Schüleraustausch

Patrick Fina Von Patrick Fina

Angekommen in Frankfurt steigt Kyle Martz, damals noch 18 Jahre alt, aus dem Flugzeug aus und mit der ersten Sekunde auf deutschem Boden beginnt für ihn ein komplett neuer Lebensabschnitt: ein Austauschjahr in Deutschland.

Frankfurt am Main. Auf dem Internationalen Flughafen landet eine Maschine der amerikanischen Fluggesellschaft United Airlines. Eine Alltagssituation am Flughafen, absolute Routine für die Angestellten, und trotzdem verändert sich mit diesem Augenblick ein Leben. Kyle Martz, damals noch 18 Jahre alt, steigt aus der Maschine aus, und mit der ersten Sekunde auf deutschem Boden beginnt für ihn ein komplett neuer Lebensabschnitt: ein Austauschjahr in Deutschland! Deutsch kann er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. "Ja und Nein konnte ich schon, aber damit kommt man im Alltag nicht weit."

Mittlerweile hat Kyle schon ein halbes Jahr in Deutschland verbracht, und inzwischen konnte er mit seinen neuen deutschen Freunden seinen 19. Geburtstag feiern. Er ist mit einem Stipendium in Deutschland, und lebt während seines 10-monatigen Aufenthalts insgesamt bei zwei Gastfamilien. "Es war schon komisch zu einer Familie zu ziehen, die man vorher noch nie gesehen hat, und die eine ganz andere Sprache als man selbst spricht. Zum Glück konnten alle in dieser Familie sehr gut Englisch reden; das hat mir auf jeden Fall geholfen mich in Deutschland einzuleben." Angst hat Kyle nicht gehabt! Ganz im Gegenteil: Er war total begeistert von Europa und Deutschland. Und auch mit der deutschen Sprache machte er erhebliche Fortschritte. "Nach dem ersten Monat redeten wir in meiner Gastfamilie fast nur noch Deutsch. Klar, bei mir hörte es sich anfangs noch ziemlich kindlich an. Aber es wurde von Tag zu Tag besser!" Und das stimmt, denn heute hört man kaum noch, dass Kyle erst acht Monate in Deutschland ist.

Kyle ist schwul, und jeder von euch weiß, dass man Menschen braucht, mit denen man über seine Neigung reden kann. "Bereits nach zwei Wochen outete ich mich bei einer guten Freundin. Meine Sexualität ist schließlich ein Teil meiner Identität, und man kann sich keine zehn Monate vor sich selbst und vor anderen verstecken. Im November letzten Jahres habe ich dann meiner Gastmutter gesagt, dass ich auf Männer stehe. Davor habe ich ein wenig Angst gehabt. Völlig unbegründet, wie sich später rausstellte, denn die Reaktion war durchweg positiv." Mit dem Coming Out in Deutschland fing Kyle auch an erste schwule Kontakte zu knüpfen. "Zwar gibt es in den Austauschorganisationen gewisse Verbote, die "3 D`s", die uns verbieten Beziehungen einzugehen (no Dating), Auto zu fahren (no Driving) und Drogen zu nehmen (no Drugs)! Aber ich habe trotzdem meine Beziehung hier in Deutschland, denn es ist absolut unmöglich für die Organisation jeden einzelnen Austauschschüler regelmäßig zu kontrollieren."

In seiner kleinen Heimatstadt im amerikanischen Bundesstaat Oregon sind Homosexuelle nicht sehr gerne gesehen, aber es gibt auch keine Gewalt gegen sie. "Trotzdem ist die Toleranz gegenüber schwulen Mitbürgern in den USA niedriger als in Deutschland. Natürlich gibt es in den Staaten auch Anti-Diskriminierungs- gesetze, aber Reformen wie die deutsche Homo-Ehe wurden noch nicht durchgesetzt!" Auch ein Szenengang ist in den USA als schwuler Jugendlicher verboten, denn das amerikanische Jugendschutzgesetz besagt, dass man erst Discos und Clubs betreten darf, wenn man 21 Jahre alt ist. "Das heißt aber nicht, dass man keine gleichgesinnten Menschen trifft. Wenn ich einen Schwulen finden will, dann geht das ganz einfach. Ich setze einfach meinen "gaydar" (Wortzusammensetzung aus 'gay' und 'radar') ein, und sehr bald findet sich jemand. Schließlich gibt es in den USA etwa 25 Millionen Homosexuelle," sagt Kyle grinsend.

"Zusammenfassend würde ich sagen, dass Schwulsein in Deutschland wegen der relativ hohen Akzeptanz und den Freiheiten, die man hier als Schwuler hat, einfach mehr Spaß macht. Deutschland ist zwar ein sehr teures, aber mindestens genauso schönes Land. Ganz besonders gefällt mir Berlin da will ich auch auf jeden Fall irgendwann noch mal hin." Ende Juni wird Kyle seinen 10-monatigen Deutschlandaufenthalt abschließen und in die Vereinigten Staaten zurückfliegen, wo er anfängt zu studieren. Sicherlich war Deutschland eine seiner bisher wichtigsten Erfahrungen.

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