Schizophren ...

Redaktion Von Redaktion

... im eigentlichen Sinne - sind sie nicht, die Deutschen. Dafür hatteMatthias ein Stell-dich-ein mit seinem guten alten FreundVerfolgungswahn. Und einem Polen. In einer abgelegenen Villa an derschwedischen Südküste.

Mein lieber Christoph!

Zur deutschen Streikkultur fällt mir eigentlich nicht viel ein, umehrlich zu sein. Nur, dass immer jedeR schreit, wenn er/sie wasabkriegt: Die ArbeitnehmerInnen des Augsburger Öffentlichen Nahverkehrs(wohl zu Recht) bei Lohnkürzungen, die potentiellen Fahrgäste beiStreik. Das ist doch mal wieder diese Einstellung: "Ja, also, der Staatsollte schon mal mehr Geld sparen und schlanker werden! Aber meineEigenheimzulage und meine Subventionen will ich trotzdem!" Schon malgehört, das? Auf jeden Fall. Und wenn nicht, dann zu mindestens das:"Schlimm, was in New Orleans passiert ist! Und jetzt steigt deshalbauch noch der Spritpreis! Ich kann's mir gar nicht mehr leisten, mitdem Auto zum Einkaufen zu fahren!" Oder, einer meiner Favoriten: "Wiesüß, diese Schafe, denen könnte ich nie was zu Leide tun!  Schatz,kannst du mir mal das Schinkenbrot geben?" Okay, so plump würde daswahrscheinlich niemand sagen. Sprachlich, wohlgemerkt. An derInhaltlichen Schizophrenie dürften sich die meisten Menschen kaumstören. Ach ja....
Aber jetzt habe ich das Wort "schizophren" schon wieder falschgebraucht. Pardon. "Schizophrenie" ist ja eigentlich etwas anderes als"Multiple Persönlichkeit", nämlich mehr ein Überbegriff, in denverschiedene Psychosen hineingehören, zum Beispiel unser guter alterFreund Verfolgungswahn.

Mit dem hatte ich letztens übrigens mal wieder ein nettesStell-dich-ein. Mit ihm und einem Polen. Buh! Ich war mit drei Freundenin Schweden. Wir waren eigentlich Campen aber aufgrund zweierBlasenentzündungen (ebenfalls gute Freunde, allerdings nicht von mir)entschieden wir uns dann doch für Jugendherbergen, zu mindestens in derzweiten Hälfte des Urlaubs. In einem kleinen abgelegenen Örtchen inSchonen fanden wir sie dann also, unsere Traumjugendherberge. Dachtenwir. Zuerst. Eine riesige Villa am Strand, mindestens 15 Zimmer, rotgestrichen und in einem Garten voller Kiefern. So richtig schwedisch.Mit Meerblick.
Und leider alles zu. Kein Fenster offen, keine Türe. Nur auf derRückseite, da stand ein schwarzer Mercedes. Ein polnischer Mercedes undzwar ein ziemlich teurer, allerdings kein Mensch in Sicht. Wir liefenzum Strand und amüsierten uns über ein paar Cloggs, in denen ein türkises Handtuch steckte, als sei gerade jemand schwimmengegangen. Im Wasser war niemand zu sehen. Als wir wieder zum Autozurück wollten, trafen wir hinter der Villa nun doch den Besitzer despolnischen Mercedes. Sehr erfreut, hier vier junge Deutscheanzutreffen. Ja, er sei der einzige Gast hier, sonst stünde die Villagerade leer. Aber wir könnten sicherlich noch ein Zimmer bekommen. ZehnMinuten am Strand entfernt, in einem Hotel, würde die Rezeption dieZimmer der Villa verwalten. S. und ich blieben beim Auto, während E.und F. zum Hotel gingen. Sie waren lange weg. Ziemlich lange. Bei derVilla war während dessen alles still. Und windstill. Der Pole saßhinter dem Haus an einem Tisch, ich saß mit S. beim Auto und sah zweiKrähen zu, die ein totes Kaninchen zerpickten. Außerdem machte ich dreiFotos. Als E. und F. wiederkamen, erzählten sie von der Rezeption. DieFrau dort war sehr erstaunt, dass jemand tatsächlich in der Villawohnen wollte. Sie konnte es gar nicht glauben. Und sagte dann sofort,sie sei komplett ausgebucht. E. widersprach, der Mann in der Villahätte gesagt, er sei der einzige Gast und das Haus sonst leer. DieRezeptionistin erklärte, sie müsse kurz telefonieren. Mehrere Malebestätigte sie auf schwedisch ihrem Gesprächspartner, es handele sichum Deutsche, mit denen sie hier zu tun hätte. Nachdem sie aufgelegthatte, erklärte sie E. und F., es sei noch genau ein Zimmer frei, inder Villa. Mit genau vier Betten. Wohl gemerkt, dass wir zu viertwaren, hatten E. und F. nicht erwähnt. Sie erklärten derRezeptionistin, sie müssten sich noch mit S. und mir absprechen.
Und da standen wir dann, zu viert am späten Nachmittag in einemabgelegenen Ort in Schonen, unter Kiefern und vor einer Villa, hinterder ein Pole saß, und berieten, ob wir bleiben sollten oder doch bessernicht.

Ein Grund, Angst zu haben? An welcher Stelle genau? Wo? Was? Hä?Vielleicht hätte ich besser nicht deiner Empfehlung folgen sollen undHenning Mankell lesen, ausgerechnet auch noch Mittsommermord, das Buch,in dem vier Jugendliche in Schonen umgebracht werden.

Natürlich blieben wir nicht. Uns war allen ziemlich mulmig. Wobei F.der einzige war, der die Mulmigkeit in seinem Bauch auskosten wollteund dortbleiben, um zu sehen, was passieren würde.

Die Nacht verbrachten wir schließlich auf einem Campingplatz etwa 70Kilometer Strand abwärts. Wir leben alle noch, auch, wenn wir auf demCampingplatz sehr rätselhafte Stromausfälle hatten. Und heute frage ichmich, was sich der Pole wohl gedacht hat, als wir nicht blieben,unerwarteter Weise.

Was glaubst du, Christoph?

...fragt

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