"Schockiert über die krassen homophoben Aussagen"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
"Schockiert über die krassen homophoben Aussagen"
NDR

Die Reportage "Die Schwulenheiler" sorgte Anfang Mai für großes Aufsehen. Christian Deker hat mit seinem Team aufgedeckt, dass es in Deutschland Ärzte gibt, die Homosexualität für eine heilbare Krankheit halten. Wir haben mit dem Journalisten gesprochen.

dbna: Christian, wie kamst Du überhaupt auf die Idee für die Reportage?
Christian Deker: Meine Kolleginnen Oda Lambrecht und Jennifer Stange recherchieren schon lange in Kreisen evangelikaler Christen. Dabei sind sie auf Ärzte gestoßen, die Homosexuelle offenbar umpolen und damit heilen wollen. So ist letztes Jahr die Idee entstanden, darüber einen Film zu machen.

Wie hast Du Dich während der Dreharbeiten gefühlt, zum Beispiel bei der Demonstration in Stuttgart?
Bei der Demonstration hatte ich ein ambivalentes Gefühl. Ich war ja in einer Doppelrolle: Einerseits war ich dort als Schwuler und damit als Privatperson. Andererseits war ich aber vor allem als Journalist unterwegs - auch während der Interviews habe ich diese Doppelrolle ja behalten. Ich habe es zum Glück geschafft, den Hass nicht zu sehr an mich heranzulassen. Trotzdem waren meine Kollegin Oda Lambrecht und ich ziemlich schockiert über die krassen homophoben Aussagen, die die Leute ganz offen in unser ARD-Mikrofon gesagt haben. Ich bin in Stuttgart geboren und aufgewachsen, deshalb war das für mich auch nochmal emotionaler, weil ich meine Heimatstadt eigentlich sehr mag.

Habt Ihr denn damit gerechnet?
Das haben wir in dieser Offenheit nicht erwartet. Wir haben gedacht, dass es Vorbehalte gegen Schwule und Lesben geben wird, zumal es bei der Demo eine große Durchmischung gab: Von bürgerlichen Konservativen, über streng gläubige Christen bis hin zu Neonazis waren viele Gruppierungen vor Ort. In so einem Ausmaß haben wir das aber nicht erwartet.

Viele Medien haben die Reportage aufgegriffen und darüber berichtet. Habt Ihr mit so einem großen Erfolg gerechnet?
Nein, das haben wir nicht. Als ich das erste Mal von solchen Ärzten gehört habe, war mein erster Gedanke: So etwas gibt es nicht. Nachdem wir das aber beweisen konnten, war klar, dass die Veröffentlichung für Aufsehen sorgen wird. Wir hätten aber nicht gedacht, dass es so eine große Welle gibt, vor allem in den sozialen Netzwerken.

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Der Journalist Christian Deker (rechts) war schockiert über die homophoben Äußerunge, die die Leute ganz offen in sein ARD-Mikrofon gesagt haben.

Der Journalist Christian Deker (rechts) war schockiert über die homophoben Äußerunge, die die Leute ganz offen in sein ARD-Mikrofon gesagt haben.

Gab es denn nach der Veröffentlichung Reaktionen von Zuschauern?
Es gab enorm viele Reaktionen. Es haben sich sehr viele Zuschauer gemeldet mehr als bei vergleichbaren Filmen. Wir haben mit homophoben Beschimpfungen gerechnet, die aber weitgehend ausgeblieben sind. Geschätzt 95 Prozent der Zuschriften hatten etwa den Tenor: "Das ist ein Skandal, dass es so etwas gibt" oder "Das zeigt, dass unsere Gesellschaft doch noch nicht so weit ist". Doch es gab auch negative Kommentare, die mir eine Umpolungs-Therapie nahegelegt haben. Andere haben uns vorgeworfen, Lügen zu verbreiten und erfolgreiche Therapien zu verschweigen. Das hat sich aber wirklich in Grenzen gehalten, wobei ich glaube, dass dies nicht repräsentativ ist. Es gibt nach wie vor erschreckend viele Menschen mit einer sehr intoleranten Haltung. Über folgende Reaktion auf den Film konnte ich allerdings sogar lachen: Im Internet wurde die absurde These aufgestellt, ich sei in Wirklichkeit gar nicht schwul. Es sei dieselbe Masche, die man auch in Fernsehsoaps antreffe: Die Darsteller der Schwulen seien selbst normale Menschen, die keine "auffälligen Verhaltensweisen zeigen". So werde ein falsches positives Bild vermittelt.

Das Ganze hat für einen Arzt auch ein juristisches Nachspiel. Was genau ist da passiert?
Die Hamburger Ärztekammer prüft zurzeit, ob sie ein Berufsrechtsverfahren gegen den Hamburger Arzt einleitet. Es ist aber noch völlig offen, was dabei herauskommt.

Diese Reportage zu machen, ist ja Dein Job. Wie leicht ist es, damit auch emotional abzuschließen?
Grundsätzlich ist es nicht schwerer, damit emotional abzuschließen, als bei anderen Projekten. Wir starten ja regelmäßig neue Recherchen zu ganz unterschiedlichen Themen, das gehört zum Beruf dazu. Wobei es bei diesem Thema wohl noch ein bisschen dauern wird, bis wir es zur Seite legen. Es gibt immer wieder interessante Rückmeldungen dazu, denen wir natürlich nachgehen.

Eine letzte Frage: Wirst Du denn seit dem Film auf der Straße erkannt?
Ja, das ist schon passiert, aber sehr selten.

Danke für das Gespräch, Christian!


Anfang Mai erschien im NDR-Format "Panorama die Reporter" die Reportage "Die Schwulenheiler" von Christian Deker und Oda Lambrecht. Der 32-jährige Reporter ist mit seinem Team in evangelikale Kreise eingetaucht. Dabei haben sie aufgedeckt, dass es in Deutschland Ärzte gibt, die Schwule mit Hilfe von Therapien heilen wollen. Homosexualität als Krankheit - dieser Meinung war vor nicht einmal 50 Jahren auch noch der deutsche Staat. Christian Deker trifft einen Mann, der damals wegen "Unzucht mit einem Manne" verurteilt wurde. Außerdem spricht er mit einem ehemaligen Richter, der in den 60er-Jahren schwule Männer ins Gefängnis schickte - zu Unrecht, wie er heute sagt.

Die Reportage thematisiert darüber hinaus nicht nur Homosexualität als Krankheit. Als Christian Deker sein Blut typisieren lassen will, um einem krebskranken Studenten zu helfen, erfährt er, dass Schwule kein Knochenmark spenden dürfen. Sie hätten öfter Infektionskrankheiten, erfährt er als Begründung auch wenn über diese Einschränkung gerade diskutiert wird. Daneben war das Team auf einer Demonstration in Stuttgart. Man will dort verhindern, dass sexuelle Vielfalt in Schulen thematisiert wird. Die Reportage "Die Schwulenheiler" zeigt in eindrucksvollen wie erschreckenden Bildern und spannenden Gesprächen, an welchen Stellen Liberalisierung und Akzeptanz heute noch nicht angekommen sind.

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Weitere Quellen: NDR - mit freundlicher Genehmigung.