Nicht immer... aber immer öfter!

Redaktion Von Redaktion

Ein fetter, jähzorniger arbeitsloser Kraftfahrzeugfahrer in den Mitvierzigern. Umgeben von Bierdosen sitzt er schwitzend im Unterhemd in seinem tristen Plattenbau-IKEA-Wohnzimmer und schaut sich "Das Geständnis" auf Pro-Sieben an.

Ein fetter, jähzorniger arbeitsloser Kraftfahrzeugfahrer in den Mitvierzigern. Umgeben von Bierdosen sitzt er schwitzend im Unterhemd in seinem tristen Plattenbau-IKEA-Wohnzimmer und schaut sich "Das Geständnis" auf Pro-Sieben an. Seine Mitmenschen hasst er, seine Frau schlägt er. Nur seine Englische Dogge "Babsi" liebt er über alles.

Die fettigen Haare fallen ihr in das blasse Gesicht. Klapprig und dürr sitzt die alleinerziehende Mutter im Morgenmantel in der zugemüllten Wohnküche der kleinen Wohnung und kippt sich einen Jägermeister nach dem anderen rein. Ihre Tochter wird erst in ein paar Stunden nach Hause kommen, wie immer allein. Ihr ist es zu peinlich ihre Freundinnen aus der Schule mit nach Hause zu nehmen.

Solche Bilder schießen vielen Menschen durch den Kopf, wenn sie das Wort "Alkoholiker" hören. Man denkt an Gescheiterte, an die Verlierer. An die Menschen, auf die man getrost herunter schauen kann, da man sich in allen nur denkbaren Punkten himmelhoch überlegen weiß. Alkoholismus? Das ist doch ein Problem der Unterschicht! Menschen, die was auf sich halten, sind nicht abhängig von Alkohol. Der engagierte Arzt, die nette Schuldirektorin, das sind doch wertvolle Mitglieder der Gesellschaft. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Man muss es sich eben nur lange genug einreden...

Jenseits dieser dünkelhaften Denke des Alltags, weiß man es natürlich besser. Dieses "Problemchen", über das niemand so gerne spricht, zieht sich durch alle Schichten und Klassen. Ob es nun übermäßiger Stress, Langeweile oder Depressionen sind, den Gründen, warum man übermäßig oft zur Flasche greift, sind wir alle ausgesetzt. Ein Problem also, das uns auch alle angeht. Obschon das Phänomen so alt wie die Menschheit selbst sein mag und immer mal wieder kurzfristig auf der politischen Agenda erscheint, so hat es doch nichts von seiner Brisanz eingebüßt und ist aktueller denn je: 2004 zählten die Behörden in Deutschland 40.000 Tote aufgrund von Alkoholmissbrauch. Etwa 2 Millionen Menschen gelten als alkoholkrank, weitere fünf Millionen konsumieren Alkohol in gefährlich hoher Dosis. Damit gilt Alkohol als dritthäufigste vermeidbare Todesursache in Deutschland, hinter dem Konsum von Nikotin sowie falscher Ernährung und Bewegungsmangel. 

Alkohol und seine Folgen dürfen also keinesfalls unterschätzt werden. Aber ist jetzt grundsätzlich jedes alkoholische Getränk eine teuflische, verabscheuungswürdige Substanz? Immerhin ist die Droge fester Bestandteil unserer Kultur, fast jeder Kultur. Alkohol wird überall auf der Welt getrunken, seit Tausenden von Jahren. Und die Welt ist nicht untergegangen. Überrascht? Man darf also weiterhin sein kühles Feierabendbierchen genießen... solange daraus nicht schleichend aber stetig zehn "Bierchen" werden und das jeden Abend. Klare Differenzierungen sind also gefordert: Wo endet der harmlose Konsum, wann beginnt der Missbrauch und ab wann ist man gar alkoholkrank? In Zeiten von Flatrate-Parties und Komasaufen keine leichte Aufgabe das rauszufinden. Was ist übermütiger Spaß und wann ist es krankhaft? Nicht immer ist das klar erkennbar. Außerdem darf man nicht all zu sehr an permanenten Vollrausch denken. Auch wer täglich kleinere Mengen konsumiert, kann langsam in eine Sucht absinken.

