Schwimmbadfigur

Redaktion Von Redaktion

Christoph könnte eine flammende Rede über die Werte, die in einerBeziehung zählen, halten. Über Ehe, offene Partnerschaften und wasnicht alles. Aber das will er eigentlich garnicht.

Ach, Matthias.

Du denkst also, du hast einen Ehebruch gesehen. Einen doppelten. Sie,Mitte 50, betrügt ihren Mann mit Ihm, Mitte 50, der wiederum seine Fraubetrügt. Verbotene Küsse auf dem Supermarktparkplatz. Und Matthiasmittendrin.

Ich könnte jetzt eine flammende Rede über die Werte, die in einerBeziehung zählen, halten. Dir von meinem Seitensprung schreiben. ÜberEhe, offene Partnerschaften und was nicht alles. Will ich aber nicht.

Diese Kaffeetrinker und Brötchenesser aus deinem Brief bringen mich aufganz andere Gedanken. Da gibt es also im schönen Hamburg jemanden, dereine Frau hat. Und neben dieser gibt es da noch die 6-Uhr-Schlampe, mitder er vor dem LIDL rummacht. Zwei Frauen, ein Mann. Der Glückspilz.

Ich habe keine zwei Frauen. Ich habe nicht einmal eine. Ich will auchkeine. Einen Mann habe ich auch nicht. Und ob ich den will, weiß ichauch nicht. Ich bin Single. Nach doch recht langer Zeit, in der ichzwei Beziehungen geführt habe, die relativ nahtlos ineinanderübergingen, friste ich nun mein unfreiwilliges Single-Dasein.

Was tun? Ich kümmere mich um mich. Ich muss noch Hausarbeitenschreiben, die längst hätten abgegeben werden sollen. Zum Friseur mussich auch. Und wenn ich so an mir herunter schaue, dann müsste ich auchmal irgendwas machen, um den kleinen Bauch wegzubekommen, der sich inden letzten 2 Jahren da festgebissen hat.

Was soll ich nur mit der Tüte Chips machen, die ich im Schrank habe?Gesalzene Kalorien im wahrsten Wortsinne. Verschenken, wegwerfen? Odereinfach mit Zähnen und Magensäure vernichten? Am besten hätte ich sieerst gar nicht gekauft.

Und Laufen war ich, Matthias, ja, wirklich. Mit meiner Motivation siehtes ja leider immer ein bisschen mau aus, also habe ich meinen innerenSchweinehund überlistet. Ich habe mir jemanden gesucht, der mit mirlaufen war. Da kommt dann ein "Och, heute ist das Wetter irgendwienicht so" einfach nicht gut an. Da muss man dann durch.

Und so stand ich also in Shirt und Hose vor dem Haus des Mitläufers(nennen wir ihn Monty!). Schnell hatten wir uns für eine Streckeentschieden. Der Schlüsselbund klimpert in Montys Hosentasche. Machtnix. Ich konzentriere mich darauf, nicht zu schnell und nicht zulangsam zu atmen.

Waldboden, gut für die Gelenke. Hier kann man es aushalten. Wie langelaufen wir denn schon? Oh, da hätte ich jetzt mit mehr gerechnet.Weiter gehts. "Lauf mal nicht so schnell", bitte ich Monty. Ich habegelesen, man soll sich ein Tempo auswählen, bei dem man sich nochgemütlich unterhalten kann. Ich bin froh, dass ich Luft bekomme.

Monty dreht sich um. "Kommste?" Ich nicke, während ich mir den Schweißmit dem Ärmel abwische. Es geht auf 22 Uhr zu. Man sollte meinen, umdiese Uhrzeit schwitzt man nicht mehr. Falsch gedacht, Dicker.

Nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Minuten machen wir eine Gehpause.Langsam nähert sich mein Pulsschlag wieder einem normalen Rhythmus.Mein Shirt könnte kaum feuchter sein, wenn ich in einen Pool gefallenwäre. Meine Füße fühlen sich komisch an. Zu kleine Schuhe. Monty siehtauch nicht glücklich aus. Er hätte wohl gerne entweder die dreifacheStrecke geschafft oder aber dieselbe, aber dreimal so schnell. Tut mirleid. Zu wenig Training.

Heute muss ich wieder ran. Heute geht es weiter. Und in der kommendenWoche werde ich dann wieder mit Monty laufen. Vielleicht kann ich dannein bisschen besser mit ihm Schritt halten.

Und das alles nur, um wieder einen etwas flacheren Bauch zu bekommen.Eine Schwimmbadfigur. Mit der man sich auch mal oben ohne sehen lassenkann. Und dann schwupps bin ich nicht mehr allein. Oder so ähnlich. Manwird sehen!

Liebe Grüße an deinen Freund!


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