Oberflächlichkeit pur?

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Oberflächlichkeit pur?
privat

Die schwule Welt ist ziemlich oberflächlich, muss Oliver Spinedi  in seiner Kolumne "23 Minuten" feststellen. Aber auch er ist nicht frei davon.

16.15 Uhr, ein Modegeschäft voller junger Menschen in einer Einkaufspassage in Hamburg. Es ist ein Samstag und ich begehe den großen Fehler, mich ins Getümmel zu werfen und quäle mich zwischen Pullovern, Jeans, T-Shirts und Jacken hindurch, um irgendwas Schönes zum Anziehen zu ergattern.

Fündig geworden stelle ich mich in die Schlange vor den Umkleidekabinen und warte, bis ich an der Reihe bin.

Vor mir bewegt sich ein Kleiderhaufen, der sich bei genauerem Hinsehen als mit auf jeden Fall mehr als fünf Teilen zum Anprobieren überladenes schwules Paar entpuppt. Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Das scheint zumindest den Beladeneren von beiden zur Tötungsabsicht zu animieren.

Ehe ich mich versehe, werde ich gemustert, ein schneller scannender abschätziger Blick, der mir nur eins sagen soll: oh Mann, siehst du scheiße aus! Oh Mann, was hast du denn da ausgesucht? Oh Mann, ist das etwa H&M, was du da trägst? Oh Mann, du könntest ruhig ein paar Kilo abnehmen. 

froodmat / photocase.com

Style ist alles was zählt

Da ist sie wieder, die Oberflächlichkeit, über die sich alle beschweren, an der alle mitwirken und die in der schwulen Welt besonders ausgeprägt zu sein scheint. Die Welt, in der Regeln gelten wie: du bist nur wer, wenn du gut aussiehst. Du bist dein Körperbau und dein Gewicht und dein Body-Mass-Index. Du bist deine Frisur. Du bist, wie und nur wenn du dich stylst. Du bist, was du trägst. Und du bist Nichts, wenn du diese Regeln nicht befolgst.

Ich erinnere mich an eine Fernsehshow, die wir mal für den KI.KA produziert haben. Damals gab es die klare Ansage, dass die Kinder, die mitspielten auf gar keinen Fall Markenklamotten tragen sollten. Schönes pädagogisches Ziel würde ich sagen, aber einfach mal weit an der Realität vorbei.

Wer heute keine Marken trägt, ist und bleibt in der Schule nun mal ein Außenseiter. Das mögen Eltern heute nicht immer verstehen oder bezahlen wollen (oder können) und mit gutem Zureden beiseite wischen, ist aber so. Am Markenbewusstsein würden deshalb auch Schuluniformen nix ändern.

eris23 / photocase.com

Keiner geht blind durch die Welt

Mir fällt ein Chat ein, den ich mal hatte. Mein Gegenüber beschwerte  sich damals, dass ich ein Foto von ihm sehen wollte. Er fand es scheiße,  dass alle immer nur aufs Äußere achten würden. Zugegeben, irgendwie hatte er Recht, aber Fakt ist doch, dass sich niemand ganz davon freisprechen kann.

Ich meine, ganz ehrlich, ich glaube kaum, dass er sich Profile von denen angeschaut hat, die er äußerlich nicht ansprechend fand, und schon gar nicht diejenigen, die ganz ohne Bild vertreten waren. Auf die Frage, warum er gerade mich angeschrieben hatte, kam dann auch der Beweis: "Du gefällst mir!" Plumps, runtergefallen vom hohen Ross würde ich sagen.

Keine Diät für eine Slim-Fit-Jeans

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich beileibe auch nicht frei davon bin: ich dusche mindestens täglich, pflege meinen Körper, stutze meine Brusthaare und kämpfe gegen meine Augenfältchen. Ich gehe mindestens dreimal die Woche zum Sport, trage immer saubere Klamotten, die farblich möglichst gut zusammen passen und rechtfertige den Kauf von Markenklamotten damit, dass die Qualität ja sowieso viel besser ist.

Ja, ich achte auf mein Äußeres. Aber es gibt eben auch Grenzen beim Streben nach der äußeren Perfektion.  Ich käme niemals auf die Idee, einen plastischen Chirurgen an mir herumschnipseln zu lassen oder mich auf dasselbe Gewicht wie die ganzen Hungerhaken in Slim Fit Jeans herunterzuquälen. Wozu auch? Oder besser gefragt: für wen?

kallejipp / photocase.com

Unter Kleiderhaufen ersticken statt zu lachen

16.38 Uhr, ein Modegeschäft voller junger Menschen in einer Einkaufspassage in Hamburg. Ich stehe immer noch in einer Schlange vor den Umkleidekabinen, warte, bis ich an der Reihe bin und mache mir zumindest eins mal wieder klar: wichtig ist, dass ich mich schön fühle, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle, dass ich mit meinem Äußeren zufrieden bin, dass ich die Klamotten kaufe, die mir gefallen, ganz egal, ob sie nun von einer euren Marke sind oder eben nicht.

Der junge Mann mit dem tödlichen Blick ist inzwischen hinter einem der Vorhänge verschwunden. Zugegeben, er sah gut aus, er hatte ein hübsches Gesicht und schöne Sachen an.

Ja, er hätte mir gefallen. Aber was nützt schon das schönste Äußere, wenn  man mit dem Menschen dahinter nix anfangen kann, wenn hinter der Fassade einer teuren Marke nichts als gähnende Leere herrscht und wenn demjenigen eine meiner Meinung nach absolut wichtige Eigenschaft fehlt: die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, wenn man viel zu viele Sachen anprobieren will und unter dem Kleiderhaufen nahezu erstickt. Mit einem Grinsen gehe ich mein neues T-Shirt anprobieren.

Die Kolumne von Oliver Spinedi erscheint im Zusammenarbeit mit dem Magazin "out!" des lesbischwulen Jugendnetzwerks Lambda.

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Weitere Quellen: privat