Politik statt Pomp!

Redaktion Von Redaktion

In einem bizarren Feuerwerk haben sich deutsche Medien auf den Wahlkampf in den USA gestürzt. dbna-Redakteur Paul Klammer erklärt, warum wir in Europa eigentlich viel mehr über die eigentliche Politik erfahren müssen als über die inszenierte Wahlshow.

Es mutet schon bizarr an, mit welchem Dauerfeuer deutsche Medien den bisherigen Vorwahlkampf in den USA begleitet haben. Gefühlt weiß man durch tägliche Analysen und Berichte fast mehr über die Kandidaten als bei Bundestagswahlen. Dabei schreibt die Presse in Deutschland wenig über die Vorstellungen der beiden großen US-Parteien. Doch die sollten uns interessieren, gerade weil wir nicht mitwählen können. Denn auch in der mächtigsten Demokratie der Welt spielen schwule Themen eine Rolle.

Ein Kampf mit viel Geld

Bevor in den Vereinigten Staaten ein neuer Präsident gewählt wird, werden Kandidaten aufgestellt. Siegchancen haben dabei nur Vertreter der beiden großen Parteien, der Republikaner und der Demokraten. Diese bestimmen ihre Kandidaten in einem Vorwahlkampf, der noch bis Juni läuft. Dieses Jahr steht eine Wahl der Superlative bevor: John McCain, der wohl Kandidat der Republikaner werden wird, wäre als Präsident der älteste Neueinsteiger im Amt. Hillary Clinton, die für die Demokraten antreten will, könnte die erste Präsidentin der USA werden, ihr Herausforderer in der eigenen Partei, Barack Obama, der erste Schwarze in diesem Job.

Doch nicht nur das: Dies wird der teuerste Wahlkampf aller Zeiten. Barack Obama etwa hatte Anfang März noch über 30 Millionen US-Dollar für die letzten Vorwahlen übrig. Da waren aber schon zig Millionen ausgegeben. Nur, wenn die Kandidaten fleißig Spenden sammeln, können sie teure Kampagnen bestreiten, die Aufmerksamkeit erregen. So viel Beachtung, dass selbst in Deutschland der US-Vorwahlkampf lange das Top-Thema war, bis sich die Lage in Tibet zugespitzt hat. Aber bis dahin konnte man erfahren, wer den schöneren Anzug trägt, wer wann weint und welcher Kandidat die meisten Schulden hat.

US-Wahlen haben weltweite Bedeutung

Dass es dabei wenig um die politischen Vorstellungen der angetretenen Politiker geht, ist schon erstaunlich. Auch wenn uns von den Vereinigten Staaten ein Ozean trennt, wer der mächtigste Mann oder die mächtigste Frau der Welt wird, sollte uns interessieren. Denn fast sechs Milliarden Menschen auf der Welt können nicht mitwählen, sind aber von der Entscheidung der US-Bürger betroffen. Immerhin sind die Vereinigten Staaten die einzige Supermacht, die größte Militärnation und die größte Volkswirtschaft der Erde. US-Bürger haben also mehr Einfluss auf die Weltpolitik als du oder ich. Darüber kann man sich ärgern oder sich dagegen auflehnen. Viel wichtiger ist es jedoch, seine Meinung äußern zu können. Dafür muss man aber mehr wissen, als dass Hillary Clinton vor kurzem ihre Wahlkampfmanagerin entlassen hat, als es mal nicht so gut lief.

Obama der Hoffnungsträger

In den bisherigen Vorwahlen hat sich das Kandidatenfeld sehr eingeschränkt. Es kämpfen auf Seiten der Republikaner noch John McCain und bei den Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama um das Präsidentenamt. McCain ist 71, hat im Vietnam-Krieg gekämpft und gilt als konservativ. Aber in seiner eigenen Partei sehen ihn viele als zu liberal an. Er unterstützt den Irak-Krieg, den sein Parteikollege George W. Bush begonnen hat. Anders als Bush lehnt jedoch John McCain Folter und Misshandlung von Gefangenen aufgrund seiner Erfahrungen aus vietnamesischer Kriegsgefangenschaft ab. In der eher liberalen demokratischen Partei streiten sich Hillary Clinton, Gattin des Ex-Präsidenten Bill Clinton, und Barack Obama, 46-jähriger Senator aus Illinois, um die Kandidatur. Während Clinton eher auf ihre Erfahrung setzt, punktet Obama mit zwei einfachen Botschaften: "Change" Wandel und "Hope" Hoffnung. Obama tritt für das Abtreibungsrecht und eine neue Energiepolitik ein. Er ist gegen den Irak-Krieg. Damit unterscheidet er sich nur in Nuancen von Frau Clinton. Aber diese Nuancen geben den Ausschlag. Anders als Clinton lehnte Obama den Feldzug im Irak von Anfang an ab. Er vermittelt ein Aufbruchsgefühl, dem Clinton mit ihrer Routiniertheit anfangs wenig entgegenzusetzen hatte.

Trotz Religiosität nicht schwulenfeindlich

Dass Obama dabei gern auf religiöse Motive zurückgreift, muss begibt man sich für einen Moment mal in eine sehr eingeengte schwule Perspektive kein Grund zur Sorge sein. Auch wenn unter dem jetzigen US-Präsidenten Bush mit religiösen Motiven Politik betrieben wurde. Bush hat die Homo-Ehe verteufelt, Kreationismus an Schulen wieder hoffähig gemacht und Enthaltsamkeitsprogramme für Jugendliche eingeführt, die zur Verbreitung von Sexualkrankheiten, aber nicht wie gewünscht zu weniger Teenager-Schwangerschaften geführt haben. Als John McCain im Jahr 2000 schon einmal für das Präsidentenamt kandidieren wollte, warf ihm sein innerparteilicher Konkurrent Bush vor, Zugeständnisse an Schwulengruppen gemacht zu haben. Jetzt nutzte McCain dieses Argument selbst gegen einen Mitbewerber.

Auch Barack Obama ist in seiner Religion verwurzelt. Schwule Aktivisten werfen ihm gar Verbindungen zu christlichen Fundamentalisten vor. 2004 wollte sich Obama nicht mit dem Bürgermeister von San Francisco fotografieren lassen, der die Ehe auch für Schwule und Lesben geöffnet hatte. Die Ehe will Obama als Verbindung von Mann und Frau erhalten. Aber er wirbt für das Recht Homosexueller auf eine eingetragene Partnerschaft. Das wäre immerhin ein Fortschritt in Sachen Homo-Rechte in der mächtigsten Demokratie der Welt.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: www.sueddeutsche.de, Freitag, www.queer.de, www.JohnMcCain.com, www.barackobama.com, www.hillaryclinton.com