Postabiturielles Beschäftigungsloch

Redaktion Von Redaktion

Wer hat behauptet nach der Schule sei alles leichter? Matthias hatnun endlich sein Abitur in der Tasche, weiss nur noch nicht, was ereigentlich damit anfangen will. In einem Brief an Christoph beklagt er sich über sein postabiturielles Beschäftigungsloch.

Lieber Boomer,

Ich freue mich schrecklich, von dir zu lesen. Und frage mich, ob dasWetter wohl auch bei dir immer noch so rumspinnt? Ich musste dieletzten paar Tage Fotos machen, zum Thema "Sommergefühl". Immer, wennich einen Freund an einen Swimmingpool posiert hatte oder den richtigenSchärfenbereich für das Erdbeerfeld gefunden hatte, verschwand dieSonne, um dann zwei Minuten später wieder hinter einer Wolkehervorzublinzeln. Heute habe ich sie, glaube ich, noch gar nichtgesehen. Oder vielleicht habe ich sie heute morgen auch schlicht-wegverschlafen. Denn du hast Recht: So ein bisschen genieße ich dieFreiheit nach dem Abitur nämlich doch, trotz aller Fragen über das "Undjetzt?!". Ich bin um 10 Uhr aufgestanden, habe im Bad aber dann beschlossen,doch noch mal schlafen zu gehen, und habe noch eineinhalb Stunden imBett verbracht. Habe ich in den letzten Wochen öfters so gemacht. Undtrotzdem bin ich ständig müde, obwohl ich so viel schlafen kann, wieich will. Hin und wieder stieg in mir schon die Frage auf, ob einfester Rhythmus nicht doch besser wäre. Feste Zeiten zum Aufstehen undnicht jede Nacht bis drei aufbleiben.

Aber das verdränge ich dann dochganz schnell wieder. Wäre ja auch Schwachsinn. Es ist eigentlich gutso. Wenn da eben nur nicht diese blöde Entscheidung anstehen würde. DieEntscheidung über meine Zukunft, darüber, was ich die nächsten Jahretun will. Womit ich meine Karriere beginnen möchte, wie ich meinePersönlichkeit weiterentwickle. Oder sehe ich das viel-leicht alles zuverkrampft?

Ach, ist das alles kompliziert. Da wurde mir nun mehr als 19 Jahrelang mehr oder weniger vorgeschrieben, was ich zu tun habe - und wiehabe ich mich darüber beklagt! - und jetzt stehe ich da und weiß nichtso wirklich weiter. So gesehen kann man die ganzen Menschen, die BWLoder Jura studieren, genau wie der Papa, schon verstehen. Die wissen,auf was sie sich da einlassen. Aber ob das was Gutes ist? Verzeih mirmeine Polemik. Im Übrigen glaube ich nicht, dass du es verstehst, dich stilvoll zuernähren. Eher interessant zu ernähren, wenn man bedenkt, dass du indeiner Kochzeile noch nicht mal Salz und Pfeffer hast. Ich verstehe dasnicht so ganz, ehrlich. Kochen ist was Tolles. Auch wenn mans nur fürsich selbst macht. Bei dem Thema: Ich habe bisher - und es ist dochimmerhin bereits 18:33, wie die Uhr rechts oben am Computer mir sagt -nur gefrühstückt, und werde mir jetzt dann mal was kochen gehen.Zucchini hab ich heute gekauft, und Bohnen sind auch noch da. Ob dasjetzt besser zu Reis oder Nudeln passt, muss ich mir noch überlegen.

Dass deine Eltern im September eine Woche lang nicht da sind, istdoch großartig. Auch wenn du den Zustand der Sturmfreiheit wohl gewohntbist, ist es doch ein Unterschied, ob man ein Einfamilienhaus für sichhat oder ein einziges und zudem winziges Zimmer, oder? Aber im Grundeist es wahrscheinlich fast gleich. Wenn meine Eltern weg sind und ichdieses Einfamilienhaus hier für mich alleine habe, benutze ich trotzdembloß zwei Zimmer, die Kü-che und das Bad. Und würde mein Computer inmeinem Zimmer stehen, würde sogar das zweite Zimmer wegfallen.

In jedem Fall freue ich mich darauf, bald von dir zu hören, Boomer, und verbleibe mit lieben Grüßen.


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