Schwule Generationen

Redaktion Von Redaktion

Rudi ist seit 35 Jahren verheiratet. Jeden Freitag geht er kegeln. Zumindest glaubt das seine Frau. Stattdessen sitzt er in einer schwulen Freizeitgruppe. Viele ältere Schwule erleben ihr Outing erst spät oder nie. Ihre Erfahrungen könnten nicht unterschiedlicher sein.

Rudi, 68, ist seit 35 Jahren verheiratet. Jeden Freitag geht er kegeln. Zumindest glaubt das seine Frau. Stattdessen sitzt er in einer schwulen Freizeitgruppe. Wie Rudi ist fast jeder fünfte Schwule über 55 ungeoutet. Viele von ihnen haben Ablehnung und Bestrafung erfahren.

Ich treffe Rudi bei "Gay and Grey" in Düsseldorf. Die Gruppe für ältere Schwule organisiert Videoabende, kocht und diskutiert gemeinsam. Hier treffen sich Männer, die mit dem Bewusstsein aufgewachsen sind, Schwulsein sei etwas Schändliches. Wenn denn überhaupt darüber gesprochen wurde. Das Totschweigen von Homosexualität, das ist der Riesenbetrug, der vielen hier widerfahren ist.

Mehrere Generationen von Schwulen

Alter beginnt bei Schwulen schon ab 40, glaubt man Stefan Jüngst. Er hat bis 2005 das Schwule Seniorenbüro in Nordrhein-Westfalen koordiniert. Schaut man genauer hin, entdeckt man, dass es mehrere Generationen älterer Schwuler gibt. Entscheidende Bruchstelle ist die Entschärfung des Schwulenparagrafen 175 Ende der 60er-Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik etwa 50.000 Männer nach dem zu NS-Zeiten verschärften Homosexualitätsverbot bestraft. Sie sind heute über 60. Einer von ihnen ist Gerd, 77. Er wurde 1949 wegen schwulen Verkehrs zu einer Geldstrafe verurteilt.

Dass ich Gerd bei "Gay and Grey" treffe, ist wohl eher ein Glücksfall. Die Hälfte der alten Schwulen lebt isoliert. Aber bei Gerd ist sowieso einiges anders als die Statistiken es vorgaukeln. Er ist im Freundeskreis geoutet, hatte mit 18 seinen ersten Freund, das war kurz nach dem Krieg. 45 Jahre lebte er in einer schwulen Beziehung, bis sein Partner starb. Nichts mit Verstecken, nichts mit Altersisolation, nichts mit verinnerlichter Homophobie.

Die eher schwulenfeindliche Atmosphäre der Anfangsjahre der Bundesrepublik führte bei manchen Schwulen dazu, dass sie homophobe Normen soweit übernommen haben, dass sie sich bis heute selbst verleugnen. Sie kompensieren das durch viel Arbeit oder die Flucht in Hetero-Beziehungen.

Aufbruch mit den 68ern

Im gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 60er-Jahre wurde der Schwulenparagraf 1969 und 1973 soweit abgeschwächt, dass nur noch schwuler Sex mit Minderjährigen strafbar war. In dieser Zeit erhielt auch die Homosexuellenbewegung Aufwind. Wer sein Coming-Out nach 1969 erlebte, bekannte sich zumindest nicht mehr zu etwas Verbotenem.

Doch das heißt nicht, dass Schwulsein über Nacht Normalität geworden wäre. Das weiß auch Michael aus Köln. Der heute 50-Jährige hatte sein Coming-Out im Jahr 2000. Damals ließ er sich scheiden. Er hat eine 20 Jahre alte Tochter, die es in Ordnung findet, einen homosexuellen Vater zu haben. Michael kennt aus der Kölner Selbshilfegruppe "Schwule Väter" viele, die noch verheiratet sind. Ein Drittel der Schwulen über 45 führt oder führte ein heterosexuelles Leben mit Frau und Kindern.

