Schwul bei der Bundeswehr?

Redaktion Von Redaktion

(Fast) jeder junge Mann steht nach Beendigung seiner Schullaufbahn oder aber spätestens zu seinem 18. Geburtstag vor der Wahl: Bund oder Zivi? Gerade schwule Jugendliche tendieren hier eher zum Zivildienst, da die Bundeswehr als letzte Bastion männlichen Chauvinismus verschrien ist.

(Fast) jeder junge Mann steht nach Beendigung seiner Schullaufbahn oder aber spätestens zu seinem 18. Geburtstag vor der Wahl: Bund oder Zivi? Gerade schwule Jugendliche tendieren hier eher zum Zivildienst, da die Bundeswehr als letzte Bastion männlichen Chauvinismus verschrien ist.

Wir wollten herausfinden, ob dieses Vorurteil gerechtfertigt ist und der 19-jährige Peter, ein junger Schwuler, der momentan seine Wehrpflicht als Obergefreiter bei den Fern-meldeaufklärern ableistet, war bereit uns ein paar Einblicke in seine Erfahrungen beim Bund zu gewähren. Haben die Reformen zur Gleichstellung homosexueller Soldaten schon Früchte getragen?

Gelegentlich wird von Übergriffen auf Schwule bei der Bundeswehr geredet. Auch selbst wird die Bundeswehr oft als "Schwuler Verein" betitelt. Wie ist es also als Schwuler bei der Bundeswehr und was tut die Bundeswehr für die Toleranz gegenüber Homosexualität:

dbna: Hi Peter, schön das Du Zeit gefunden hast.
Peter: Kein Ding.

dbna: Also, was mich erstmal interessiert, wie lange weißt du denn schon, dass du schwul bist?
Peter: Seit gut 4 Jahren und ich bin mir meiner Sache ziemlich sicher. Viele haben es erst als Phase abgetan, aber ich wußte gleich was mit mir los war. Habe dann auch gleich versucht Kontakte mit anderen Schwulen zu knüpfen.

dbna: Was ja, wie man sieht, gut geklappt hat. Was hat Dich als Schwuler jedoch nun bewogen überhaupt zur Bundeswehr zu gehen?
Peter: Hmm, komische Frage. Was hat denn Heterosexuelle bewogen? Ich glaube, das sind bei mir ähnliche Gründe gewesen. Ich wollte einfach weg von zuhause, selbständig sein und mal was erleben. Ich bin kein heroischer Vaterlandsverteidiger, bin aber schon bereit, mal eine Waffe anzufassen. In meiner jetzigen Aufgabe muss ich das zwar weniger, aber in der Grundausbildung wurden wir schon gut an Waffen ausgebildet. Ich bin mehr so der Typ der was erleben will. Zivi wäre für mich wohl die langweiligere Alternative gewesen.

dbna: Hast du denn bei der derzeitigen Lage keine Angst?
Peter: Ja sicher, die hat aber jeder und ich hoffe, dass man das lieber alles auf diplomatische Weise löst. Die Waffe sollte die allerletzte Möglichkeit sein.

dbna: Wissen denn eigentlich deine Kameraden das Du schwul bist?
Peter: Ein paar wissen davon. Ich wurde einfach gefragt, weil ich nie über Frauen redete, ob ich wohl schwul sei. Ich antwortete schlicht und einfach: ja.

dbna: Klingt ja nicht so als ob du nun jetzt wirklich glücklich über diese mutige Aussage bist. Wie haben es denn deine Kameraden aufgenommen?
Peter: Nun, wirklich glücklich bin ich teilweise nicht drüber. Es gibt einige, die sich drüber lustig machen. Aber ich glaube das würde und wird mir wohl auch in einer Lehr- bzw. Arbeitsstelle widerfahren. Aber dann gibts auch die wirklich netten Kameraden, die das total verstehen, mit denen man auch was unternehmen kann und auf die ich absolut zählen kann. Das macht dann doch die Sache mehr als wett.

