Mit Essensresten beschmissen

Redaktion Von Redaktion

Ein Coming Out soll befreiend sein. Manchmal erreicht es aber auch das Gegenteil. Wenn die Mitschüler mit Beschimpfungen und körperlicher Gewalt reagieren, dann wird der Schultag allerdings zum Spießrutenlauf.

David ist siebzehn und besucht ein Gymnasium, seit einiger Zeit jedoch nicht mehr gern. Früher war er einer der beliebtesten Schüler in seiner Jahrgangsstufe, doch das hat sich vor kurzem geändert. Er hat nämlich eine wichtige Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, von der er nicht ahnte, dass sie sein ganzes Schulleben auf den Kopf stellen würde. Früher musste er darauf achten, sich möglichst "hetero" zu verhalten und hatte Schwierigkeiten damit, nicht so sein zu können wie er sein wollte.

Irgendwann begann er darüber nachdenken und fragte, weshalb er sich eigentlich verstellen sollte. Eine wirkliche Antwort darauf fand er nicht: Er outete sich. Zunächst bei einem guten Freund. Doch dessen Reaktion war nicht wie von ihm erwartet positiv, ganz im Gegenteil: Sein Freund machte sich über ihn lustig und erzählte in der Schule herum, dass David "eine Schwuchtel" sei. In den folgenden Tagen bekam er von überall dumme Sprüche zu hören und wusste nicht mehr, was er tun sollte. Sich einem Lehrer anvertrauen? Nein, dazu fehlte ihm das Vertrauen

Probleme meist an Real- und Hauptschulen

So in etwa könnte die Horrorfiktion eines Outings in der Schule aussehen.
Aber ist diese Vorstellung, die offenbar viele schwule Jugendliche prägt, gerechtfertigt?

In einer dbna-Umfrage gaben zumindest ein Drittel der Befragten an, dass sie sich bisher nicht in der Schule geoutet haben. Die Gründe dafür könnten auch Angst vor Mobbing und Gewalt sein. Und diese Ängste sind nicht unbegründet. Immerhin ein Fünftel der Befragten hat verbale oder körperliche Gewalt von ihren Mitschülern erfahren.

Allerdings muss hier zwischen den verschiedenen Schulformen unterschieden werden: In den Oberstufen von Gymnasien zeigt die Erfahrung, dass es hier und da einen blöden Spruch gibt. Ärgere Probleme bleiben meist aus und die Toleranz dominiert. Hingegen ist die Situation an den Beruf- , Real- und Hauptschulen bekanntlichermaßen anders.

"Ich wurde geschlagen"

Ein Beispiel ist die Geschichte des heute 19-jährigen Martin*. Als er die achte Klasse einer Leipziger Realschule besuchte und in der Schule das Gerücht umging, er sei schwul, reagierten seine Mitschüler äußerst aggressiv. Sie hingen Bilder von ihm in der Schule auf, die mit seiner Telefonnummer und den Worten "Ich bin schwul" versehen waren. Und als wäre diese Form des Mobbing nicht genug gewesen, wurde Martin von seinen Mitschüler auch noch gewaltsam angegriffen: "Ich wurde geschlagen, wurde mit Essensresten beschmissen. Die Lehrer wollten den Tatsachen nicht in die Augen sehen und haben mich nicht die Schule wechseln lassen. Sie meinten, es würde an jeder Schule so weiter laufen."

Irgendwann konnte Martin dem Druck seiner Mitschüler nicht mehr standhalten. Die Konsequenz: Er brach die Schule ab. Mittlerweile wohnt er in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen und will dort seinen Abschluss nachmachen. Die Erfahrungen aus Leipzig haben sich bisher zum Glück nicht wiederholt. Aber dennoch bleibt die Frage: Woher kam die Schwulenfeindlichkeit, die Martin damals erlebte.

Schüler übernehmen Vorurteile

Man muss sich klarmachen, wie sich die Allgemeinheit ihre Meinung von Schwulen und Lesben bildet. Oder genauer, wie sie überhaupt die Möglichkeit hat, sich eine zu bilden. Eine durchaus wichtige Rolle spielen hier die Medien. Sie tragen dazu bei, bestimmte Bilder zu vermitteln so auch über Schwule und Lesben, die meist als das lebende Klischee dargestellt werden. Hinzu kommen schwulenfeindliche Äußerungen, wie etwa von Sido und Bushido. In ihren Songs hetzen sie sie offen gegen Schwule. Ihre Musik wird auch von männlichen Jugendlichen gehört.