Ein solches Leben kennt Butz. Er musste 1969 heiraten, obwohl er wusste, dass er schwul ist. Er sollte die Dorfbäckerei seiner Adoptiveltern übernehmen. "Mir blieb nichts übrig", sagt er heute rückschauend. Zu einem Schwulen wären die Leute nicht mehr ins Geschäft gekommen. Nach 13 Jahren ist er gegangen. Heute ist er dreifacher Großvater. "Es funktioniert hervorragend", sagt Butz nicht ohne Genugtuung. Es hat sich Normalität eingestellt.

Der 61-Jährige leitet in Köln die Gruppe 50plusminus, eine Freizeitgruppe, die auch für Jüngere offen ist. "Mit 45 gehen viele aus der Szene raus", sagt Stefan Jüngst. "Das liegt daran, dass sie keine Lust mehr auf Discos haben, aber auch weil viele Jüngere sie da nicht mehr sehen wollen. Immerhin ein Drittel stimmt der Aussage zu: Mit über 40 hast du nichts mehr in der Szene zu suchen." Butz geht auch mit über 60 noch in die Disco "so lange es mir Spaß macht." Ablehnung hat er noch nie erlebt. Es liege wohl aber am selbstsicheren Auftreten, fügt er an.

AIDS tötet nicht nur Menschen

Auch André ist mit 45 noch längst nicht alt und passt trotzdem gut in die Gruppe 50plusminus. Sein Coming-Out hatte er 1983 mit 21 Jahren kaum anders als Jugendliche heute. Ja, er sei fünf Mal an der Tür eines schwulen Cafés vorbei gelaufen, bevor er es betreten habe. Aber Unsicherheit ist auch heute keine Seltenheit nach dem Outing.

Eigentlich will ich meinen Besuch in der Gruppe gerade beenden, da hat er doch noch eine Bitte: Ich solle doch mal den Jüngeren sagen, dass sie, was HIV betrifft, besser aufpassen sollen. Und ich bemerke, was ich die ganze Zeit übersehen habe: AIDS ist prägend für viele über 40. Und es ist ihnen verdammt ernst. Der Ausbruch der HIV-Epidemie in den 80ern hat viele schwule Opfer gekostet.

Die Unsicherheit war groß. Ein paar Jahre verzichtete man sogar auf Küsschen zu Karneval, erinnert sich Butz. André hat zwei Freunde durch AIDS verloren. In der Runde geht es vielen ähnlich. Stefan Jüngst erklärt die krassen Auswirkungen: "Zentrale Figuren der Szene sind weggestorben." Gerade die Macher, die zu allen Kontakt hatten, waren auch am stärksten gefährdet. Sie fehlen der heutigen Generation. AIDS tötet also nicht nur Menschen, sondern auch soziale Strukturen. Damals wie heute.

Das böse Vorurteil

Das späte Coming-Out vieler älterer Schwuler bringt Probleme mit sich. Nicht nur dass das soziale Umfeld unsicher wird; die verleugnete Zeit in der Heterosexualität kann man nicht mehr nachholen. Viele Schwule, die sich erst spät outen, hatten noch nie Sex mit einem Mann. Das pauschale Bild vom alten schwulen Lüstling, der den Jungen an die Wäsche will, trifft allerdings nicht zu. Bei 50plusminus hält man das Bild für eine Plattitüde, die sich so rumspricht. Viele leben hier in langjährigen Beziehungen. Und neu sind die Vorwürfe auch nicht. "Ich kenne das Vorurteil seit 20 Jahren", sagt André.

Es gibt wenig Szene für Ältere. Freizeitgruppen wie Gay and Grey oder 50plusminus sind ein Weg, sie sind ungezwungener als Kneipen. Viele in den letzten Jahren gegründete Gay-and-Grey-Gruppen in Nordrhein-Westfalen sind aber wieder verschwunden, nachdem die Landesregierung 2005 die Koordinatorenstelle für das Schwule Seniorenbüro gestrichen hat.

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