dbna: Gab es denn schon mal ein größeres Problem damit, dass du so offen warst?
Peter: Naja, mein Gruppenführer war wohl garnicht so begeistert von mir. Vielleicht lags auch an meiner Person selbst. Ich habe das einfach mal beim Zuführer vorgetragen und dann war Ruhe.

dbna: Was heißt denn begeistert?
Peter: Er hat mich gerne ein bischen rumkommandiert, mir extra Aufgaben erteilt und gerne mal einen dummen Spruch von der Lippe gelassen.

dbna: Und dein Zugführer weiß nun auch, dass du schwul bist?
Peter: Nein, ich habe nur mit ihm über das Problem der Schikane selbst gesprochen. Ich muss das nun so breit auch nicht austreten.

dbna: Weißt Du denn von anderen Schwulen in deiner Einheit oder hier im Regiment?
Peter: Ja klar. Ich bin hier nicht der einzige Schwule. Dies scheint wirklich ein schwules Regiment zu sein. Na okay, ich will es nicht überbewerten. Ich kenne noch zwei andere, inklusive dir, die hier Dienst tun und taten.

dbna: Okay, was ist denn mit dem anderen? Trefft ihr euch? Habt Ihr auch Sex, so wie das für nen schwulen Soldaten angeblich üblich ist? Wie habt Ihr euch denn kennengelernt?
Peter: Na aber jetzt mal hallo. Also kennengelernt hab ich ihn schon vorher über eine Kontaktanzeige. Da wir uns jedoch gegenseitig nicht gefielen, blieb es bei einer netten Freundschaft. Ich war umso überraschter, als ich ihn dann hier sah. Wir unternehmen auch gelegentlich was zusammen. Er ist jedoch hier im Regiment ungeoutet und das soll auch so bleiben. Aber wer glaubt, dass Schwule den ganzen Tag nur Sex bei der Bundeswehr haben, irrt hier gewaltig. Mal wieder typisch.

dbna: Glaubst Du von Seiten der Bundeswehr tut man genug für die Toleranz oder wird man eher unterdrückt und hat wenig Chancen als Berufs- oder Zeitsoldat, wenn man so ehrlich mit seiner Sexualität umgeht?
Peter: Sicher überlegen sich die Herrn Generäle etwas, aber das Thema ist dann doch nicht so wichtig für sie. Allgemein gilt hier Toleranz und Kameradschaft. Das Letzte, was sie sich ja überlegt haben, war, soweit ich das in Erinnerung habe, dass es Schwulen beim Bund verboten ist miteinander Sex zu haben. Aber das Gleiche gilt auch für Heteros.

dbna: Du meinst also, es ist erträglich. Was kannst du einem Schwulen raten, der nun auch zur Bundeswehr möchte. Gibt es bestimmte Dinge, die man beachten sollte?
Peter: Das ist eigentlich ziemlich simpel. Macht eure Sexualität nicht zum Hauptthema und Grund wenn ihr mal negativ behandelt werdet. Überlegt euch genau, wem ihr euch offenbart. Oft ist der Übergang zwischen Arbeit und Freizeit fließend und man sollte Arbeit und ziviles Freizeitleben gut auseinanderhalten. Vieles liegt an einem selbst. Hier ist Kameradschaft ganz wichtig. Sei Kamerad und automatisch werden dir Achtung, Respekt und Freundschaft entgegenbracht.

dbna: Wielange hast Du denn eigentlich noch abzudienen?
Peter: Noch 1 ½ Monate.

dbna: Scheinst dich schon sehr auf dein Ausscheiden zu freuen. Würdest du nochmal den Weg des Soldaten wählen?
Peter: Ich denke schon. Das einzige, was mir im Nachhinein nicht so passte, war die Entfernung von Freunden und Familie. Der kleine Wehrsold ist auch nicht das Wahre, aber man kann mal neun Monate damit auskommen.

dbna: Vielen Dank für das Gespräch und deine Zeit.
Peter: Keine Ursache. Ich fühle mich jetzt wie nach einem Psychologengespräch.

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Weitere Quellen: Bilder (c) Bundeswehr.de