Schwuler Gruppenzwang

Redaktion Von Redaktion
Schwuler Gruppenzwang
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Oliver Spinedi war mit schwulen Freunden im Urlaub. Dabei musste er feststellen, dass er nicht über Proseccomarken diskutieren und den gängigen Klischees entsprechen will. Schwuler Gruppenzwang adé!

19.38 Uhr, Flug BA 988 von London nach Berlin. Ein Dienstag. Ich sitze in dem irgendwie viel zu engen Sitz und beiße in ein leckeres Käsesandwich mit Kresse, dass mir der Flugbegleiter mit einem freundlichen Augenzwinkern serviert hat.

Ein Augenzwinkern, das intensiv genug war, um ein kleiner Flirt sein zu können. Eine Situation, in welcher ich sonst zumindest freundlich reagiert hätte, vielleicht sogar mit einem Lächeln oder dem frechen Grinsen, das man mir manchmal nachsagt. Doch irgendwie kann ich heute nicht. Irgendetwas blockiert mich, und ich reagiere... überhaupt nicht.

Irgendwie bin ich ausgelaugt, und Schwule kann ich einfach auch nicht mehr sehen. Ich bin auf dem Rückflug von meinem Silvesterurlaub, den ich mit sage und schreibe 14 Schwulen verbracht habe. 14. Schwule. Ausschließlich. Keine Frauen, keine Heteros, dafür aber 14 schwule Männer, die mich jedes Klischee über selbige Gattung wieder entdecken lassen, von dem ich jemals gehört habe.

elbotho/photocase.com

Urlaub in schwul: Disput über die beste Proseccomarke

Was anfänglich noch super lustig war, wird mir irgendwann einfach zuviel und entpuppt sich als wahrer Albtraum. Das bewusst aufgesetzte Rumgetucke, das dauernde Reden über Schwänze und Sex, seltsame Vorurteile gegenüber Lesben und ein Disput über die beste Proseccomarke gehen mir irgendwann total auf die Nerven. Und plötzlich passiert etwas Seltsames: Plötzlich bin ich der Außenseiter, konfrontiert mit der Erwartung an mich, es allen anderen gleichzutun. Ich mache mich zum Spaßverderber, weil ich nicht in dieser Welt voller kunterbunter Klischees mitspiele.

Aber warum sollte ich. Warum muss ich mir plötzlich die lustige Schwulenmaske aufziehen, in die ich oder andere Schwule doch sowieso schon so oft gesteckt werden? Eigentlich hatte ich indirekt die Erwartung, dass ich so mal nur unter Schwulen ganz ich selber sein kann, ohne mit irgendwelchen Rollenerwartungen konfrontiert zu werden. Einfach so. Komisch, dass mir das gerade hier passiert.

Warum haben Schwule immer ihr Extra-Ding?

Plötzlich wundere ich mich über mich selbst. Warum? Warum nur wollte ich unbedingt nur unter Schwulen sein? Plötzlich fällt mir eine Freundin von mir ein, die mich mal gefragt hat: "Warum haben Schwule und Lesben eigentlich immer ihr Extra-Ding nur für sich?"

Meine Antwort damals war: "Weil man sich manchmal einfach wohler fühlt, wenn man nicht dauernd fragende, erschrockene oder empörte Blicke ertragen muss. Weil ich da keine Position zu meiner sexuellen Orientierung beziehen muss, weil sie da nicht so wichtig ist." Und plötzlich ist sie doch wieder so wichtig, meine Rolle als Schwuler unter Schwulen.

20.01 Uhr, Flug BA 988 von London nach Berlin. Ich sitze in dem irgendwie viel zu engen Sitz und begreife, was ich vermisst habe: Akzeptanz. Akzeptanz von Anderssein. Akzeptanz von Vielfalt. Einfach einen Haufen interessanter Menschen, egal welchen Geschlechts, egal welcher sexuellen Orientierung. Verschiedene Menschen, die interessante Geschichten mitbringen. Menschen, die sich vielleicht auch, aber eben nicht nur durch ihre sexuelle Orientierung definieren, und Menschen, die einfach so sind, wie sie sind. Und Menschen vor allem, die auch mich nicht durch meine sexuelle Orientierung definieren.

Klar ist auf jeden Fall: Auch Schwule haben ihre eigenen Rollenvorstellungen von Schwulen, ihre eigenen Klischees und manchmal prägen sie sie sogar entscheidend mit. Wo aber kommen wir denn hin, wenn wir uns den Schuh anziehen, den uns die anderen hinstellen? Doch nur dahin, wohin sie uns tragen sollen. Da gehe ich doch lieber meinen eigenen Weg...

Der Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin "out!"
des schwul-lesbischen Jugendnetzwerks Lambda e.V.

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