Die Folge: Über Schwule herrscht insgesamt ein verzerrtes Bild in der Gesellschaft. Dem sind auch heterosexuelle Jugendliche ausgesetzt, die Vorurteile und Klischeebilder übernehmen.

Tabuisierung ist folgenreich

Das führt zurück in die Schule. Denn wo sonst scheint es außer in dieser Institution die Möglichkeit zu geben, diese Thematik zu behandeln und ein anderes Bild zu vermitteln? In der Schule gilt Homosexualität allerdings als Tabuthema. Diese Tabuisierung kann jedoch zu großen Sorgen, Scham, Einsamkeit und Isolation führen. Die Folgen liegen auf der Hand. Laut Psychologin Sigrid Meurer von der Beratungsstelle Neuhland, einer Modelleinrichtung für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche, sind homosexuelle Jugendliche häufiger von Angst, Depressionen oder Drogenmissbrauch betroffen. Die Suizidrate seit sogar vier bis sieben mal höher als bei heterosexuellen Jugendlichen.

Homosexualität als Nischenthema

Die Situation könnte anders sein. Denn laut Schulgesetz NRW muss in der Schule über alle verschiedenen Formen von Sexualität aufgeklärt werden standardmäßig in der Sekundarstufe 1. Damit sollen die Schüler auch Toleranz gegenüber Homosexualität lernen. Das bestätigt auch Moritz Riemer, Biologielehrer an einem Bielefelder Gymnasium: "Wichtig scheint mir, die Jugendlichen insgesamt zu einem toleranten Umgang mit Homosexualität zu führen, so dass sie angemessen reagieren können, wenn sie mit einem realen Fall konfrontiert werden."  Einer Thematisierung eines Coming Out in der Klasse steht er allerdings skeptisch gegenüber und verweist auf andere Verantwortliche: "Andererseits muss der Klassenlehrer natürlich reagieren, wenn er merkt, dass einer seiner Schüler auf Grund seines Outings in der Klasse sozial isoliert oder gemobbt wird."
 
Aber das kommt auf die Initiative des jeweiligen Lehrers an. Ansonsten ist Homosexualität in Deutschland als Thema in den Biologie und Ethikunterricht verbannt. Fortschrittlicher ist da schon die Schweiz. Dort gibt es sogar Rechenaufgaben ganz im Sinne der Toleranz, zum Beispiel: "Die Familie Maier geht Einkaufen: Papa Erik, Papa Tobi und die beiden Adoptivkinder Janine und Moritz kaufen 2 Kilo Nudeln [...]".
In Deutschland sucht man solche Formulierungen in Schulbüchern vergeblich.

Toleranz oder Scheintoleranz?

An deutschen Gymnasien haben die meisten Schülerinnen und Schüler auf den ersten Blick kein Problem mit einem Outing eines Mitschülers oder einer Mitschülerin. Das bestätigt auch die dbna-Umfrage. Etwa die Hälfte der geouteten Teilnehmer stießen auf positive Reaktionen bei ihren Mitschülern. Dennoch wirkt ein Outing auf Jungen häufig zunächst recht befremdend, während einige Mädchen sich beispielsweise darüber freuen, einen schwulen Freund zu haben.Allerdings stellt sich nun die Frage, wie es dann zu Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt kommen kann?

Der Bielefelder Religionslehrer Thomas Genetzky hat dafür folgende Erklärung:  "Meine Erfahrung ist: Die meisten Jungen würden verbal signalisieren, dass sie damit kein Problem haben, aber nur ein Teil davon wird das auch wirklich so empfinden. Ein anderer Teil wird aber innerlich doch gewisse Vorbehalte hegen."

Diese abzubauen ist auch die Aufgabe einer Schule. Da dies bisher allerdings noch unzureichend geschieht, gibt es zunehmend schwul-lesbische Aufklärungsprojekte die in den Schulen für Toleranz werben, z.B. SchLAu NRW. Noch erreichen sie nur wenige Schüler. Aber  jeder einzelne ist es wert, damit solche Geschichten wie die von David und Martin irgendwann der Vergangenheit angehören.

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*Name von der Redaktion geändert.

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Weitere Quellen: istockphoto.com / LindaYolanda, Photocase.com / Aremac