf sein Schloss holt?

complize / photocase.com

Eine Beziehung ist Arbeit - von nichts kommt halt nichts

Ich fühle mich plötzlich an einen sehr heftigen Streit mit meinem Ex-Freund erinnert und an eine Erkenntnis, die ich nach dem Streit gewonnen hatte: Liebe ist Arbeit. Manch einer mag sich bei diesen Worten auch an Evje van Dampen alias Hape Kerkeling erinnert fühlen.

Aber im Ernst: Wer tatsächlich eine Beziehung (halten) will, muss einfach begreifen, dass das bedeutet, etwas investieren zu müssen, sich Zeit zu nehmen, an einer Beziehung zu arbeiten und sie zu pflegen und vor allem Geduld mit der Beziehung und miteinander zu haben. Das klingt so beschrieben reichlich unattraktiv, soviel steht fest, kann aber für diejenigen, die durchhalten auch ein Hauptgewinn sein. Von alleine passiert aber eben nix.

3.36 Uhr, Tobis Geburtstagsparty mitten in der Nacht oder vielmehr viel zu früh am Sonntagmorgen. Ich sitze irritiert auf einer alten ranzigen Couch, das viel zu vielte Glas mit was Leckerem zu trinken in der Hand. Musik dudelt leise vor sich hin, ich beobachte ein knutschendes Pärchen gegenüber und begreife zumindest eines: das Leben ist riskant.

Riskant an jeder Ecke, überall lauert die Gefahr, einen Fehler zu machen, der Einfluss auf den Rest des Lebens haben kann. Und jemanden kennen zu lernen, mit jemandem zu schlafen, sich zu verlieben oder gar eine Beziehung einzugehen heißt eben auch, dass man ein Risiko eingehen, dem anderen vertrauen und ihn an sich heran lassen muss. Und manchmal eben auch das Risiko, dass irgendwann alles vorbei ist, dass es eben nicht funktioniert hat, dass man verletzt wird, dass man eine Niederlage eingestehen muss, dass man im schlimmsten Fall vor einem Trümmerhaufen steht oder man im besten Fall zu guten Freunden wird.

Natürlich muss man nicht jedes Risiko eingehen, aber wie langweilig wäre das Leben ohne Nervenkitzel, ohne Ungewissheit und ohne das Gefühl, dass es Menschen gibt, die einen auffangen. Riskant ist es sicherlich auch, sich darauf zu verlassen, dass man "den Guten" oder "den Richtigen" gefunden hat. Aber wer ständig Angst hat, etwas zu verpassen, und glaubt, es gebe doch noch irgendwo was Besseres, der wird das Beste nie erkennen. Und genau das werde ich René gleich sagen.

Der Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin "out!"
des schwul-lesbischen Jugendnetzwerks Lambda e.V.

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