Listige Doppelmoral

Patrick Fina Von Patrick Fina

Polylux, oh Polylux. Wie sehr vermisst Patrick dich schon jetzt. ZumJahresende wirst du abgesetzt. Eine Frechheit sondergleichen, diedeutlich macht: In der ARD herrscht eine listige Doppelmoral. Auf zumGebühren-Boykott!

Lieber Christoph,

etwas Schreckliches ist passiert. Gestern Mittag, ich saß an meinem Computer und bereitete mich auf ein Seminar vor, kam eine Meldung reingetickert, die mir den kompletten Tag versaut hat. Eigentlich nicht nur den Tag, die ganze Woche, möchte ich behaupten, schlimmer noch: Mein Jahr, wenn nicht sogar mein Leben!

"Sparmaßnahme: Aus für Polylux" titelte das Medienmagazin DWDL.de. Diese nüchterne Meldung hielt ich zunächst für einen Scherz - wer um Himmels Willen würde ernsthaft darüber nachdenken, Polylux abzusetzen? Die Rundfunkrätin des SWR vielleicht, die vor kurzem noch erklärte, dass sie sich bei Schmidt&Pocher wie "in der schlimmsten Gosse" fühle? Ja, so einer Frau könnte man auch das zutrauen. 

Sie war es aber nicht. Die traurige Botschaft überbrachte der RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) selbst. Elf Jahre lang habe man Polylux für Das Erste produziert, erklärte Fernsehdirektorin Dr. Claudia Nothelle, jetzt fehle das Geld. Und weil nicht alle Produktionen gleichermaßen vom Sparzwang betroffen sein sollen, entschied man sich dafür, die beiden Lokomotiven "Polylux" und "Radiomultikulti" ganz einzustampfen.

Das gute Geld. Seit Monaten schon wies die RBB-Intendantin Dagmar Reim auf die finanziellen Probleme ihres Senders hin. Um diese zu verstehen, muss man die ARD durchleuchten. Denn die ARD ist ja kein "richtiger" Fernsehsender, sondern ein Verbund öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Davon gibt es in Deutschland neun Stück, die gemeinsam das Programm für "Das Erste" produzieren und zusätzlich dazu regionale Programme betreiben. Finanziert werden die Rundfunkanstalten durch Rundfunkgebühren, die wir (hoffentlich!) alle zahlen.

Weil im Sendegebiet des RBB aber rund 14,5 Prozent der Haushalte aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit von der Rundfunkgebühr befreit sind und zudem viele Leute aus dem Osten abwandern, bekommt der Sender zu wenig Geld, um das Programm in seiner aktuellen Form weiter zu finanzieren. Ab 2009 fehlen dem RBB rund 54 Millionen Euro.

Ab 2009 soll es also kein Polylux mehr geben, keine charmante Tita von Hardenberg mehr, die leicht ironisch mit ihren gläsernen Moderationskarten hantiert? Eine Katastrophe! Schlimmer noch: Eine Katastrophe, die vermeidbar gewesen wäre. Denn der RBB hat in den vergangenen Monaten mehrfach an die (finanzielle) Solidarität der anderen Rundfunkanstalten appelliert, vor allem in Richtung der wohlhabenden Anstalten. Passiert ist nicht viel.

Mit Polylux geht der ARD ab 2009 nicht nur ein großartiges Format verloren, sondern auch das letzte bisschen Jugendlichkeit. Dabei setzte sie in den vergangenen Monaten alles daran, mehr junge Menschen an ihr Programm zu binden. Wenn nicht mit Polylux, wie bitte dann?

Eines zeigt dieser Fall ganz deutlich: Unsere Rundfunkgebühren werden ungerecht verteilt. Und: Bei der ARD herrscht eine perverse Doppelmoral. Noch vor wenigen Wochen feierte sich die ARD mit der Themenwoche "Chancen einer alternden Gesellschaft" selbst, rief zu Solidarität zwischen den Generationen auf und warb für ein Miteinander. Keine schlechte Sache, ganz im Gegenteil ein sehr gelungener Appell. Aber scheinbar doch nicht mehr als leere Worthülsen. So viel zum Thema "Solidargemeinschaft."

Ein Funken Hoffnung bleibt trotzdem. Einen drastischeren Einschnitt für die ARD hätte der RBB kaum machen können. Niemand hat wahrlich damit gerechnet, dass ausgerechnet Polylux und Radiomultikulti dem Rotstift zum Opfer fallen werden. Bis zum Ende des Jahres bleibt der ARD noch Zeit, über die eigene Doppelmoral nachzudenken. Für ein derartig bürokratisches Monstrum ist das nicht viel Zeit. Ich hoffe, dass die Rundfunkanstalten diese Zeit wirklich nutzen, um alles daran zu setzen, dass wir auch im nächsten Jahr Tita von Hardenberg und ihr Team bestaunen dürfen.

Ach, Christoph. Das stimmt mich traurig. Sollte ich vielleicht einfach meine Rundfunkgebühren nicht bezahlen, mit dem Hinweis, dass ich erst dann wieder einen Cent dem WDR gebe, wenn er sich für ein faires und solidarisches Miteinander mit den anderen Rundfunkanstalten einsetzt? Was habe ich getönt, in meinem letzten Brief, dass doch bitte alle Menschen die Tagesschau gucken mögen. Ein Dreck.

Schau Sat.1, mein Lieber, ich werde das jetzt auch tun. Und Nachrichten gibt es ab sofort nur noch von RTL2.

Trauernd,
dein Patrick

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Weitere Quellen: rbb.de, dwdl.de, ARD-Foto