Wer glaubt, ein Problem mit Alkohol zu haben, oder jemanden kennt, von dem er dies glaubt, sollte deshalb vornehmlich auf folgende Symptome und Verhaltensweisen achten: Zunächst kommt es zu keiner körperlichen Abhängigkeit, lediglich die Alkoholtoleranz steigt erheblich. Der Süchtige muss immer mehr trinken, um betrunken zu werden, da sich der Körper langsam auf die Droge einstellt. Den Betroffenen quälen meist Schuldgefühle und Scham und er fängt an, größere Mengen an Alkohol zu lagern, um seinen erhöhten Bedarf stets befriedigen zu können. Wenn er auf das Thema angesprochen wird, reagiert er meist sehr gereizt und blockt ab. Kleinere Amnesien können auftreten, ansonsten treten aber meist keine größeren Verhaltensauffälligkeiten auf.

Bei Problemen oder Stress kennt der Kranke meist nur noch eine Antwort: Alkohol. Entschuldigungen und Rechtfertigungen werden für sich selbst gesucht. Schon kleine Mengen an Alkohol machen große Lust auf mehr. Auf diese Weise gesellt sich langsam zu der psychischen die körperliche Abhängigkeit. Diese äußert sich nur, wenn der Körper sich voll auf die Droge eingestellt hat und keinen Nachschub mehr kriegt. Man fängt an zu zittern. Schweißausbrüche und heftige Krämpfe folgen, am Ende kann man gar ins Koma fallen. An dem Punkt hat der Betroffene quasi nur noch eine Wahl: Entweder er trinkt weiter oder er begibt sich in Therapie.

Trinkt er aber weiter und wird nicht therapiert, wählt der Kranke den Weg von Krankheit und Tod. Neben dem Herzkreislaufsystem wird vor allem die Leber angegriffen. Auch das Gehirn wird stark geschädigt, so dass es zu gravierenden Persönlichkeitsstörungen kommen kann.   Viele Alkoholiker sterben letzten Endes an einer Leberzirrhose, also  einer vollständigen Vernarbung der Leber.

Nicht immer ist die Sucht offensichtlich. Es gibt durchaus auch so genannte "funktionierende Alkoholiker", die ihre Sucht vollständig in ihr Leben integrieren können ohne damit aufzufallen. Alle gesellschaftlichen Pflichten können wie gewohnt erfüllt werden, während der Alkoholkranke nebenher seine Sucht befriedigt. Dann bedarf es großer Aufmerksamkeit von Freunden und Kollegen, die Abhängigkeit überhaupt wahrzunehmen.

Jemanden zu überzeugen, dass er ein Alkoholproblem hat, ist sehr schwer. Noch schwerer ist es, ihn davon zu befreien. Nach einer körperlichen Entgiftung, in der Medikamente zum Einsatz kommen, die den Alkohol im Blut simulieren, wird der Körper nach und nach von der Droge entwöhnt, was bis zu mehrere Wochen dauern kann. Anschließend muss so gut wie immer eine Therapie erfolgen, die dem Patienten beibringen soll mit der Sucht umzugehen. Sein sogenanntes Suchtgedächtnis wird dafür sorgen, dass jeder konsumierte Tropfen Alkohol einen Rückfall auslöst, wenn er sich nicht arg zusammenreißt. Gerade in Stresssituationen wird der Alkoholiker immer wieder gefährdet sein, mit übermäßigem Trinken anzufangen.

Deshalb ist es wichtig, auf seinen Konsum zu achten und deutliche Worte zu finden, wenn jemand dabei ist, es zu übertreiben. Denn wer einmal in der Sucht drin steckt, kommt ein Leben lang nicht mehr vollends aus ihr raus. Beschämtheit und falschverstandene Rücksichtnahme werden keinem Alkoholkranken helfen. Der nächste Betroffene muss nicht zwangläufig auf der Straße oder im Plattenbau wohnen, es kann unter Umständen auch der Partner oder der beste Freund sein...    

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com