Patrick anderthalb

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Patrick anderthalb
Studio-Bühne Essen

Zwei Männer wollen ein Kind adoptieren und bekommen einen vorbestraften und schwulenfeindlichen Pubertätsbatzen zum Sohn. Aber dem Trio Fatale bleibt nichts weiter übrig, als sich aufeinander einzulassen.

Gunnar und Sven wünschen sich ein Kind. Ihr Glück ist, dass sie in Schweden leben und die Adoptionsbehörde deshalb ihren Antrag genehmigt. Es gibt nur ein kleines Problem: Statt des angekündigten anderthalbjährigen Kleinkindes ist der Nachwuchs ein bereits 15-jähriger Pubtertätsbatzen: vorbestraft, rüpelhaft und zu allem Überfluss auch noch schwulenfeindlich. Gern würden die frischgebackenen Papas ihren Nachwuchs wieder umtauschen. Aber es sind Feiertage und die Adoptionsbehörde ist geschlossen. Dem Trio fatale bleibt deshalb nichts anderes übrig, als sich aufeinander einzulassen.

Studio-Bühne Essen
Gut gespielt: Jungschauspieler Richard Wilke füllt seine Rolle als rüpelnder und zugleich zuneigungsbedürftiger Jugendlicher voll aus.

Gut gespielt: Jungschauspieler Richard Wilke füllt seine Rolle als rüpelnder und zugleich zuneigungsbedürftiger Jugendlicher voll aus.

Das ist ein spannendes. Patrick ist ein Eindringling in die scheinbare Beziehungsidylle. Stück für Stück deckt er Probleme des Paares auf, über denen Stillschweigen liegt: ihre Zigaretten- und Alkoholsucht; den ungeliebten Schwiegermutterdrachen und die Unzufriedenheit über die eigene Lebenssituation. Patrick ist der Kristallisationspunkt einer nicht immer einwandfreien Beziehung. Aber im Grunde lieben sich Sven und Gunnar. Das bekommt auch Patrick zu spüren. Seine homophoben Ängste, z.B. das die beiden Männern ihn unsittlich anfassen, werden von Tag zu Tag kleiner. Seine zunächst aggressive Art weicht der Sehnsucht nach einer ganz normalen Familie mit ganz normalen Problemen.

"Patrick anderthalb" dürfte den meisten vor allem als Film bekannt vorkommen. 2008 wurde das Stück  verfilmt und bekam Anerkennung und Preise auf schwul-lesbischen Filmfestivals. Mittlerweile ist der Film auch in Deutschland auf DVD erhältlich (Patrick 1,5). Aber außer der Grundsituation haben Theaterstück und Film nicht viel gemeinsam. Auf der Bühne ist "Patrick anderthalb" kein Drama sondern eine kurzweilige Komödie   oft mit durchschnittlichen und manchmal mit intelligenten Witz.

Die Vätercharaktere sind in der Essener Inszenierung überzeichnete Stereotype: Gunnar als der gutmütige und erfolglose Erfinder mit Fürsorgekomplex und Sven als der cholerische Verdiener -sprich der Mann- im Haushalt. Beide sind auf Ihre Art schräg und dabei äußerst klischeehaft. Gunnar etwa lässt keine schwule Geste aus.

Studio-Bühne Essen, Frank Vinken
Ende gut, alles gut: Nach einigen Tagen will selbst Patrick nicht mehr die Familie wechseln.

Ende gut, alles gut: Nach einigen Tagen will selbst Patrick nicht mehr die Familie wechseln.

Klischeehafte Witzfiguren statt queere Identitäten

Genau darin liegt das Problem. Die Klischees sind für den Witz gut. Sie werden herausgestellt und der schwule Stereotyp zum Lachfaktor. Damit verfehlt die Inszenierung ihr Anliegen "die Zuschauer auf die Suche nach neuen Männer- und Väter-Bildern sowie Familienentwürfen jenseits der etablierten Norm zu begeben" (www.studio-bühne-essen.de). Denn statt queerer Identitäten und Familienentwürfe ist nur Homonormativität auf der Bühne zu sehen. Es geht schlicht um zwei ziemlich schwule Männer, die ein Kind adoptieren.

Trotzdem beweist die "Studio-Bühne Essen" nach dem Schwulenverfolgungsdrama "BENT" (2008) ein weiteres Mal, dass es sich als Laientheater an Themen herantraut, die in den großen Schauspielhäusern nicht unbedingt zu sehen sind. Das ist gut, mutig und hoffentlich nicht das letzte Mal.

Die nächsten Aufführungen:
14. September um 20:00 Uhr und 16. September um 16:00 Uhr. Weitere Termine für 2013 in Planung.

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Weitere Quellen: Studio-Bühne Essen