Pärchen-Power-Terror

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Pärchen-Power-Terror
privat

Kolumnist Oliver Spinedi ist dagegen, sich zu trennen, sobald die ersten Probleme auftauchen. Er muss aber auch feststellen: Zusammenbleiben ist nicht immer die beste Lösung, sondern passiert oft aus Bequemlichkeit und Angst vor der Singlewelt.

11:15 Uhr Berlin-Alexanderplatz. Ich sitze in einem Ohrensessel in der Filiale einer amerikanischen Kaffeespezialitätenkette und trinke eines dieser völlig überteuerten, aber leider einfach verdammt leckeren Heißgetränke.

Eigentlich hatte ich beschlossen, heute auswärts zu arbeiten und das in mehr oder weniger gemütlicher Umgebung mitten in der Stadt. Eigentlich ein guter Plan, nur leider mit einem kleinen Haken. Mir gegenüber sitzt ein junges schwules Paar und streitet. Laut. Sehr laut. So laut, dass man einfach hinhören MUSS.

Den eigentlichen Aufhänger für den Streit hab ich offensichtlich verpasst, schade eigentlich, denn das wäre wirklich interessant gewesen. Was ich jetzt gerade mitbekomme, ist einfach nur ein Wust an Nebensächlichkeiten, an Dingen, die keinen interessieren und meiner Meinung nach auch keinen mehr aufregen sollten. Schon gar nicht in einer Beziehung. Und je länger ich zuhöre, desto mehr wird klar, dass es eigentlich um was ganz anderes geht, was lieber unausgesprochen bleibt. Und in diesem Fall tatsächlich die Erkenntnis, dass man manchmal einfach nicht zusammenpasst und dass es einfach keinen Mr. Perfect gibt.

In der Praxis ist Schlussmachen leichter als in der Theorie

Versteht mich nicht falsch. Ich bin der Letzte, der sofort zum panikartigen Schlussmachen rät. Im Gegenteil, sonst bin ich eher derjenige, der anderen vorschlägt, noch ein bisschen Geduld zu haben, ihre Erwartungen ein wenig herunterzuschrauben und gelegentlich sich einfach mal ein bisschen lockerer zu machen. Aber manchmal hilft das halt alles nix, und die Konsequenz daraus ist einfach, dass man Schluss macht. Na ja, theoretisch jedenfalls. In der Praxis ist das eben noch mal ne Nummer schwieriger und es dauert einfach ne Weile, bis man das sich selbst und seinem Gegenüber eingestehen kann.

frau.L. / photocase.com

Ich denke an einen Freund von mir, der mich gerade erst gestern angerufen hat, um sich mal wieder richtig über seine Beziehung und seinen Freund auszukotzen. Zwei Jahre sind und wohnen die jetzt zusammen, aber es klappt halt nicht. Sein Typ ist rasend eifersüchtig, hat keinen Job, macht aber auch nix aus sich, kümmert sich um nix in der Wohnung und liegt letztlich meinem Kumpel auf der Tasche, so die Kurzfassung unseres dreiviertelstündigen Telefonats. Das letztlich mit meiner einfachen unbequemen Frage endet: Wenn das alles so scheiße ist, warum trennst du dich dann nicht von ihm?

Ich weiß, dass sich das von außen betrachtet leichter sagt, als dass es getan ist. So eine feste Beziehung ist immerhin auch bequem, gibt einem ne gewisse Art von Sicherheit und irgendwie ist es ja auch schön, wenn immer jemand da ist, wenn man ihn braucht. Aber genau da liegt auch der Haken. Was, wenn man merkt, dass man wirklich nicht viel gemeinsam hat? Was, wenn es Dinge gibt, die einen stören, die sich aber nie ändern werden? Was, wenn sich einer von beiden ne offene Beziehung wünscht? Was, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass man in dieser Beziehung nur gibt, aber nie etwas oder nur ganz wenig zurückbekommt. Was, wenn man auf die Frage "was ist für MICH drin?" keine erfüllende Antwort bekommt. Was wenn man merkt, dass es tatsächlich nur eine bequeme Art des Nicht-Alleinseins ist, die einen miteinander verbindet? Dann kann ich eben nur sagen: "Hallo! Aufwachen! So sieht keine Basis für ne glückliche Beziehung aus."

Nach dem Schlussmachen lauert die böse Singlewelt

Mein Kumpel am Telefon hat versucht, mir zu erklären, wie schwer es ihm fällt, Schluss zu machen. Wie schwer das sein kann, kann jeder nachvollziehen, der schon mal richtig verliebt war und irgendwann merkt, wie die Welt ohne rosarote Brille aussieht. Aber Schwierigkeit hin oder her. Wenn es Probleme in einer Beziehung gibt, gibt es meiner Meinung letztlich nur zwei Möglichkeiten. "Voice or Exit". Also entweder einen Schritt nach vorne gehen und ansprechen, was für einen selbst in der Beziehung nicht funktioniert oder eben, wenn sich die Probleme dadurch nicht lösen lassen, den Schritt durch die Tür zurück in die große, böse Single-Welt wagen. Das braucht sicher Zeit und will wohl überlegt sein, und die Antwort auf die Frage "Wie schlimm ist schlimm genug, um eine Beziehung zu beenden" fällt sicher auch bei jedem anders aus. A propos schlimm genug

JockScott / photocase.com

 11:38 Uhr Berlin-Alexanderplatz. Ich sitze in einem Ohrensessel in der Filiale einer amerikanischen Kaffeespezialitätenkette und trinke eines dieser völlig überteuerten, aber leider einfach verdammt leckeren Heißgetränke. Eigentlich hatte ich beschlossen, heute auswärts zu arbeiten und das in mehr oder weniger gemütlicher Umgebung mitten in der Stadt. Aus dem kleinen Streit um Nichtigkeiten sind inzwischen große Worte geworden, die wie Insektenstiche nur ein Ziel haben: nämlich den anderen zu verletzen, um sich zu verteidigen. Vielleicht sollte ich Paartherapeut werden und dann genau die Dinge aussprechen, die man als Paar einfach nicht hören möchte Der eine von den beiden scheint meine Gedanken lesen zu können, denn ich ernte einen giftigen Blick. Es gibt so viele Dinge, dich ich ihm jetzt gerne entgegnen würde, aber eigentlich geht mich dieser Pärchen-Power-Terror ja auch nix an.

Das schönste am Streit ist das Happy End

So schnell der Streit angefangen hat, so schnell endet er auch wieder. Der Giftzwerg steht auf, schnappt seine Jacke und verlässt wortlos den Laden. Sein Freund dackelt nachdenklich hinterher und das ist einer der Momente, wo ich mir wieder die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, herbeiwünsche. Für diejenigen von euch, die es sich wünschen: ja, es gibt ein Happy End. Die beiden gehen aufeinander zu, schauen sich an und küssen sich innig. Streit gemeistert und Beziehung gerettet, na ja zumindest vorläufig. Am Tresen streitet sich ein junges Paar darüber, wer bezahlt. Laut. Sehr laut

Dieser Text erscheint in Zusammenarbeit mit dem Magazin "out!" des Jugendnetzwerks Lambda e.V.

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