Liebe verdient Respekt

Redaktion Von Redaktion

Die Polizei, unser "Freund und Helfer". Doch wie sieht’s eigentlich mit Homosexualität bei der Polizei aus? Haben es schwule Polizisten schwerer als heterosexuelle Kollegen? Und was ist eigentlich zu tun, wenn man Opfer von anti-schwuler Gewalt wurde?

Der Bundessprecher des VelsPol Deutschland, Horst Reulecke, hat uns einige Fragen beantwortet.

Boomer: Herr Reulecke, Sie sind Bundessprecher des VelsPol Deutschland. Um was genau handelt es sich dabei eigentlich?

Horst Reulecke: Der VelsPol Deutschland ist der "Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter in Deutschland", ein Bundesverband für die vorhandenen Ländervereine, und hat die Aufgabe, die einzelnen Länder zu unterstützen und Einfluss auf die Bundespolitik zu nehmen. So hat dieser nun eine Petition zur Umsetzung des Anti-Diskriminierungsgesetzes und des Ergänzungsgesetzes zur Eingetragenen Partnerschaft (insbesondere auch für den öffentlichen Dienst) an den Bundestag gerichtet.

Boomer: Der Polizei - wie etwa auch der Bundeswehr - wird nachgesagt, sie hätte ein Problem mit Schwulen und Lesben. Ist da irgendwas Wahres dran?
 
Horst Reulecke: Es gibt durchaus Fälle, in denen lesbischen Kolleginnen oder schwulen Kollegen Steine in den Weg gelegt werden, auch durch Innenministerien. So weigert sich beispielsweise das Land Baden-Württemberg, für unsere - durch die Bundeszentrale für politische Bildung anerkannten -  Seminare Sonderurlaub zu gewähren. Im Regelfall hingegen wird Sonderurlaub gewährt, teilweise sogar eine dienstliche Entsendung befürwortet. In einem Fall wurde ein Kollege ins Innenministerium des Landes Thüringen zitiert und ihm nahegelegt zu kündigen, weil er homosexuell ist. Aber selbst in den positiv hervorzuhebenden Ländern kann es in einzelnen Behörden zu Benachteiligungen von Lesben und Schwulen kommen. Eine institutionelle Diskriminierung durch die "Behörde" - bis hin zum Innenministerium - ist in einigen Bundesländern nach wie vor vorhanden.

Boomer: Haben Sie jemals Diskriminierung von heterosexuellen Kollegen oder Kolleginnen erfahren?
 
Horst Reulecke: Ich selbst habe Situationen wie "Mit dem will ich nicht mehr zusammen auf Streife fahren" oder ähnliches nie erlebt. In Köln habe ich an der Fortbildungsstelle der Polizei zwei Jahre lang Seminare zur dem Thema "Polizei, Lesben und Schwule..." gegeben und auch dort eine offene Anfeindung nie erfahren müssen.

Boomer: Eigentlich sollte die sexuelle Ausrichtung doch keinerlei Auswirkung auf den Beruf als Polizeibeamter haben. Warum gibt es dann VelsPol?
 
Horst Reulecke: Es gibt viele Kollegen und Kolleginnen, die im Laufe ihres Dienstlebens Probleme haben. In erster Linie handelt es sich dabei um Diskriminierung durch einzelne oder mehrere Kollegen/Kolleginnen, die bis zum Mobbing gehen kann, aber auch um die Problematik des Outings, das vielleicht geplant oder ungewollt geschehen ist.

Boomer: Gibt es heutzutage noch häufig Fälle von Gewalt gegen Schwule wegen ihrer Homosexualität?
 
Horst Reulecke: Ja. Bereits die Anpöbeleien, die Lesben und Schwule widerfahren, wenn sie Hand in Hand durch die Stadt gehen wollen, fallen unter den Begriff der Gewalt. Sie findet also nicht  nur in Form von Überfällen an "cruising areas" statt. Darüber hinaus gibt es auch Gewaltanwendung innerhalb der Familie gegen homosexuelle Jugendliche. Da in solchen Fällen in der Regel keine Strafanzeige wegen Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung gestellt wird bzw. die Fälle, die zur Anzeige kamen, nicht gesondert ausgewertet werden (Datenschutz), verneinen die meisten Polizeibehörden das Vorhandensein antilesbischer/antischwuler Gewalt und lassen sich sogar dazu hinreißen zu behaupten, diese Kriminalität sei gesunken.

Boomer: Wie kann man solcher Gewalt aus dem Weg gehen? Gibt es da einige Grundregeln, an die man sich halten sollte?

Horst Reulecke: Allgemeinverbindliche  Tipps können kaum gegeben werden, denn selbst derjenige, der nicht gerade in einer "Opferhaltung" durch das Leben läuft, kann Opfer einer anti-homosexuellen Straftat werden. So wurden in Köln in der Nähe von "cruising areas" auch schon Hetero-Männer Opfer von Überfällen, weil sie für schwul gehalten wurden. Hatten schwule Opfer eine Trillerpfeife dabei und sie eingesetzt, zeigten die anderen nicht gerade besondere Hilfsbereitschaft, sondern rannten weg ohne die Polizei zu benachrichtigen. Will man eine neue Bekanntschaft aus einer Kneipe oder Disco mit nach Hause nehmen, sollte man die Anonymität eines möglichen Täters dadurch nehmen, indem man ihn seinen Freunden vorher vorstellt. Im innerfamiliären Bereich sind mir Fälle bekannt, bei denen sich Jugendliche outeten, obwohl sie wussten, dass die Eltern oder Geschwister Probleme damit haben würden. In beiden Fällen mussten die Jugendlichen mit Unterstützung anderer Hilfsorganisationen aus den Familien herausgeholt werden, da sie nach ihrem Outing misshandelt wurden. Wenn Jugendliche das Gefühl haben, dass ihre nächsten Verwandten nicht damit umgehen könnten, sollten sie mit einem Outing warten, bis sie auf "eigenen Beinen" stehen können, um gegebenenfalls dann wegziehen zu können.

