Mobbing ist allgegenwärtig

Redaktion Von Redaktion
Mobbing ist allgegenwärtig
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In Deutschland wird die Zahl der Mobbing-Opfer auf ca 1,6 Million geschätzt. Körperliche Auffälligkeiten, religiöse, sowie sexuelle Orientierung oder ein besonderes Talent dienen meist als Angriffsfläche. Viele von uns mussten erfahren, wie es ist diskriminiert zu werden. Ob Schwul, Lesbisch, Bisexuell oder Transgender: Intoleranz ist ein Thema, dem viele schon oft begegnet sind.

Als Außenseiter zu leben ist schwer und das Gefühl allein zu sein eine Belastung, die viele mit sich tragen und versuchen zu verbergen. Aus der Furcht heraus die Situation zu verschlimmern leidet der Großteil der Opfer still und wendet sich weder an Freunde und Familie, noch an örtliche Beratungsstellen.

Diese stille Qual führt bei vielen, die Ziel von Mobbing werden zu selbstzerstörerischen Handlungen. Auch wenn die Zeit der Hänseleien in der Vergangenheit liegt tragen die Opfer ihre Erfahrungen für immer mit sich. Verschlossenheit und die Angst sich auf Menschen einzulassen begleiten viele, die in ihrer Jugend häufig Mobbing und Ausgrenzung zu spüren hatten.

Wir von dbna wollten wissen: Wie fühlt sich ein Opfer und wie ein Täter?

Der 25-jährige, homosexuelle Milan berichtet von seinen Begegnungen mit Mobbing und möchte seine Erfahrungen mit anderen Betroffenen teilen. Er beschreibt, wie er schon im Kindergarten merkte, dass er sich von anderen Jungen unterscheidet. Während der Pubertät, im Alter von 13 Jahren, erkennt Milan dann, dass er sich für das gleiche Geschlecht interessiert. Das ist der Moment, in dem das Mobbing beginnt.

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Milan (25) - Mit 13 Jahren begann das Mobbing.

Milan (25) - Mit 13 Jahren begann das Mobbing.

"Mein Stil, meine Art, meine Mädchen-Freunde. Ich war einfach anders als meine Umgebung und das fällt in einer Kleinstadt auf." Milan meidet den Kontakt zu anderen Jungen in seinem Ort. Dennoch wird er zum Ziel von Beschimpfungen, Drohungen und körperlicher Gewalt.

Der Psychoterror schwächt seine Konzentration und schulische Leistungen. Die Schulzeit wird für Milan zur Qual. "Ich machte mir bei Schulbeginn schon Gedanken, welcher Weg der schnellste ist, um nach Hause zu kommen ohne gesehen zu werden."

Im Unterricht wird er mit Papier beschmissen und ausgelacht. Auf den Fluren des Schulgebäudes werden ihm Drohungen und Abscheu entgegen gebracht.

"Mein Alltag war von Mobbing geprägt. Ich konnte nicht normal zur Schule gehen. Andere Mitschüler konnten nicht sehen, wie es in mir aussah." Auch außerhalb der Schule wird Milan mit Hass begegnet. "Es gab Ortsteile, in die ich nicht alleine gehen konnte, ohne verprügelt zu werden." "Schwuchtel", "Missgeburt" und "Arschficker", Beleidigungen an die er sich noch heute mit Trauer erinnert.

In der Stadt bewegt er sich nur noch mit dem Fahrrad fort. Er befürchtet, nicht schnell genug fliehen zu können. "Oft hatte ich Panik ich werde erstochen."

Milan spricht über eine Erinnerung, die ihn noch heute verfolgt: "Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, als mich eine Gruppe Jugendlicher auf dem Heimweg abfing. Sie umzingelten mich und ließen mir keinen Ausweg. Ich fühlte mich ihrem Hass ausgeliefert."

Die Jungen treten Milan von seinem Fahrrad. Während ihn die Tritte treffen sieht er, wie sein Fahrrad zerstört wird und spürt jede Beleidigung und jeden Hasserfüllten Blick. Die Augen geschlossen, versucht er in sich zu gehen und den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren, einfach zu warten bis sie genug haben, doch innerlich ist Milan leer.

"Als ich aufgestanden bin nach der Attacke, habe ich meinen ganzen Körper vor Schmerz schreien gehört, aber ich war still." Sein zertrümmertes Fahrrad liegt neben ihm, als wolle es ihm seine ausweglose Situation weiter verdeutlichen.

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Der Weg nach Hause wird zur Qual. Äußerlich, sowie innerlich hat die Gewalt bei Milan Spuren hinterlassen. Wut und Trauer füllen seinen Bauch. Seine Eltern sind hilflos und nicht dazu fähig einzugreifen. Wie auch seine Lehrer können sie die Tortur, die Milan täglich durchlebt nicht erkennen. "Meine Trauer musste ich alleine bewältigen. Ich hatte oft das Gefühl niemand kann mich verstehen."

Aus Angst sich zu wehren und die Attacken damit zu verschlimmern, verzichtet er darauf Widerstand zu leisten und wird zum stillen Opfer. Die Wut in seinem Innern richtet er gegen sich selbst. Mit zerstörtem Selbstbewusstsein fängt Milan an sich mit seinem Zirkel zu verletzen und entwickelt eine Essstörung, die ihn auch später weiter begleitet.

"Ich habe immer noch Probleme damit normal zu essen."

