Mensch 2.0

Redaktion Von Redaktion

Martin leidet unter den Folgen des Burnout-Syndroms. Handy, E-Mail, die modernen Medien machen den Menschen zu einem ständig erreichbaren Medium, er kann sich nicht mehr entziehen und muss ständig für alle Fälle gewappnet sein.

Erst hat er es probiert am Fenster und ist dann doch nicht gesprungen. Kam ins Krankenhaus, da verschrieb man ihm Antidepressiva, gerade einmal dreißig war er da. Antidepressiva, für Martin, den Sunnyboy, schlank und muskulös, kurze Haare und Dreitagebart. Ist immer da, hat immer Zeit, lacht und ist glücklich nach außen, nur sein Job eben, aber, auch das, ach, nicht so schlimm.


Das Leben ging weiter, seine Arbeit nicht: Kein Wort mehr bekam er auf das weiße Blatt, keine Spalte wollte sich füllen. Schreibblockade als Journalist, der Alptraum. Schließlich half ihm seine Freundin. Sie strukturierte ihm seine Recherche, sie entwarf eine Textstruktur und dann verzog er sich, erst in seine Wohnung und als das nicht mehr klappte, mietete er sich ein Büro und schließlich ging er an den Bodensee in ein einsames Zimmer.


Und doch ist das für ihn nicht befriedigend. Es folgt der zweite Schlusspunkt, Tabletten, wahllos zusammengekauft, er schluckt sie wie eine Maschine. Seine Freundin findet ihn in seiner Wohnung zwischen Bergen ungewaschener Wäsche, Müll und leeren Bierflaschen, bewußtlos, aber lebendig. Wieder Krankenhaus, der Magen wird ausgepumpt, dann wird er eingewiesen.


Die Psychologen gehen mit ihm seinen Tagesablauf durch und finden bald die Ursache: Nicht die Schreibblockade führte zu Martins Selbstmordversuchen, sondern die ständige Erreichbarkeit. Er checkte ständig E-Mails, er hatte sein Handy auch nachts an. Martin wollte alles erfahren und das auch noch als erster, man könnte ja mal eine Geschichte darüber machen. Er kam nicht mehr klar mit den ganzen Informationen und konnte sie nicht mehr strukturieren, weil er sie nicht mehr aufnehmen konnte.


Ursachen

Martin leidet unter den Folgen des Burnout-Syndroms. Handy, E-Mail, die modernen Medien machen den Menschen zu einem ständig erreichbaren Medium, er kann sich nicht mehr entziehen und muss ständig für alle Fälle gewappnet sein. Der Austausch von Informationen wird immer schneller, der Stress wird zum ständigen Begleiter. Das führt dazu, dass der Mensch ständig angespannt ist, er kann sich nicht mehr richtig erholen. Und kann irgendwann nicht mehr.


Doch die Kommunikation wird nicht nur immer schneller, sie wird auch mehr und mehr anonym. Die Menschen werden für ihre Arbeit nicht mehr wirklich gelobt, weil sie die Zeit dafür nicht mehr haben und weil in Zeiten des Internets oft auch das persönliche Gespräch wegfällt. Man schreibt schnell eine Mail oder eine SMS, warum soll man dann noch vorbeikommen?


Der einzelne Mensch wird isoliert, doch das erhöht den Druck auf ihn noch mehr. Seine natürliche Angst vor dem Versagen kann krankhafte Züge annehmen Burnout droht. Doch kaum eine Diagnose ist so schwierig zu stellen: Denn die Erschöpfungssymptome sind einerseits sehr vielfältig und andererseits werden sie viel zu lange von den Patienten vor sich her geschoben.


Krankheitsverlauf

Es kann beginnen mit einem harmlosen Projekt, das uns interessiert. Wir engagieren uns dafür und verzichten dafür auf Erholungsphasen. Das Projekt wird immer mehr zum alleinigen Lebensinhalt. Wenn diese Phase kurzfristig anhält, beispielsweise das Lernen vor einer schweren und wichtigen Prüfung, ist das normal. Und dass man traurig ist, wenn dieses hart erarbeitete Projekt scheitert, auch.


Sobald aber mehrere Projekte aufeinandertreffen und vielleicht  scheitern, kann es bedenklich werden. Denn wenn auftretende Misserfolge immer mehr verdrängt werden oder durch Alkohol betäubt, wenn man sich verstärkt selbst bestraft, sich immer weiter zurückzieht und schließlich Kontakte ganz meidet, beginnt ein schleichender Prozess, der sich über mehre Jahre hinziehen kann. Schließlich beginnt der Patient sich Schuldzuweisungen zu machen, häufig wird er depressiv. Immer mehr wird ihm gleichgültig, er leidet unter Schlafstörungen.


Therapieansätze

Und was dann? In den Anfangsphasen können ausgedehnte Erholungsphasen oder ein Arbeitsplatzwechsel Hilfe leisten. Im fortgeschrittenen Stadium ist dies jedoch nicht mehr so einfach, auch weil die Betroffenen oft gar nicht einsehen wollen, dass ihr vermehrtes Engagement mehr schadet als hilft.


Aber die Betroffenen sollen in einer gezielten Psychotherapie behandelt werden. Sie soll helfen, die eigene Leistungsfähigkeit besser einzuschätzen und zukünftige Leistungsanforderungen realistischer zu stellen, damit künftige Überforderungen verringert werden.


So auch bei Petra, einundvierzig bald. Auch sie sagte irgendwann, dass es nicht mehr geht, dass sie eine Auszeit braucht. Es ist der ständige Bereitschaftsdienst an der Tankstelle als Pächterin, es ist die permanente Sorge, dass sie gefordert sein könnte auf der Arbeit. Wenn das Telefon klingelt, dann muss sie los, dann ist auf der Tankstelle wieder Havarie, weil die Kassen abgestürzt sind und die Kunden nicht bezahlen können, weil ein Mitarbeiter sich kurzfristig krank gemeldet hat und sie nun einspringen muss, auch wenn sie schon acht Stunden Schicht hinter sich hat.


Acht Jahre macht sie das mit, acht Jahre auf Abruf, dann kann sie nicht mehr. Ihr fehlt mehr und mehr die Konzentration, sie geht in den Urlaub und erholt sich nicht, sie kann nachts nicht mehr schlafen, ist ständig gereizt. Ihre Familie nimmt immer mehr Abstand von ihr. Petra kommt nicht mehr mit, das Leben ist ihr zu schnell geworden.


Als Petra nicht mehr kann, fängt sie unter professioneller Hilfe an, Aufgaben zu delegieren, lehnt vermehrt den Zusatzschichtdienst ab. Sie lernt, nein zu sagen, vor allem aber lernt sie, nicht ständig erreichbar zu sein. Sie lässt sich fallen, sie klagt immer öfter über Schmerzen. Und denkt darüber nach, was falsch gelaufen sein könnte.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com