Matthias wurde Zeuge eines Ehebruchs. Eines doppelten. Ein mittelaltesPärchen, frühmorgens, beim Bäcker am Parkplatz einesDiscount- Supermarktes. Und weiß jetzt alles über sie.

Lieber Schnürsenkelfetischist,

Was soll ich sagen - mir geht es doch nicht anders als dir! Ich liebeSchuhe. Oh Gott, wie clichéehaft ich da bin. Ich habe, glaube ich,sicherlich zehn Paar. Allerdings ganz unterschiedliche. Es würde michja schon interessieren, wie du mich den Schuhen nach einschätzenwürdest - einmal bei FlipFlops aus Seegras, das nächste Mal beiSneakern mit französischen Sprüchen und beim dritten Mal bei schwarzenStiefeln. Schuhe perfektionieren die Kleidung und sind somit Design,ein Stück Kultur, ergo wichtig.

Faszinierend finde ich aber auch, wie wir immer glauben, andere Leutezu verstehen, obwohl wir sie nur sehen. Wir ordnen sie ein, weil sieetwas tun, was wir uns nur auf eine Art erklären können. Wenn jemandzum Beispiel Schlangenledercowboystiefel trägt, ist es undenkbar, dasser es tut, weil er gegen das System oder seine Eltern revoltiert. Ertut es, weil er keinen Geschmack hat, das für cool hält und es allenLeuten auf sehr perfide Art und Weise mitteilen will. Liegt doch aufder Hand. Es muss oft gar nicht viel passieren, damit wir die Menschenbegreifen. Wie neulich: Da wurde ich Zeuge eines Ehebruchs. Einesdoppelten.

Auch ich gehörte zu den Menschen, denen es sehr wichtig war, eines derspottbilligen Blanko-Ticketheftchen aus den grausigen Discountern zubekommen, die die deutsche Bahn letztens unter die Leute warf. Mir wares sogar ganz extrem wichtig, ich fahre ja sehr regelmäßig eine sehrteure Strecke. Um genau zu sein, war es mir sogar so wichtig, dass icheineinhalb Stunden vor Ladenöffnung - also um 6:30 - vor dem Geschäftstand. Es war natürlich noch niemand da. Die ganze nächste halbe Stundewar noch niemand da. Außer mir und der Bäckereifachverkäuferin, die inihrem Laden zwanzig Metern weiter an die ersten Frühaufsteher Brötchen,Croissants und Eibrötchen verkaufte. Der Unterschied: Ich fror wie Sauund sie nicht. Hin und wieder fuhr ein Auto auf dem Parkplatz vorbei,manchmal stieg auch jemand aus und ging Brötchenkaufen, und ichbeobachtete das natürlich ganz genau. Ich hatte ja auch sonst nichts zutun, morgens um 6:30 in der arschkalten Luft vor den Türen diesesBiligsupermarktes. Ein Auto allerdings fuhr weder durch, noch stiegjemand aus um sich mit Frühstück zu versorgen. Ich glaube, das Auto warschwarz. Ein Mann saß drin, war auf den Parkplatz gefahren und wartetedarin. Ich fragte mich schon, ob ich wohl tatsächlich vom Geheimdienstüberwacht würde, bis der Typ dann doch ausstieg und zielstrebig inmeine Richtung ging.

Hä, dachte ich mir im ersten Moment, ah im zweiten. Denn er ging an mirvorbei, zum Bäckereiladen und begrüßte eine Frau mit blondiertenLocken, die davor auf ihn wartete. Zusammen gingen sie dann in dasGeschäft um zwei Brötchen und zwei Tassen Kaffee zu holen und kamendann wieder heraus, um sich an einen Bistrotisch zu stellen, den Kaffeezu trinken, die Brötchen zu essen und sich dabei zu unterhalten.
Also, das machte mich ja schon stutzig. Wie gesagt, es war verdammtkalt, obwohl es ja mittlerweile sicherlich schon 6:40 war. Und diesebeiden Mittfünfziger standen da ganz ruhig und unterhielten sich.Mindestens eine Viertelstunde lang. Ich hatte also genügend Zeit, meinePhantasie durchgehen zu lassen, was denn mit ihnen los sei, dass sie soetwas tun. Aber eigentlich lag die Lösung doch, wie so oft, auf derHand: Es sind Arbeitskollegen, die sich morgens auf ein Frühstücktreffen um dann zusammen zur Arbeit zu fahren. Sie unterhielten sich jaauch so herzlich und der Gesprächsstoff ging ihnen nicht aus. Es gingbestimmt um die Formulare, die sie heute in ihrer Versicherungsfirmaausfüllen würden oder um ihre neue Kollegin oder das Enkelkind derNachbarin oder sowas.

Und vielleicht lag ich, was den Gesprächsstoff betrifft, ja gar nichtfalsch; ich weiß es nicht, glaube es aber; sie sahen nämlich beide sehrnach Versicherungsfirma und Nachbarin mit Enkelkind aus. Im erstenPunkt lag ich auf jeden Fall falsch. Sie stieg nämlich nach demFrühstück nicht in sein Auto, um zusammen mit ihm zur Arbeit zu fahren.Er kam mit zu ihrem Auto, das ich bis dahin gar nicht bemerkt hatte.Verstohlen küssten sie sich zwei Mal, nicht sehr ausgiebig, aber sehrhungrig. Sie saß schon auf ihrem Fahrersitz, er stand in der Türe. Einehalbe Minute später waren sie in zwei Autos mit unterschiedlichenOrtszeichen in verschiedene Richtungen davon gefahren. Wieso sollte sich ein Liebespaar um diese Uhrzeit an einer billigenBäckerei auf einem Parkplatz treffen? Wieso sollten sie in zweiRichtungen davonfahren? Wieso sollte er schon zehn Minuten vor ihreintreffen?

Es gibt nur eine Erklärung. Und ich wurde Zeuge. Ich habesie gesehen. Ich weiß jetzt alles.

Zu mindestens über sie. Und ich frage mich, was sie jetzt über mich wissen.

Und über dich, Christoph!


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