Boomer: An wen soll man sich wenden, wenn man das Opfer von "antischwuler" Gewalt worden ist?
 
Horst Reulecke: Nun, in erster Linie ist natürlich die Polizei rund um die Uhr präsent und sollte bei Straftaten informiert werden. Die Ergreifung und Verurteilung von Tätern zeigt deutlich, dass sie nicht ungestraft weitermachen können. Hier gibt es auch Informationen über zusätzliche Hilfsmöglichkeiten. Es gibt mit uns noch eine Reihe von Institutionen, die zusätzlich Hilfe leisten können, zum Beispiel das "Schwule Überfalltelefon", Jugendorganisationen für Lesben/Schwule,  psychosoziale Stellen (bei Traumatisierungen), Jugendämter, der Weiße Ring, Ärzte, Rechtsanwälte und viele mehr.

Boomer: Was kann die Polizei tun, um die Toleranz für Homosexuelle in Deutschland zu verbessern?
 
Horst Reulecke: Das staatliche Verfolgungsinstrument gegenüber Homosexuellen, der § 175 StGB, ist 1994 aufgehoben worden. Von der Bevölkerung werden wir in der Regel auch nicht mehr gejagt, gesteinigt und erschlagen. Daher stellt sich mir eher die Frage nach der Akzeptanz, denn der Toleranz. In erster Linie ist es nicht die Aufgabe der Polizei, gesellschaftspolitische Änderungen herbeizuführen. Dies ist Aufgabe der Politik. Die Bundesregierung hat jetzt aktuell die Möglichkeit, ihren Beitrag durch Umsetzung des Anti-Diskriminierungsgesetzes und des Ergänzungsgesetzes zur Eingetragenen Partnerschaft zu leisten. Es wird interessant, ob und mit welcher Qualität sie zu handeln gedenkt. Die Polizei selbst kann jedoch in ihrem "Mikrokosmos" ihren Beitrag leisten, indem sie sich vorbildlich mit Minderheiten - intern im Umgang mit ihren lesbischen und schwulen Bediensteten und extern im Umgang mit lesbischen und schwulen Bürgern - verhält. Wir, als Teil dieser Behörde, leisten diese Arbeit durch interne und externe Präventionsarbeit beispielsweise durch Beteiligung an der NRW-Kampagne "Liebe verdient Respekt" und "Mann ruf an!".

Boomer: Wenn ein homosexueller Mann oder eine homosexuelle Frau also den Polizeiberuf ergreifen möchte, dann kann er/sie das ganz ohne Bedenken tun?
 
Horst Reulecke: Bei jeder Berufswahl gibt es einige Bedenken, da man seinen Beruf in der Regel langfristig ausüben wird. Bedenkenlos sollte kein Beruf gewählt werden, doch sollte die sexuelle Ausrichtung nicht an erster Stelle stehen. Ob der Polizeiberuf die richtige Wahl ist, wird noch durch andere, wichtigere Faktoren, wie Schichtdienst, Umgang mit Straftätern, Gefährdungsaspekten und mehr beeinflusst. Das Merkmal der sexuellen Orientierung darf heute keinen Einfluss mehr auf die Berufswahl haben. Dies manifestiert auch die EU-Richtlinie gegen Diskriminierung in der Arbeitswelt, die die europäischen Staaten in nationales Recht umzusetzen haben. In NRW kann man sich derzeit mit Abitur/Fachabitur in den Polizeidienst bewerben. Durch den Wegfall der kasernierten Ausbildung dürfte die Entscheidung für den Polizeiberuf ebenfalls erleichtert werden.

Boomer: Ist der VelsPol auf dem Christopher-Street-Day aktiv gewesen?
 
Horst Reulecke: In der CSD-Demoparade in Köln waren wir an Platz 2 mit dem Team von der TV-Serie "SK Kölsch" präsent und brachten unsere Forderungen auf vielen Demoschildern vor. Wir dürften einer der politischsten Vereine bei der Demo sein. Darüber hinaus hatten wir einen Infostand auf dem Straßenfest, wo wir zudem Unterschriften für unsere beabsichtigte Petition gesammelt haben. Bis zum Herbst werden wir in diesem Sinne noch an weiteren Öffentlichkeits-veranstaltungen und CSDs teilnehmen. Im September findet unser Bundesseminar für lesbische und schwule Polizeibedienstete in Oberursel statt. Weitere Infos gibts unter www.velspol.de.

Boomer: Herr Reulecke, vielen Dank für Ihre Mühe. Bleibt mir nur noch, Ihnen für Ihre Arbeit weiterhin alles Gute und viel Unterstützung zu wünschen.

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Weitere Quellen: Bilder mit freundlicher Genehmigung