Schwul in Asien

Redaktion Von Redaktion

Asien ist nicht nur der größte Kontinent unserer Erde, er ist auch der am stärksten bevölkerte. Entsprechend zu den verschiedenen Kulturen und Geschichten der Länder dieser Region sind auch die Haltungen zu Homosexualität unterschiedlich.

Asien ist nicht nur der größte Kontinent unserer Erde, er ist auch der am stärksten bevölkerte. Im Gegensatz zu anderen Kontinenten wie z.B. Europa gibt es deshalb auch keine einheitliche Kultur: China, Indien, Thailand, das sind alles sehr unterschiedliche Länder. Entsprechend zu den verschiedenen Kulturen und Geschichten der Länder sind auch die Haltungen zu Homosexualität unterschiedlich. Woher diese Haltungen kommen, und wie sie eigentlich genau aussehen, das wollen wir euch in diesem Artikel zeigen.

 

INDIEN

Hinduismus:

Auf dem großen Subkontinent sieht die Lage nicht sonderlich gut aus. Indien ist stark vom Hinduismus und der damit verbundenen Kastenordnung geprägt. Man tut, was einem die Kaste vorschreibt, Abweichungen vom patriarchalischen und heterosexistischen Normverhalten werden von der Gesellschaft kaum geduldet - nur in größeren Städten beginnt diese Gesellschaftsordnung zu bröckeln.

Sexualität wird dem Bereich der Maya, der Welt des Scheines und des Truges, zugeordnet, und generell nicht sonderlich hoch eingeschätzt. Im Kamasutra, einem alten, höfischen Erotiklehrbuch gibt es zwar ein ganzes Kapitel namens "Auparishtaka" (Oralverkehr), allerdings sind die u.a. in diesem Teil beschriebenen homosexuellen Sexpraktiken den heterosexuellen klar untergeordnet.

Früher wurde Homosexualität in Indien toleriert, teilweise sogar zelebriert, obwohl es auch damals schon religiöse Gesetzesbücher gab, die dafür scharfe Strafen aussprachen. Die Britischen Kolonialherren haben diesen Umgang mit Homosexualität für unchristlich befunden, und im Jahre 1860 das indische Strafgesetzbuch eingeführt, inklusive dem bis heute bestehenden Artikel 377: "Unnatürliche Vergehen - Wer freiwillig Geschlechtsverkehr gegen die Gesetze der Natur mit einem Mann, einer Frau oder einem Tier hat, soll dafür [...] mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden, und soll Bußgeld zahlen." Diese vage Definition - "Geschlechtsverkehr gegen die Gesetze der Natur" - wird meistens so ausgelegt, dass sowohl Analverkehr als auch Oralverkehr zwischen Männern eingeschlossen ist. Der Paragraph könnte natürlich auch auf heterosexuellen Anal- und Oralverkehr angewendet werden - dies scheint allerdings in der Praxis nicht üblich zu sein. Auch der Artikel 294, der "obszönes Verhalten in der Öffentlichkeit" unter Strafe stellt, wird dazu benutzt, um Schwulen das Leben schwer zu machen. Gegen die homophobe Anwendung dieser beiden Artikel hat sich allerdings Widerstand gebildet, der in Form von lokalen Gruppen unter anderem in Bombay, Shaki und Aramh aktiv ist.

Lesben haben es in Indien allerdings noch schwerer als Schwule, da Indien sehr patriarchalisch strukturiert ist. So muss das Mädchen den Weisungen des Vaters folgen, heiraten, und "untersteht" dann dem von den Eltern ausgesuchten Ehemann. Außerhalb einer Familie kann eine Frau in Indien kaum überleben. "Eine Frau ohne Ehemann ist wie gekochter Reis: geschmacklos, unappetitlich und nutzlos", so ein indisches Sprichwort. Dementsprechend haben zwei Frauen zusammen auch keine besseren Chancen.

