Prost, Soldat!

Patrick Fina Von Patrick Fina

Im Zug trifft man lustige Menschen: betrunkene Soldaten zum Beispiel. Ob die noch ganz beisammen sind, wenn mal spontan ein Krieg ausbricht? Patrick macht sich Sorgen. Und beschließt auszuwandern.

Hallo Christoph,

 deinem alten Brieffreund geht es gut. Ich habe ihn letztens noch einmal gesehen, in Berlin. Den Sturm hat er jedenfalls überlebt, der Matthias. Ich auch, und ich muss sagen: ich fand ihn recht amüsant.

Da weht mal ein kleines Lüftchen durch die Republik und sofort herrscht Ausnahmezustand. Hauptbahnhöfe entschließen sich wegzubröckeln. Menschen sterben und die Bahn erfindet ganz neue Firmenphilosophien. Plötzlich kommt die Bahn nicht mehr zu spät, sie kommt einfach gar nicht. Und Hunderttausende Etwasse (wie nennt die Bahn ihre Passagiere?) stehen dann rum - was sollen sie sonst auch tun? - irgendwo in der Republik, zumeist an Orten, deren Namen sie gar nicht buchstabieren können.

Letztes Wochenende musste ich auch mit der Bahn fahren. Oh je, ich musste. Von Köln über Hamburg nach Neumünster und zwei Tage später von Neumünster über Hamburg zurück nach Köln. Ein Dreck ist das, wenn man auf die Bahn angewiesen ist. Der Tag startete um vielzufrüh und als ich dann am Bahngleis stand und auf den Zug wartete, sagte mir plötzlich eine Stimme aus dem Irgendwo, dass der Zug zehn Minuten Verspätung habe. Damit kann ich leben. Aus den 10 Minuten wurden aber schnell 15 bis 20 Minuten, dann 30 Minuten und letztendlich 40 Minuten. Man steht also da, in der Kälte, an einem Ort, den man gar nicht mag, und wartet darauf, endlich zu einem Ort gebracht zu werden, den man auch nicht mag.

Zugfahren ist komisch. Hast du dir schon einmal die Menschen in der Bahn genauer angesehen? Die Frau neben mir roch nach Tod, und in der Sitzbank auf der anderen Seite des Gangs saß ein junger Mensch in Uniform, vermutlich ein Soldat oder etwas, das noch Soldat werden möchte. Er wühlte in seiner großen Tasche und zauberte eine Bierflasche hervor. Okay, dachte ich mir, vermutlich macht man das so beim Bund: so früh wie möglich anfangen, sich das Leben schön zu saufen. Es war etwa 12 Uhr am Mittag, als der junge Herr die dritte Flasche öffnete. Respekt: 1,5 Liter Bier innerhalb von nur einer Stunde Zugfahrt. Ich weiß, weshalb ich nie zum Bund gegangen bin.

Der junge Herr stieg erst in Osnabrück aus. Bis dahin hatte er bereits eine vierte Flasche aus seiner Tasche gezaubert, dann kam Nummer fünf und bevor er aus dem Zug rausging, trank er die sechste schnell aus. Igitt. Es war noch nicht ganz Nachmittag, da hatte dieser Mensch bereits drei Liter Bier in seinem Körper und glaube mir, lieber Christoph, da kommen bestimmt noch einmal drei Liter zu, im Laufe des Abends.

Ich musste dann nachdenken über Deutschland. Was, wenn ganz spontan mal Krieg ist? So von jetzt auf gleich? Wenn sich unsere Frau Bundeskanzler (ich finde den Begriff Bundeskanzlerin lächerlich) langweilt und entschließt, Krieg zu spielen, weil Mensch-ärgere-dich-nicht mit dem Kanzleramtschef langweilig geworden ist? Dann torkelt dieser Herr Soldat ganz schrecklich über das Schlachtfeld, hat Schluckauf und muss alle fünf Minuten Pipi, weil: wohin sonst mit so viel Alkohol? Vielleicht geht er nicht zur Toilette, sondern pinkelt an den nächsten Busch und wird erschossen. Ja, lieber Christoph. Darüber musste ich nachdenken, im ICE, während draußen die Landschaft an mir vorbeigefahren wurde. Derweil fasste ich übrigens den Entschluss auszuwandern. In ein Land, wo Geldscheine auf Wäscheleinen wachsen und Soldaten freundlich grüßen, wenn man ihnen aus Versehen auf die Füße tritt.

Mal sehen, wo es mich hintreibt. Vielleicht in die Schweiz oder in den Iran da hats nette Menschen. Lass es mich wissen, wenn ich dir ein Flugticket mitkaufen soll.

Gruß,
Patrick

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com