Springerstiefel, Bomberjacken und Glatze: Für die einen enstpricht das dem Stereotyp des Neonazis, für die anderen ist es der Fetisch schlechthin. Dass beides vereinbar ist, scheint undenkbar. Doch tatsächlich: Es gibt schwule Nazis.

Spätestens seit dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag 2004 ist klar: Neonazis machen sich verstärkt in der Gesellschaft breit. Betroffen sind nicht nur die gängigen - meist wenig gebildeten und armen - Milieus. Ganz im Gegenteil. Die Riege der neuen Rechtsextremen reicht vom Hartz-IV-Empfänger bis hin zum gebildeten Anwalt. Und sogar Schwule zählen dazu und das nicht erst seit gestern.

Schwule von Anfang an dabei

Beim Blick in die Vergangenheit wird deutlich: Schon einer der Wegbereiter des Nationalsozialismus und die führende Kraft beim Aufbau der SA, Ernst Röhm, war schwul. Hitler, der Röhm zu seinen engsten Vertrauten zählte, war das bekannt. Doch das Schwulsein spielte zunächst keine Rolle. Erst als Röhm 1934 mit seiner immer mächtiger werdenden SA für Hitler zum Dorn im Auge wurde, gab seine Sexualität ein gefundenes Fressen ab. Der Röhm-Putsch bereitete seiner Karriere und seinem Leben ein jähes Ende.

Das Beispiel Röhm hatte im Dritten Reich Methode. Schwule wurden immer dann geduldet, wenn sie dem Nationalsozialismus oder dem Führer dienlich waren. So gab etwa Reichspropagandaminister Joseph Goebbels Sondergenehmigungen für schwule Schauspieler, Künstler und Bühnenarbeiter des Nazi-Propagandaapparates aus, die ihnen Straffreiheit garantierten. Denn offiziell war männliche Homosexualität laut §175 als Unzucht verboten. Tausende schwule Männer wurden in dessen Folge in Konzentrationslager eingewiesen.

Schwule sind die besseren Nazis
 
Mit Rückblick auf das Dritte Reich und die damalige Schwulenverfolgung ist es kaum vorstellbar, dass es schwule Neonazis geben kann. Das wäre die Flamme, die sich selbst zu löschen sucht. Denn wer will schon ein Gedankengut befürworten, das gegen die eigene Sexualität gerichtet ist und das den Tod tausender schwuler Männer verantwortet? Dennoch gibt es schwule Neonazis.

Einer der bekanntesten ist bis heute der verstorbene Michael Kühnen, der in den 80er Jahren eine hohe Stellung in der Neonazi-Szene innehatte. 1986 veröffentlichte er sein Manifest "Homosexualität und Nationalsozialismus". In diesem schreibt er homosexuellen Männern eine besondere Rolle in der Stärkung der völkischen Gemeinschaft sowie Führungsaufgaben in dieser zu. Seine Theorie: Der bessere Kämpfer der nationalsozialistischen Bewegung sei der schwule Mann, da dieser nicht an Frau und Kinder gebunden sei. Kühnens Ansichten und seine kurz davor öffentlich zugegebene Homosexualität stießen in der Neonazi-Szene aber auf wenig Gegenliebe. Kühnen verlor seine politische Handlungsfähigkeit in der Bewegung, es gab Morddrohungen und einer seiner schwulen Weggefährten wurde ermordet. Der Fall Kühnen zeigt, wie die Mehrzahl der Neonazis auf Homosexualität reagiert, wenn sie erst einmal bekannt geworden ist: nämlich mit Hass und Abscheu.