Buddhismus:
Die zweite aus Asien stammende Weltreligion ist der Buddhismus. Der Buddhismus ist eine ausgesprochen tolerante Religion. Gegen Homosexualität hat er aber etwas, wird oft behauptet. Das stimmt so aber nicht. Ziel des Buddhisten ist die "Reduktion emotionaler Bindungen, des Verlangens nach Gütern, nach Ruhm, nach Sex", wie seine Heiligkeit der Dalai Lama, Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, in einem Gespräch mit der Zeit erklärte. Dementsprechend ist jeglicher Sex, der nicht der Reproduktion dient, wie Onanieren, Oral- oder Analverkehr, auch unter Eheleuten, dem Weg zur Erleuchtung entgegengesetzt - allerdings ist jedeR für das Erlangen der Erleuchtung selbst verantwortlich. "Das gilt für Gläubige. Nichtgläubigen schreibt der Buddhismus nichts vor." Diese hätten, nach Meinung des Dalai Lama, "wohl ein Recht auf solche Beziehungen. [...] Und die Frage der [homosexuellen] Heirat sollte entsprechend der jeweiligen Landesgesetze geregelt werden."

CHINA

China war - bis zur sozialistischen Kulturrevolution - stark vom Buddhismus geprägt, aber auch vom Konfuzianismus. Konfuzius, der Religionsbegründer, sagt, dass eine Kultur Kinder produzieren können und wollen muss. Seit der Kulturrevolution wird offen homosexuelles Verhalten in China nicht toleriert. Nach der Meinung der Vereinigung der Chinesischen Psychiater ist Homo- sexualität nach wie vor eine "Persönlichkeits- störung", und in den Medien wird Homosexualität nur im Zusammenhang mit Krankheiten, AIDS oder Kriminalität erwähnt. Gesetze explizit gegen Homosexualität gibt es nicht. Unter dem Vorwand des "Hooliganis- mus" werden allerdings ab und an Schwule in Untersuchungshaft genommen oder zu Bußgeldern verurteilt. Der Artikel 106 stellt "Verstöße gegen die öffentliche Moral" unter Strafe von bis zu fünf Jahren und wird ebenfalls gegen Schwule angewandt. Die gesellschaftliche Ignoranz und Diskriminierung führt bei vielen Schwulen und Lesben zu Selbsthass und Angst - viele verstehen ihre sexuellen Neigungen erst gar nicht, schließlich ist es für die meisten ChinesInnen nicht möglich, an objektive Informationen zu kommen.

"Ein öffentliches Coming Out wäre ein Desaster für eine gewöhnliche Person - man würde gefeuert und aus der Gesellschaft ausgestoßen", so der 23jährige chinesische Politikstudent David, der das Glück hatte, sich in der Universitätsbibliothek informieren zu können und so mit 22 seine Gefühle zu verstehen lernte. So etwas wie eine Schwulenbewegung gibt es in China auch kaum, einerseits wegen dem mangelnden Zusammenhalt der kleinen schwulen Community, zum anderen wegen dem Fehlen jeglicher staatlicher Unterstützung. "Ein Wandel wird nicht schnell kommen. Wir können nicht anfangen, über Schwulenrechte zu sprechen - wenn man in China zu schnell zu weit vorstößt, erreicht man genau das Gegenteil", sagt Wu Chunsheng, einer von Chinas wenigen AktivistInnen.

Dass es in einer derartigen gesellschaftlichen Situation schwer ist, einen Freund/eine Freundin zu finden, ist logisch. "Viele chinesische Homosexuelle haben nicht eine homosexuelle Beziehung in ihrem gesamten Leben", so Wu. "Spätestens mit 30 sind mehr als 90 Prozent der Schwulen verheiratet - weil der soziale Druck sie glaubend macht, sie hätten keine Wahl." Sie haben höchstens schnellen, unsafen Sex auf öffentlichen Toiletten. Danach kehren sie zurück nach Hause zu ihren Ehefrauen und täuschen weiter ein heterosexuelles Leben vor.
Schwule Treffpunkte sind rar. In Beijing [Peking] gibt es neben einem öffentlichen Park nur eine Disco in einem 5-Sterne-Hotel, in der in manchen Nächten mehr als ein Drittel der Discobesucher schwul sind. Wirkliche Intimität ist aber sogar hier tabu - außerdem ist die Disco für den Großteil der chinesischen Bevölkerung viel zu teuer.

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