Ungemütliche Situation: ein Freund hat sich kurzfristig angekündigt und Alex steht vor einem Problem. Der Freund weiß nicht, dass er schwul ist. Alex hat es trotzdem geschafft, sein Zimmer in zehn Minuten "hetero" zu machen. Ein Erfahrungsbericht.

Gemütlich saß ich mit meinem Freund Max bei mir zuhause in meinem schönen schnuckeligen Zimmer. Wir schauten Filme und tranken Milchkaffee. Doch schon wurde unsere Ruhe durch den nervtötenden Klingelton meines Handys gestört. Es war Jojo, ein alter Schulfreund von mir, der gerade in der Nähe war und fragte, ob er nicht kurz vorbeischauen könnte. Ich freute mich natürlich und sagte zu. Doch kaum hatte ich aufgelegt, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Jojo wusste nämlich nichts davon, dass ich schwul bin. Und ich wollte auch nicht, dass er es gerade an diesem Abend erfuhr. Ich wollte es ihm natürlich schon irgendwann einmal sagen, aber jetzt war es einfach zu plötzlich für mich. Ich wollte lieber auf den rechten Augenblick warten. Ich hatte genau 10 Minuten. In dieser Zeit musste ich mein Zimmer "hetero" bekommen.

Noch 10 Minuten
Ich erzählte erstmal Max von seinem Glück, den restlichen Abend doch BITTE ganz normal zu wirken. Er verstand das natürlich gar nicht und wollte erst auch nicht mitspielen. Nach reichlich Überzeugungsarbeit und einem dicken Kuss war er mir zuliebe jedoch dazu bereit.

Noch 8 Minuten
Ich schaute mich um. Irgendwie war alles "schwul" in meinem Zimmer. Doch am auffälligsten war wohl die große Regenbogenflagge an der Wand. Die musste runter. Ich bereute, dass ich die Flagge an die Wand genagelt (!) hatte. Ratsch, ratsch -  die Flagge musste weichen. Die kleinen Löcher an den Ecken waren zu verkraften.

Noch 6 Minuten
Ich drehte mich im Kreis. Was noch!? Was muss noch weg!? Da! Die Rückseite meiner Tür schmückte ein schöner Männerkalender. So schön Mister April auch war er musste weg!

Noch 5 Minuten
Die Hälfte der Zeit war um. War aber schon die Hälfte der schwulen Indizien verschwunden? Nein, meinen Schreibtisch zierten noch einige "Fachzeitschriften". Darunter lagen auch noch Postkarten von schwulen Jugendgruppen mit tollen schwulen Sprüchen darauf. Zum Glück hatte ich diese noch nicht an die Schrankwand geklebt. Mit einem Ruck flog alles vom Schreibtisch in die oberste Schublade. Darauf drapierte ich noch ein paar leere weiße Blätter, damit einem beim Aufmachen der Schublade nicht gleich halbnackte Männer entgegen sprangen. (Auch wenn so eine Schublade ihren ganz eigenen Reiz hätte. Aber das ist eine andere Geschichte)

Noch 4 Minuten
Nackte Männer! Da war doch was. Schnell sauste ich zu meinem Bett und kippte das Foto von meinem Freund um, das auf meinen Nachtschrank stand. Obwohl umgekippte Bilder auf dem Nachtschrank? War das nicht ein bisschen auffällig? Ohne Rücksicht auf Verluste wurde das Bild unter das Kopfkissen gesteckt. Bei dieser Gelegenheit verschwand auch noch das Stofftier auf meinem Bett. Zwar nicht unbedingt schwul, aber man weiß ja nie.

Noch 2 Minuten
Das Zimmer sah nun soweit ganz ordentlich aus. Aber was war mit mir und Max? Jetzt wurde es persönlich. Wir hatten noch unsere Ringe an. Zwei Ringe, die sich gegenseitig ergänzten, wenn man sie aneinander hielt. Süß, oder? Die mussten auf jeden Fall noch weg! Aber wie sollte ich das Max sagen? "Sollen wir unsere Ringe nicht auch noch abnehmen?" fragte mich Max just in diesem Augenblick. Ich lächelte, gab ihm einen dicken Kuss und wir zogen uns aus. Also die Ringe

Dingdong
Es war soweit. Jojo stand vor der Haustür. Ich eilte durchs Haus. Vor der Tür atmete ich noch einmal tief durch. Man sollte mir den 10minütigen Marathon nicht unbedingt ansehen. Dann ließ ich Jojo herein, stellte ihm meinen Freund vor ("Das ist Max, n Kumpel") und wir gingen in mein Zimmer.

Meine anfängliche Nervosität legte sich bald, als ich merkte, dass alles gut lief. Wir unterhielten uns ganz normal, ganz wie in alten Zeiten. Dann wollte mir Jojo ein paar Bilder im Internet zeigen und begab sich an meinen Computer. Mist! Meine Internet-Startseite ist ja dbna, dachte ich. Schnell sprang ich hinterher und setzte mich selbst vor die Tastatur. Aber Jojo stand direkt neben mir. Wie sollte ich nun online gehen, ohne dass dbna zu sehen war? Ich musste einfach schnell ein neues leeres Fenster öffnen. Einen kurzen Blick auf dbna konnte ich leider nicht vermeiden. Aber Jojo schien nichts bemerkt zu haben. Er setzte sich selbst vor den Bildschirm und tippte. Das Pull-down-Menü öffnete sich in der Taskleiste. Zu lesen waren all die schwulen Internetseiten, auf denen ich mich so bewegte.

Max stupste mich an und deutete auf ein Regal. Dort lag noch ein Schlüsselband in Regenbogenfarben. Unauffällig huschte ich hinüber und warf es, nicht ganz lautlos, unsichtbar auf einen Schrank. Max und ich lächelten uns an. So etwas erlebt man auch nicht jeden Tag.

Nach gut einer Stunde war es geschafft. Jojo hatte wohl nichts mitbekommen und machte sich wieder auf den Heimweg. Es war sehr schön, ihn mal wieder gesehen zu haben. Wir hatten viel herumgealbert. Eine harmlose heterosexuelle Umarmung an der Tür - und die Gefahr war aus dem Haus. Meinem Freund hatte es im Nachhinein auch nicht viel ausgemacht, mal eine kurze Zeit hetero zu spielen. Max und ich quatschten noch den ganzen Abend über dieses eigentlich sehr lustige Erlebnis.

Spät nachts kam noch eine SMS. Sie war von Jojo. Er schrieb:
"Hi Alex. War echt cool, dich mal wieder zu sehen! Müssen wir wiederholen! Liebe Grüße auch an deinen Schatz!"

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com