Pornos und Vaterland

Redaktion Von Redaktion

Ich sitze in der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof, und wo ich schon mal da bin, will ich auch gleich noch einen Blick in die Bahnhofsbuchhandlung werfen: Eines von diesen Heftchen kaufen, in denen man Fotos von spärlich bekleideten Jungs sehen kann.

Ich bin wieder da. Endlich. In den eigenen vier Wänden. Ziemlich nass geworden bin ich, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich sollte mir wirklich mal einen Regenschirm kaufen. Tasche auspacken. Da ist es, das gute Stück. Ganz schön teuer, wenn man sich das mal so überlegt. Aber was tut man nicht alles für ... aber fangen wir doch mal ganz am Anfang an.

Ich sitze in der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof. Geld vom Automaten holen. Und wo ich schon mal da bin, will ich auch gleich noch einen Blick in die Bahnhofsbuchhandlung werfen. Da gibt es eine große Auswahl von Zeitschriften. Da ist für jeden was dabei. Ich habe mir vorgenommen, eines von diesen Heftchen zu kaufen, in denen man Fotos von spärlich bekleideten Jungs sehen kann. Geld ins Portemonnaie und dann hinein in den Laden. Ach herrje, ist das voll hier. Bestimmt zwanzig Leute in den Reihen. Ich stelle mich erst mal in eine Lücke vor der Zeitschriftenwand. Na, was haben wir denn da? Oh, ich bin bei den spanischen Blättern gelandet. Ja, toll gemacht. Ich mache einen kurzen Abstecher zu den Jugendmagazinen. Ein süßes Foto von Philippe, der lebenden Beatbox von "Deutschland sucht den Superstar". Aber dafür kaufe ich mir sicher nicht gleich eine ganze Zeitschrift. Wo sind denn hier die Schmuddelheftchen? Bestimmt irgendwo versteckt im Eck. Comics, Bastelanleitungen, Deko-Ideen ... ah, da. Jede Menge barbusige Frauen lächeln mich an - tut mir leid, Mädels, ich bin vom anderen Ufer. Und da ganz links stehen dann auch vier Hefte für Schwuppen wie mich. Ein flüchtiger Blick. Eine ältere Dame steht mir im Weg, die sich ein Teddyheftchen durchblättert. Abwarten.

Ich schaue mir mal die Bücher von Terry Pratchett an, die hier ausliegen. Hmhm, ja, doch, spannend. Aber eigentlich habe ich genug Bücher. Ich will ja eigentlich ganz was anderes. Jetzt hat sich die Dame von eben scheinbar gegen den Kauf entschieden und zieht von dannen. Freie Bahn für mich. Ich nehme ihren Platz ein und lasse unauffällig meinen Blick schweifen. Bloß nicht den Kopf zu weit in den Nacken legen. Es soll aussehen, als interessiere ich mich für die neueste Babymode. Die Preise können sich aber wirklich sehen lassen. Gut, dass ich Geld abgehoben habe. Aber ich bin einfach neugierig, was da so drin steht, in einem dieser Hefte. Nehme ich dieses da oder doch das daneben? Ein Blick zur Kasse. Oh, nee, da stehen ja bestimmt sieben Kunden nacheinander an. Das muss ja nun auch nicht sein. Die Zeit zwischen Herausnehmen des Magazins und Verstauen in der eigens dafür mitgebrachten Tasche sollte doch möglichst knapp bemessen sein. Also noch mal abwarten. Ich drehe mich um und mein Blick fällt auf ein kleines Büchlein. "Der Kleine Prinz", eigentlich ein Standardwerk. Eines von den Büchern, die man gelesen haben sollte, oder? Für fünf Euro könnte ich das ja eigentlich mal mitnehmen. Pornozeitschrift und ein philosophisches Taschenbuch. Vielleicht hält mich die Verkäuferin dann nicht für ein komplettes Dreckschwein.

Zurück zu den Hochglanzmagazinen mit den Aktfotografien. Keine lästige Frau, die mir den Weg versperrt, perfekt. Außerdem ist es mittlerweile deutlich leerer hier geworden. Sehr gut. Mit spitzen Fingern hebe ich eine der Zeitschriften heraus, um mir das Cover anzusehen. Ja, gefällt mir. Das nehme ich. Ein letzter prüfender Blick zur Kasse. Und da stehen nun drei uniformierte Soldaten. Flecktarn, Tarnfleck, wie auch immer. Und dann diese roten Mützchen, auf dessen Namen ich gerade nicht komme. Unser Vaterland möge mir verzeihen. Das hat mir ja gerade noch gefehlt. Möchte ich wirklich mit einem Schwulen-Magazin, auf dessen Frontseite ein aufreizend schauender Jüngling zu sehen ist, in der Kassenschlange hinter drei Soldaten stehen? Die sind etwa in meinem Alter, sehen verdammt kräftig aus. Und diese Uniformen, inklusive passenden Schuhwerks selbstverständlich. Soldaten, Verteidiger von Frieden und Freiheit, der Inbegriff der Männlichkeit. Nein, die geht meine sexuelle Orientierung nun wirklich nichts an. Los, hopp, bezahlen, Jungs. Die Pflicht ruft. Dann sind sie weg. Ich schnappe mir das Heftchen und gehe flinken Schrittes zur Kasse. Das Portemonnaie habe ich schon von der Gesäßtasche in die Jackentasche verfrachtet, damit ich nicht unnötig Zeit beim Bezahlen verliere. Ein Mann ist noch vor mir. Seine Sachen werden sogar von der Dame hinter der Theke verpackt. Na perfekt. Dann reiche ich ihr das Magazin und das Büchlein.

Ich bezahle mit einem Zwanzig-Euro-Schein, bekomme mein Wechselgeld. Sie legt meine erworbenen Güter auf die Theke, wo sie jeder sehen kann. Hallo, Fräulein, einpacken!? Oder bekommen Schwule hier keine Tüte umsonst? Frechheit. Ich verstaue also beides in der Tasche und gehe. Und irgendwie, wenn ich mir das alles jetzt, wo ich an meinem Schreibtisch sitze, durch den Kopf gehen lasse, war es doch gar nicht so schlimm. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ja, ich bin schwul. Ja, ich befriedige mich selbst. Ja, dazu können Fotos wie in diesem Heft durchaus nützlich sein. Ich mache ganz normale Dinge. Und beim nächsten Mal werde ich ganz selbstbewusst zur Kasse gehen. Sagen wir, ich würde. Denn beim Durchblättern des Magazins ist mir bewusst geworden, dass der Preis verdammt hoch ist für ein paar Fotos, die man auch im Internet mühelos bekommen kann. Und die redaktionellen Beiträge, also bitte.

Tja, so spielt das Leben. Da hat man Mut gefasst, und dann wird man wohl nie wieder in die Verlegenheit kommen, ihn der Welt zu zeigen. Aber vielleicht kaufe ich einfach nur, um es der Welt zu zeigen, mal wieder so eine Zeitschrift. Aus keinen anderen Grund. Ehrenwort.

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