Schwule Chromosomen?

Patrick Fina Von Patrick Fina

Dass Homosexualität zum Teil genetisch bedingt sein könnte,vermuten Wissenschaftler schon lange. Jetzt hat man in einer Studiesogar mehrere Bereiche im Erbgut gefunden, die die sexuelleOrientierung beeinflussen könnten.

Wow,war das ein Aufwand! Ganze 456 homo- und heterosexuelle Männer ausinsgesamt 146 Familien brauchte es, um eine neue Theorie zur Entstehungvon Homosexualität zu begründen. Die Frage, wie die sexuelleOrientierung eines Menschen beeinflusst wird, brennt denWissenschaftlern weltweit bereits seit Jahren unter den Nägeln. Schonin der Vergangenheit lieferten zahlreiche Zwillingsstudien undUntersuchungen von Familien mit schwulen Söhnen Hinweise darauf, dassbei der sexuellen Orientierung vor allem auch die Gene eine wichtigeRolle spielen. Ein einzelnes, verantwortliches Gen konnte allerdingsnie entdeckt werden und existiert wahrscheinlich auch nicht, wie manjetzt herausgefunden hat. Brian Mustanski von der University ofIllinois in Chicago stieß nämlich gemeinsam mit seinen Kollegen aufgleich drei Bereiche im männlichen Genom, die Einfluss auf diesexuellen Vorlieben haben könnten.

Was hat Brian Mustanski anders gemacht als seine Kollegen? Erstmalswurde das gesamte menschliche Erbgut nach einem Auslöser fürHomosexualität durchsucht. Studien aus früheren Jahren hatten sichimmer nur auf das X-Chromosom konzentriert. Mustanski brachte auf allen22 autosomalen Chromosomen und dem X-Chromosom molekulare Markierungenan, mit deren Hilfe er das Erbgut von homosexuellen und heterosexuellenMännern vergleichen konnte. Er staunte nicht schlecht, als er dabei aufDNS-Strecken in den Chromosomen 7, 8 und 10 stießen, die bei 60 Prozentder Probanden übereinstimmte. Würde es sich hierbei um eine reineZufallsverteilung handeln, käme man maximal auf eine Übereinstimmungvon 50%.

IstHomosexualität also nur eine Frage der Gene? "Nein", sagt Mustanski."Wir vermuten, dass eine ganze Reihe von Genen, die mit möglicherweiseUmwelteinflüssen zusammenwirken, Unterschiede in der sexuellenOrientierung erklären können." Ein einzelnes "Schwulen-Gen" gibt s alsonicht, "dafür ist Homosexualität eine viel zu komplexe Eigenschaft."Ein weitere Schritt also in die richtige Richtung. Ob dieChromosomenbereiche, die man für männliche Homosexualitätverantwortlich glaubt, auch bei lesbischen Frauen oder bisexuellenMenschen eine Rolle spielen, ist leider noch unklar. Mustanskis Studiekonzentrierte sich ganz und gar auf homosexuelle Männer.

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Weitere Quellen: spiegel.de