Mit 18 beginnt er eine Lehre als Friseur und lernt einen Mann kennen. Gemeinsam ziehen sie in eine andere Stadt. Heute beschreibt der 25-jährige sein Leben als "Mobbing-frei". Ihm blieb nur die Flucht aus der alten Umgebung als Lösung seiner Situation. Um anderen Opfern diesen Schritt zu ersparen, teilt er seine Geschichte und möchte helfen aufzuklären.

"Ich habe am Ende in mir den Fehler gesehen weil ich immer dachte: Warum ich? Es muss ja etwas Falsches an mir sein, das die Menschen dazu provoziert mich zu verabscheuen. Diesen Gedanken möchte ich anderen Jugendlichen nehmen, die in einer ähnlichen Situation stecken und ihnen sagen: du bist richtig so, wie du bist."

Viele Opfer erzählen, leider oft erst im nach hinein, von ihren Erfahrungen mit Mobbing. Ehemalige Täter schweigen meist bis heute über ihre Beweggründe und verheimlichen ihre Taten. Was geht in den Köpfen der Täter vor und was treibt sie dazu einen anderen Menschen systematisch fertig zu machen?

dbna hat einen Täter zum Sprechen gebracht

Der 25-jährige Ibo aus Nordrhein-Westfalen  hat während seiner Schulzeit nicht nur einmal die Rolle des Täters eingenommen. "Ja, ich habe Schwule gemobbt. Heute tut es mir leid."

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Ibo (25) erschrak vor sich selbst.

Ibo (25) erschrak vor sich selbst.

Er erklärt, wie es zu der Schwulenfeindlichkeit kam, die ihn dazu trieb homosexuelle Mitschüler bis zum Nervenzusammenbruch zu terrorisieren. "Ich bin ein Südländer und aufgewachsen mit der Ansicht schwul zu sein wäre eine Schande."

Der Libanese hat vier Brüder. Das Thema Homosexualität wurde nie angesprochen. "Ich war nicht aufgeklärt. Meine Abscheu entsprang definitiv auch aus meinem Unwissen. Meiner Angst vor dem Unbekannten. Mir wurde immer erzählt alle Schwule hätten Aids."

Ibo hatte nicht nur Berührungsängste, sondern nutzte auch den kollektiven Schwulenhass, der ihn mit seinen "Freunden" verband. "Es ist einfach eine Gruppe zu sein, wenn man sich gemeinsam gegen jemanden stellt. Ein Schwuler ist da ein leichtes Ziel. Wir haben uns gegenseitig aufgeputscht. Alleine hätte ich mich das niemals getraut."

Schwule waren für ihn "auserirdisch" und ein einfaches Opfer. "Schwuchtel", "Transe", "Mädchen", sind die Beschimpfungen, die Ibo Tag für Tag seinen Opfern entgegen schrie. Auch vor körperlicher Gewalt scheute er nicht zurück.

Ibo berichtet von dem Tag, an dem er seine Täter Postition erkannte und vor sich selbst erschrak: "Wir waren im Park, wo ein uns bekanntes schwules Pärchen saß. Ich und meine damaligen Freunde haben sie beschimpft, verfolgt und solange terrorisiert bis einer von ihnen einen Nervenzusammenbruch bekam." 

Die Verzweiflung des Jugendlichen schockiert Ibo

Noch nie zuvor hat er gesehen, wieviel Leid er seinen Opfern tatsächlich zuführt. Als der Junge rennt und schreit, fühlt Ibo die Schuld, die er für diese Hilflosigkeit trägt. "Die Zeit verging langsam. Ich hatte das Gefühl der Junge würde niemals aufhören zu schreien.".

Wenn er heute auf dieses Erlebnis zurückblickt ist Ibo froh, dass es so gekommen ist, dass er diese pure Verzweiflung miterleben musste. "Es war wie ein Warnschuss für mich. Ich bin endlich aufgewacht und habe gesehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich bin traurig, dass es dafür bis zum Äußersten kommen musste."

Ibo weiß, wie es ist zu einer Randgruppe zu gehören. Heute denkt er, dass auch daraus der Drang entstand sich anderen gegenüber zu profilieren. "Ich hatte ein Problem mit meinem Selbstwertgefühl und musste mich überlegen fühlen."

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Er selbst musste aufgrund seiner Herkunft am eigenen Leib erfahren, wie es ist diskriminiert zu werden. "Auch ich habe schon abwertende Blicke spüren und mir Beleidigungen anhören müssen." Ibo hat sich informiert und bereut seine Zeit als Täter. "Es tut mir leid, dass ich so vielen Menschen Leid zugefügt habe.

Ich werde alles tun um für Aufklärung zu sorgen. Schwul sein gehört dazu. Es ist normal. Ich akzeptiere das und habe gelernt, dass man niemals stärker wird wenn man andere schwächt." Milan und Ibo, Täter und Opfer haben sich dazu entschlossen zu berichten und ihre Erfahrungen zu teilen. Beide möchten sie dem Thema Mobbing mehr Aufmerksamkeit verschaffen und zu mehr Toleranz aufrufen.

In Deutschland bleibt das öffentliche Auge im Hinsicht dieser Problematik weites gehend leider geschlossen. Eine  Reportagereihe, die sich dem Thema Mobbing annimmt, versucht das nun zu ändern. Hier wird Opfern Hilfe geboten und versucht einen Weg in eine freiere und tolerantere Zukunft zu finden.

Wenn Du etwas ändern möchtest, melde Dich unter mobbing@endemol.de oder rufe an: 030-61681415.

Vergiss nicht: Viele gehen durch diese schwere Zeit! Nur gemeinsam können wir etwas bewegen.

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