Rechts außen

Redaktion Von Redaktion

"Wenn ich die sehe, kriege ichMordgefühle." Die? Mord? "Ja?"frage ich unüberlegt. Und dann kommt die Welle von Klischees, vonBILD-Schlagzeilen. Gehört ein bisschen Fremdenhass heute zum guten Ton?

Na, du alter Hamburger?

Hey, ich meine, wenn du schon den Fast-Food-Gag nicht machst, dann kannich natürlich nicht widerstehen. Obwohl ja einige Lebensmittel nacheiner Stadt benannt sind, gehört ja der gute alte Hamburger gar nichtdazu. Zufällig heißen eben die Einwohner der Elbmetropole und dasperfide Hauptnahrungsmittel der Besucher des "etwas anderenRestaurants" gleich. Themawechsel. Du machst dir also Gedanken, wo du jetzt eigentlich beheimatet bist,wenn ich das richtig sehe. Da bin ich natürlich der optimaleAnsprechpartner. Ich, der ich nun seit zweieinhalb Jahren Augsbürgerbin. Und ich, der ich mich noch immer nicht dazu aufraffen konnte, ausdem bisherigen Zweitwohnsitz hier in Schwaben den Hauptwohnsitz zumachen. Aber jetzt werde ich durch Einführung einer ominösenZweitwohnsitzsteuer quasi dazu gezwungen, wenn ich nicht weitere Löcherin mein Portemonnaie reißen will.

Was beispielsweise mache ich dann mit meiner politischen Stimme?Welchen Sinn macht es, im Freistaat Bayern die SPD zu wählen? Ich binverzweifelt. Aber eigentlich wollte ich dir ja ganz was anderesschreiben. Es geht um Ausländerfeindlichkeit.

In den Semesterferien war ich mal wieder bei meinen Eltern. Und einessonnigen Vormittags schlendere ich so gemeinsam mit meinem treudoofenHund die Straße entlang und freue mich des Lebens. Eben noch lief meinschwarzbefellter Freund brav neben mir, jetzt rennt er in Windeseiledavon, zwanzig, dreißig Meter, heftig schwanzwedelnd und wirft sichdann rücklings auf den Boden, wälzt sich auf dem Asphalt und bekommtbeinahe einen Koller vor tierischer Freude.

Da steht Herr Ich-hab-den-Namen-vergessen aus der entfernterenNachbarschaft, beugt sich herunter und verpasst dem zuckendenVierbeiner eine Streicheleinheit. "Na, du alter Ganove!" spricht er ihnan. Ich ziehe in guter alter Spockmanier eine Augenbraue hoch und gehedann schnellen Schrittes auf die beiden zu. Eigentlich müsste ich jasauer sein, dass der Hund einfach so losrennt, aber für Disziplinierungbleibt nun keine Zeit.

Der Nachbar begrüßt mich freundlich, wendet sich dann wieder dem Fellzu. Bald hat sich auch das Tier wieder beruhigt, erhebt sich, schütteltsich. Dann komme ich mit dem Herrn, dessen Namen ich nicht mehr weiß,ins Gespräch. Über das Wetter. Es ist aber auch ein verdammt schönerTag. Mein Gegenüber klimpert mit dem Schlüsselbund. Jetzt gehts zurArbeit, erläutert er.

Eine Gruppe türkischer Jugendlicher passiert uns. Sie unterhalten sichlautstark. Mein Hund lehnt sich an das Bein des edlen Streichlers, willweiter gekrault werden. Dann: "Wenn ich die sehe, kriege ichMordgefühle." Meine Pupillen vergrößern sich. Die? Mord? Was? "Ja?"frage ich unüberlegt. Und dann kommt sie, die Welle von Klischees, vonStammtischargumenten, von BILD-Schlagzeilen. Nixkönner,den-Deutschen-die-Arbeitwegnehmer, Gemüseladen-Eröffner. So sind die,die Türken. Eigentlich alle Ausländer.

Am liebsten will ich meinen Hund vom Schienbein dieses Rassistenwegreißen und ihm mal ordentlich die Meinung geigen. Stattdessen gebeich nur Geräusche von mir, die der ungeübte Zuhörer als Beipflichtungenauffassen könnte.

Da steht man im schönsten Vormittagssonnenlicht beieinander und redetüber Ausländer. Als wäre es das Normalste von der Welt, "Mordgefühle"ihnen gegenüber zu haben. Irgendwie bin ich schockiert. Und dann binich schockiert, dass mich das schockiert. Ich meine, was habe ich dennerwartet? Irgendwo muss es sie ja geben, die stillenAusländerfeindlichen, die aber (leider?) gar nicht mehr so still sind.

Gehört ein bisschen Fremdenhass heute zum guten Ton? Ist es so normal,über fremde Kulturen zu urteilen, als wären sie eine neue Käsesorte,die man im Supermarkt probieren durfte? Schmeckt beschissen, weg damit.Und was ist mit mir? Hätte ich nicht gleich die Nationalhymne singensollen, die Fahne hochhalten? Oder ihm mit dem Grundgesetz ein paarhinter die Löffel geben? Ich habe nur etwas gemurmelt, habe gelächelt.Mein Hund hat sich streicheln lassen. Von der Hand, die in derPhantasie des Nachbarn den Ausländern am liebsten den Garaus machenwürde.

Ich übertreibe. Ich bin erschüttert. Ich verabschiede mich. Ich geheweiter. Ich denke nach. Ich bin armselig. Ich werde darüber schreiben.An dich. Einen Brief.

Heile, heile Gänschen!

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!