Nichts Halbes und nichts Ganzes

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Nichts Halbes und nichts Ganzes
Joselito Briones/Stocksy

Wie schön, dass man sich gar nicht mehr zwischen Beziehung und Freundschaft entscheiden muss. Denn als Mingle nehmen wir uns vom Single- und vom Liebes-Kuchen jeweils das beste Stück. Doch das kann nicht lange gut gehen: Zu viel Kuchen bereitet Bauchschmerzen.

Sie sprießen aus dem Boden wie Krokusse und Osterglocken im Frühling. Überall laufen diese halb-single-halb-vergebenen Menschen um uns herum. Man gab ihnen den Namen Mingles, eine Mischung aus "mixed" und "single". Offiziell, zumindest aber laut Facebook, sind sie solo. Gleichzeitig haben Mingles aber auch irgendwie einen Partner zumindest auf Zeit.

Wenn ihnen danach ist, verbringen Mingle-Paare Zeit miteinander, sie gehen ins Kino, kochen zusammen, hängen zusammen ab, kuscheln, küssen sich und haben Sex. Es ist also ein bisschen mehr als bloß eine Freundschaft mit Extras. Nein, die Zärtlichkeiten, die stundenlangen Unterhalten, das ist mehr als nur Sex. Aber auch keine ganze Beziehung. Denn dafür reicht es nicht.

Gefühle spielen keine Rolle

Denn das ist ja das, was das Mingle-Dasein ausmacht: Keine Beziehung, keine Verpflichtungen. Freiraum, so viel wie ich will. Niemand muss sich rechtfertigen. Jeder kann seine schlechten Angewohnheiten behalten. Wenn wir keinen Bock auf den anderen haben, bleiben wir daheim, ganz einfach. Wenn wir Lust auf Abwechslung haben, können wir mit der ganzen Welt tanzen, flirten, Sex haben.

Wir haben alle Möglichkeiten, denn unser Mingle-Partner hat kein Recht auf uns. Gefühle spielen keine Rolle. Natürlich sind wir einander sympathisch, wir mögen uns. Aber Liebe? Fehlanzeige. Es ist die schöne gemeinsame Zeit, die im Vordergrund steht, und die ewige Freiheit auf der anderen Seite. Die einzige Verpflichtung für Mingles: Keine Verpflichtungen.

Eduard Bonnin/Stocksy
Mingles können eine wundervolle Zeit miteinander verbringen. Verpflichtungen gibt es aber keine.

Mingles können eine wundervolle Zeit miteinander verbringen. Verpflichtungen gibt es aber keine.

Das ist großartig. So müssen wir uns gar nicht mehr zwischen der Single- und der Beziehungswelt entscheiden. Wir nehmen von beiden Kuchen ein großes Stück. Wir wollen doch sowieso immer das, was wir gerade nicht haben dann sollten wir einfach bei beidem zugreifen. Doch so ganz glatt läuft das nicht: Mingle zu sein ist eben von beidem ein bisschen was, aber nichts so richtig. Für eine echte Beziehung, inniges Vertrauen, das Gefühl, dass man sich auf seinen Partner verlassen kann dafür reicht es einfach nicht.

Unsere Mobilität kennt keine Grenzen

Doch wie lange kann das gut gehen? Sobald einer Gefühle für den anderen entwickelt, gehen meist die Probleme los. Er will mehr, will immer weniger Single und immer mehr Beziehung. Will der andere es nicht, stehen beide im Interessenkonflikt. Einer muss nachgeben oder man erklärt das Mingle-Experiment für gescheitert und gibt es auf.

Manche sagen, unsere Generation will sich einfach nicht mehr binden. Deshalb sind wir alle nur noch Mingles. Vielleicht ist es das. Wir leben in einer Zeit, in der wir alle Möglichkeiten haben. Fast niemand bleibt ein Leben lang in der Heimatregion, work and travel in Australien oder Au-Pair in Kanada sind fast zur Pflicht in Lebensläufen geworden. Wer hat noch denselben Beruf wie sein Vater? Früher war das mal so. Unsere Mobilität kennt kaum Grenzen mehr, unsere Leben sind immer weniger verwurzelt, kaum mehr ortsgebunden und immer unsteter. Da ist das Minglesein nur die logische Konsequenz.

Experiment gescheitert? Auf zum nächsten Mingle

Außerdem sollten wir von Anfang an mit offenen Karten spielen. Wenn nach einigen schönen Dates und aufregenden Nächten dann die Frage aller Fragen "sind wir eigentlich zusammen?" kommt, ist es schon zu spät. Denn wer die Frage stellt, will auf jeden Fall "ja, oder?" hören, und nicht "eigentlich wollte ich nichts Festes..."

Aber, was solls? Wir können immer noch die Flucht ergreifen, uns nie wieder melden auf zum nächsten Mingle.

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Weitere Quellen: Joselito Briones/Stocksy, Eduard Bonnin/Stocksy