Versteckter Schwulenhass

Mehr als 15 Jahre nach der Akte Kühnen hat sich der Umgang mit Homosexualität nur scheinbar geändert. Eine offene Schwulenfeindlichkeit wird heute von der offiziellen rechtsextremen Seite, namentlich der NPD, vermieden. Die Partei will kein Aufsehen erregen, sondern sich als bürgerlich und sozial präsentieren. Das NPD-Parteiprogramm gibt nur verdeckte Hinweise auf die Ablehnung von Schwulen. So heißt es bezüglich der Homo-Ehe: "Die Familie ist vor allen anderen Lebensgemeinschaften zu fördern." Der Begriff "homosexuell" taucht jedoch nirgends auf. Von Schwulenfeindlichkeit ist nichts erkennbar. Aber der Schein trügt. Im Interview mit iranischen Journalisten gibt der NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt seine wahre Sicht auf Schwule zu erkennen: "Es ist nicht normal und muss eigentlich in dem Volksbewusstsein drinnen sein, dass es leider abnormale Menschen sind. Die gibt es, aber so, wie das heute umworben wird, werden viele Menschen homosexuell, die ansonsten gar keine Veranlagung dazu haben, weil sie einfach glauben, es gehört dazu."

Sexuelle Anziehungskraft der Männlichkeit

Sind es also der Deckmantel des NPD-Programms und die daraus resultierende Unwissenheit, die die Existenz schwuler Neonazis erklären? Wohl eher nicht. Denn Homophobie ist zwar kein offizielles Thema der NPD, wohl aber der Neonazis auf der Straße. Unter ihnen herrscht ein ausgeprägter Schwulenhass, dem sich auch schwule Neonazis nicht verschließen können. Es muss daher als absurd erscheinen, dass Menschen sich in einer politischen Szene bewegen, die einen Teil ihrer Persönlichkeit ablehnt oder diesem sogar mit Hass und Gewalt gegenübertritt. Aber dennoch gibt es sie, die schwulen Neonazis.

Eine mögliche Begründung liefern die Männlichkeit und die Männergemeinschaft, die vom Nationalsozialismus betont werden. Im Dritten Reich etwa wurde das antike Ideal des gestählten und unbesiegbaren Mannes wieder heraufbeschworen, um ihn als Symbol für den Krieger und Herrenmenschen zu instrumentalisieren. Und auch der Neonazi ist hart, militant und über alle Maßen maskulin. Für manche scheint darin ein besonderer sexueller Reiz, die Skin-Ästhetik, zu liegen.

Fetisch ist keine politische Einstellung

Aber sexuelle Anziehung und das äußerliche Ausleben dieser Ästhetik können kaum als alleinige Gründe für die Existenz schwuler Nazis ausreichen. Denn schnell entstünde so die Vermutung, dass alle schwulen Skins rechtsextremes Gedankengut teilen. Das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn Springerstiefel, Bomberjacke und Glatze einen anderen Eindruck nahe legen, steht der Begriff Skin oft nur für einen sexuellen Fetisch.

Mit politischer Einstellung hat das nicht zwingend etwas gemein. Das sagte auch der Bremer Soziologe Jörg Hutter im Gespräch mit der Zeitung "Das Parlament": "Ich würde unterscheiden zwischen denen, die diesen Kult als Fetisch brauchen, und denen, die damit auch eine Gesinnung verbinden." Und die letzteren sind nicht überdurchschnittlich viele: "Ich vermute, dass der Anteil von Schwulen mit nationalsozialistischer Gesinnung genauso groß ist wie in allen anderen Bevölkerungsschichten." Damit liefert Hutter auch die Begründung für schwule Neonazis. Nationalsozialismus ist eine politische Einstellung, die sich leider in allen Bevölkerungsschichten und -gruppen findet. Kein Wunder also, dass es auch Schwule gibt, die sich gegen Demokratie, Ausländer und ein gemeinsames Europa aussprechen. Die Schwulenfeindlichkeit der eigenen Kameraden wird bei so großen Meinungsübereinstimmungen in diesen Bereichen dann schnell vernachlässigt. Und letzlich ist in einigen Fällen auch nicht auszuschließen, dass schwule Nazis die Homophobie ihrer Kameraden teilen, weil sie ihr eigenes Schwulsein selbst verabscheuen.


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